Herr Wildersinn, bevor wir nach vorne schauen, was war für Sie die Haupterkenntnis der vergangenen Saison?
Dass Veränderungen notwendig sind. Dass wir frische Elemente reinbringen müssen, um neue Energie zu bekommen, die uns im Verlauf der vergangenen Saison fehlte. Wir mussten generell ein paar alte, gewachsene, lange Zeit erfolgreiche Strukturen verändern, Muster aufbrechen, um etwas Neues wachsen zu lassen.
Auffallend ist die starke Verjüngung des Teams. Von den Spielern im Abwehrzentrum inklusive Torhüter ist keiner älter als 22. Ist diese fehlende Erfahrung nicht auch ein Risiko, speziell in heißer Atmosphäre wie etwa in Offenbach?
Erfahrung kann grundsätzlich nicht schaden. Aber der jugendliche Elan und die Frische sind auch wichtig. Entscheidend ist, dass wir von der Qualität der Spieler absolut überzeugt sind. Viele stehen noch in der Anfangsphase ihrer Karriere und haben das Potenzial, sich deutlich weiterzuentwickeln. Das Ziel ist, die Spieler mit ihren Aufgaben wachsen zu lassen.
Das Kernproblem war weniger die Defensive, eher die fehlende Durchschlagskraft im letzten Drittel. Ist die Verpflichtung eines gestandenen Mittelstürmers nicht noch unabdingbar?
Der Plan war schon, mit drei Mittelstürmern in die Saison zu gehen. Das macht uns flexibel. Derzeit haben wir mit David Braig und Marlon Faß nur zwei, Meris Skenderovic sehe ich eher auf dem Flügel. Deshalb schauen und hören wir uns weiter um. Das gilt aber generell auch für viele andere Positionen. Zum Neuner-Markt: Der ist schon sehr, sehr umkämpft. Deshalb müssen wir geduldig sein und auf unsere Chance warten. Wenn sich etwas ergibt, schnappen wir zu. Wenn nicht, ist unser Kader ausgewogen genug, um das auffangen zu können.
Wie denn?
Wir wollen Offensivpower über das Kollektiv entwickeln. Wir brauchen auch Torgefahr über die Außen und über die Positionen hinter den Stürmern. Da haben wir auch noch viele Entwicklungspotenziale.
„Alphatiere gab es früher mehr“
Ein Mentalitätsspieler mit Wucht und Dominanz, ein Typ wie Luigi Campagna oder Ruben Reisig, täte dem Gesicht der Mannschaft auch gut – oder sehen Sie das anders?
Auch diesen Spielertyp will jeder und der ist nicht leicht zu verpflichten. Diese Alphatiere gab es früher mehr und du musst sie auch bezahlen können. Generell hat sich der Fußball da aber auch verändert und solche Themen werden immer mehr im Kollektiv gelöst. Unser neuer Kapitän Lukas Kiefer oder auch die Spieler im Mannschaftsrat wie Maxi Zaiser wirken vielleicht nicht so extrovertiert. Aber wenn ich sehe, wie sie sich voller Leidenschaft reinhauen, dann ist das viel mehr wert. Sie marschieren voran. Sie zeigen Mentalität. Und letztendlich musst du als Mannschaft griffig, körperlich und aggressiv sein. Das war in den vergangenen Testspielen durchaus auch der Fall. Und darum geht es am Ende des Tages.
Dennoch drängt sich der Verdacht auf, dass es noch die eine oder andere Transferperiode dauert, bis der Kader optimal zusammengestellt ist.
Klar ist: Die Zusammenstellung eines optimalen Kaders, um einen neuen Weg einzuschlagen, schaffst du nicht in einer oder zwei Transferperioden. Aber: Unser Sport-Geschäftsführer Lutz Siebrecht mit seinem Team macht da einen super Job. Wir sind auf einem wirklich guten Weg.
Was ist mit diesem Kader in der neuen Saison möglich?
Unser Kader hat das Potenzial, eine spannende Entwicklung hinzulegen.
Geht es ein bisschen konkreter?
Schwierig. Zum einen ist die Konkurrenz nicht ganz so leicht einzuschätzen. Die SG Barockstadt-Fulda hat am Wochenende beispielsweise Drittliga-Aufsteiger Schweinfurt 05 mit 3:1 geschlagen. Da kommt schon mal eine schwierige erste Aufgabe auf uns zu. Zum anderen haben wir eine junge Mannschaft, die sich in einem Entwicklungsprozess befindet. Dieser bringt immer Höhen und Tiefen mit sich. Letztendlich geht es darum, möglichst schnell eine gewisse Konstanz zu entwickeln. Ich bin aber überzeugt, dass wir etwas Spannendes auf die Beine stellen werden, das viel positive Energie hat und auch erfolgreich sein und begeistern kann.
Wie lautet das Saisonziel?
Wir wollen die Leute mit unserer Art und Weise, wie wir Fußball spielen, mitnehmen und begeistern. Ein tabellarisches Ziel geben wir nicht aus.
Warum nicht?
Was haben wir davon? Warum sollten wir jetzt sagen, wo wir in einem Jahr stehen wollen? Jeder will so etwas immer hören, aber was bringt es, wenn du dir selbst etwas aufbürdest? Wir sind gut beraten, auf unsere Leistung im Hier und Jetzt zu schauen. Und völlig klar ist doch: Wir wollen in jedem Spiel das bestmögliche Ergebnis erzielen.
„Als Trainer musst du mit allem rechnen“
Bleiben die Ergebnisse aus, steht immer der Trainer im Fokus. Wie sehr hatten Sie am Saisonende um Ihren Job gebangt?
Gebangt habe ich nicht. Auch wenn du als Trainer immer mit allem rechnen musst (lacht). Innerhalb von zwei Wochen kann sich das Blatt komplett drehen. Aber ich bin keiner, der sich extrem viele Sorgen macht. Nachts schlafe ich gut. Ich bleibe im Moment, schaue was ich da positiv beeinflussen kann.
Was wünschen Sie sich für die neue Saison?
Zuallererst nicht noch weitere Verletzungen. Aber natürlich auch, dass sich unser junger Kader weiter so gut entwickelt. Es macht total Spaß mit den Jungs in dieser neuen Konstellation zu arbeiten – und ich hoffe, dass das belohnt wird.
Zur Person
Karriere
Marco Wildersinn wurde am 29. September 1980 in Baden-Baden geboren. Seine Jugendzeit verbrachte er beim FC 04 Rastatt. Dann wechselte er zum Karlsruher SC. Von 2005 bis 2008 spielte der Innenverteidiger für die Stuttgarter Kickers. Als Trainer arbeitete er am längsten bei der TSG 1899 Hoffenheim (2013 bis 2020). 2018 erwarb er die Uefa-Pro-Lizenz, die höchste deutsche Trainerlizenz. Von 2022 bis 2024 trainierte er die Würzburger Kickers in der Bayern-Regionalliga. Seit 18. Juni 2024 ist Wildersinn Chefcoach der Stuttgarter Kickers.
Persönliches
Er ist verheiratet mit Annabelle. Sie haben einen Sohn (Theo/5). Die Familie lebt in Wössingen in der Nähe von Bretten. (jüf)