Bei den Stuttgarter Kickers gibt es einige Aspekte, die Anlass zur Hoffnung geben. Doch gute Leistungen und Ergebnisse vor dem Punktspielstart sind noch lange keine Garantie für eine erfolgreiche Saison, in der es viele Unwägbarkeiten gibt.

Sport: Jürgen Frey (jüf)

Stuttgart - Zu viel ging in den vergangenen Jahren bei den Stuttgarter Kickers schief. Deshalb ist trotz vieler positiver Aspekte auch vor dem Oberliga-Saisonstart an diesem Samstag (14 Uhr) beim FV Ravensburg zu große Euphorie fehl am Platz. Zumal eine Runde voller Unwägbarkeiten ansteht.

Vorbereitung: Sieben Testspiele, drei WFV-Pokalspiele haben die Kickers absolviert. Dabei gab es neun Siege und ein 0:0 bei Regionalligist SG Sonnenhof Großaspach, bei einem Torverhältnis von 48:6 Treffer. Im Gegensatz zur Vorbereitung in der vergangenen Winterpause lief diesmal alles rund. Das Vertrauen in die Automatismen und die eigenen Stärken ist da, aber eine Garantie für einen guten Saisonstart lässt sich daraus eben nicht zwingend ableiten.

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Offensivkraft: In der ersten Oberligasaison unter Trainer Tobias Flitsch kostete die Knöchelverletzung von Torjäger Mijo Tunjic auf der Zielgeraden den Aufstieg. Daraus hat der Verein die Lehren gezogen. In der Offensive gibt es inzwischen ausreichend Alternativen. Der neue Kapitän Tunjic (19 Tore in 20 Saisonspielen 2019/20) hat seinen Zehenbruch rechtzeitig zum Saisonstart auskuriert und bleibt im Sturm gesetzt. Auch Cristian Giles (zehn Treffer 2019/20) hat seinen Torhunger mit drei Treffern beim 4:0 im WFV-Pokal gegen den 1. Göppinger SV eindrucksvoll gezeigt – der Spanier besitzt die besten Karten neben Tunjic zu stürmen. Dahinter lauern Bleron Visoka, Noah Lulic und Winter-Neuzugang David Braig, der gegen die SF Dorfmerkingen eine starke Partie zeigte. „Wir haben fünf unterschiedliche Stürmertypen. Das macht uns für die Gegner schwer ausrechenbar“, sagt Trainer Ramon Gehrmann. Hinzu kam in der Vorbereitung die lange Zeit vermisste Torgefahr aus dem Mittelfeldzentrum. Markus Obernosterer traf regelmäßig, beim 9:1-Pokalsieg beim TSV Plattenhard allein fünfmal, zuletzt gegen Dorfmerkingen einmal. Dies gilt es in den Punktspielen zu bestätigen.

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Erfolgshunger: Laufbereitschaft, Mentalität, Einstellung – all das stimmt seit dem Trainingsstart bei den Blauen. Auch nach klaren Führungen ließ die Mannschaft bis zur letzten Minute nicht locker und legte immer wieder nach. „Viele von uns sind noch angefressen, dass es vergangene Saison nicht mit dem Aufstieg geklappt hat, jetzt sind alle umso heißer, das Ding zu reißen. Dieser unbändige Erfolgshunger kann der entscheidende Faktor sein“, sagt Mittelfeldspieler Nico Blank, der in seine zehnte Saison bei den Kickers geht und neuerdings gemeinsam mit Lukas Kling als stellvertretender Spielführer fungiert.

Breiter Kader: Bei der kommenden Mammutsaison mit 42 Spieltagen ist ein langer Atem gefragt. Die Kickers sind dafür mit ihrem breiten Kader gerüstet. In allen Mannschaftsteilen gibt es genügend Alternativen. Das schürt zudem den Konkurrenzkampf. „Die Spieler sind gezwungen zu liefern – und das in jedem Training“, sagt Gehrmann.

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Neues System: Ramon Gehrmann setzt auf ein 3-5-2-System. Mit Denis Zagaria im Abwehrzentrum sowie Niklas Kolbe und Ruben Reisig (oder Theo Rieg) daneben verfügt das Team über technisch versierte Verteidiger, die für eine gepflegte Spieleröffnung stehen. „Drei zentrale Abwehrspieler hinter sich zu wissen, gibt einem ein gutes Gefühl“, sagt Blank. Der Mittelfeldmann kann öfter mit nach vorne marschieren, und muss sich nicht mehr in dem Maße Sorgen um die Absicherung nach hinten machen, wie früher. Allerdings gilt auch für diesen Bereich: Die neue Kickers-Defensive muss sich gegen starke Gegner im Ligaalltag erst noch beweisen.

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Die Konkurrenten: „Wir sind der größte Verein in der Liga, aber wir haben nicht das größte Budget.“ Ohne den Verein auszusprechen: Lutz Siebrecht, der Sportliche Leiter der Kickers, spielt auf den SGV Freiberg an. Mit hochkarätigen Neuzugängen, der Prominenteste ist der zweitligaerfahrene Marco Grüttner, will das Team von Trainer Evangelos Sbonias spätestens in zwei Jahren in der Regionalliga spielen. Dreht nach dem Aufstieg des VfB Stuttgart II nun der SGV den Kickers eine lange Nase? „Mannschaften mit den vermeintlich besten Spielern, sind nicht immer automatisch vorne dabei“, sagt Gehrmann mit Blick auf den mutmaßlichen Hauptkonkurrenten, „und eine Überraschungsmannschaft gibt es ebenfalls fast immer.“ Er denkt dabei an den Freiburger FC, der vor kurzem Regionalligist Bahlinger SC mit 3:0 aus dem südbadischen Pokal-Wettbewerb warf.

Die Fans: Auch wenn bis auf Weiteres nur 500 Zuschauer erlaubt sind, setzt Gehrmann auf den Faktor Zuschauer-Unterstützung. „Unser Stadion ist schon ein Vorteil, gegen Göppingen und Dorfmerkingen sorgten die Fans für richtig gute Stimmung, vor allem unsere Neuzugänge zeigten sich davon positiv beeindruckt“, so der Kickers-Coach.

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Der Druck: Siebrecht spürt ihn nicht, Gehrmann auch nicht – und die Spieler würden laut ihrem Trainer, wenn sie im Spiel sind, auch nicht daran denken. Die Rede ist vom Druck, der auf den Kickers lastet, im dritten Jahr endlich aus der fünften Liga wieder den Aufzug nach oben zu erwischen. „Natürlich ist unser Ziel der Aufstieg, aber es ist nicht so, dass das Motto heißt: Jetzt oder nie!“, sagt Präsident Rainer Lorz.

Die Finanzen: Andere Oberligisten sind nicht so sehr von den Zuschauereinnahmen abhängig wie die Kickers. Wie lange können die Blauen mit nur 500 Fans pro Heimspiel überleben? Präsident Lorz: „Wir hoffen, dass sich die Situation verbessert, aber so lange sind wir auf die Unterstützung unserer Sponsoren und Dauerkarten-Inhaber angewiesen. Ich bin froh, dass es positive Signale gibt.“

Wir haben Impressionen aus dem WFV-Pokalspiel gegen den 1. Göppinger SV. Klicken Sie sich durch unsere Bildergalerie.

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