Mustafa Ünal musste trotz Vizemeisterschaft gehen
Zum Vergleich: In der vergangenen Saison sammelten die Kickers nach der Winterpause 20 Punkte. Und jeder, der es mit den Blauen hält, hat das Drama nach wie vor in denkbar schlechter Erinnerung: Am letzten Spieltag zog der VfB Stuttgart II noch vorbei, den Degerlochern blieb nur der zweite Platz. Für den Verein und die Fans eine Enttäuschung. Obwohl die Mannschaft und das Trainerteam um Mustafa Ünal auf Strecke betrachtet weit Überdurchschnittliches geleistet hatten. Mit einem kampfstarken Kollektiv, ohne alles überragende Einzelkönner, das in der Saison zuvor noch in der Oberliga gespielt hatte.
Zickzackkurs bei den Kickers
Der Verein fasste den Entschluss, sich von Aufstiegstrainer Ünal zu trennen – trotz der Vizemeisterschaft. Auch der seinerzeit noch gültige Vertrag bis 30. Juni 2025 war kein Hinderungsgrund. Warum? Hauptsächlich, weil der Verein der Empfehlung des damaligen Sportdirektors Marc Stein folgte, sich grundsätzlich neu auszurichten, einen großen Umbruch vorzunehmen. Mit neuen Spielern, einer weniger auf schnellem Umschaltspiel ausgerichteten Spielweise, sondern einem dominanteren, mehr auf Kreativität und Ballbesitzfußball ausgelegten Stil – und einem neuen Chefcoach.
Womit wir bei Marco Wildersinn wären. Einem ganz anderen Trainertypen, als es Mustafa Ünal war. Bewusst ausgewählt und vorgeschlagen von Marc Stein. Der ist aber seit Ende Dezember selbst nicht mehr da. Der Verein entschied sich, ihn durch Lutz Siebrecht abzulösen. Aus fachlichen, zwischenmenschlichen Gründen und wegen dessen ausgeprägten regionalen Netzwerks eine Lösung, die so gut wie nirgends auf Kritik stieß, letztendlich aber einen gewissen Zickzackkurs dokumentiert.
Lutz Siebrecht stammt aus der Geislinger „Helmut-Groß-Schule“
Nach dem Kurswechsel im vergangenen Sommer bedeutete der Tausch auf dem Sportdirektoren-Posten (seit Siebrecht umbenannt in Sport-Geschäftsführer) einen Umbruch 2.0. Denn der neue Chef ist als Kind der Geislinger „Helmut-Groß-Schule“ im Tiefsten seines Inneren eher ein Verfechter von Powerfußball mit Intensität und Aggressivität gegen den Ball der Marke Ralf Rangnick oder Markus Gisdol. Aber der 57-Jährige ist lange genug im Geschäft, um zu wissen: Die Mischung macht’s. Eine energiegeladene und kraftvollen Spielweise, mit wuchtigen, auch körperlich robusten Spielern, gepaart mit mehr spielerischen, kreativen Akzenten und vor allem auch dem nötigen Tempo.
Es existieren keine zwei Meinungen, dass es an diesem Mix im aktuellen Kader fehlt. Weshalb an den nötigen Korrekturen unter Hochdruck gearbeitet wird. Und weshalb Wildersinn mit einem schlüssiger zusammengestellten Kader noch eine zweite Chance erhalten soll. Er soll die Möglichkeit bekommen, ein Team zu formen, das nicht so wechselhaft wie in dieser Saison auftritt, sondern konstanter, stabiler, widerstandsfähiger, leidenschaftlicher. Siebrecht jedenfalls bleibt bei seiner Aussage: „Wir gehen mit dem bisherigen Trainerteam in die neue Saison.“
Dass dabei auch die Vertragslaufzeit bis 30. Juni 2026 eine nicht unwichtige Rolle spielt, wird offen keiner aussprechen, ist aber nicht von der Hand zu weisen. Denn die Umbauarbeiten im Spielerkader sind auch verknüpft mit Abfindungen, die Geld kosten.
Vertrag nicht alles entscheidend
Andererseits: Würde es Siebrecht nach seinen diversen Umbauarbeiten Wildersinn nicht zutrauen, bessere Leistungen herauszukitzeln, würde er – Vertrag hin oder her – dennoch einen sofortigen Trainerwechsel befeuern. Und es wäre bei allen Sparzwängen nicht das erste Mal, dass der „blaue Adel“ dafür das nötige Kleingeld locker machen würde.
Doch dem aktuellen Coach wird von allen Seiten ein gutes Training und hervorragendes Fachwissen attestiert. Was Mannschaftsführung und die Themen Emotion und Kommunikation angeht, sickert dagegen schon einmal leise Kritik am Fußball-Lehrer durch. Wobei am Ende ohnehin die nackten Ergebnisse der entscheidende Gradmesser sind. Weshalb Wildersinn ein neuerliches Fiasko seiner Mannschaft zum Saisonschluss gegen Hessen Kassel tunlichst vermeiden sollte.