Die stationäre und die ambulante Versorgung Schwerkranker in Stuttgart ist so differenziert wie nie.

Stuttgart - Helma Müller (Name geändert) ist eine der ersten Patienten auf der neu eingerichteten Palliativstation im Diakonie-Klinikum. Die 90-Jährige ist mit einem blutenden Magengeschwür aus dem Pflegeheim in die Klinik eingewiesen worden, die Frau litt an starken Schmerzen und ständigem Erbrechen. Gegenüber den Ärzten machte die schwerstkranke Frau deutlich, dass sie weder eine Operation noch eine Bluttransfusion wolle, sondern eine rein palliative Behandlung. Inzwischen sind die Schmerzen und die Übelkeit eingedämmt.

 

Im November hat das Diakonie-Klinikum seine wohnlich eingerichtete Station mit sechs Betten eröffnet und damit einen Kreis geschlossen: inzwischen bieten alle großen Stuttgarter Kliniken eigene Palliativstationen an, in denen vorwiegend Tumorpatienten versorgt werden, aber beispielsweise auch Menschen mit schwersten chronischen Herz-, Lungen- und Nierenerkrankungen. „Inzwischen ist es für große Häuser zur Imagefrage geworden, eigene Palliativstationen anzubieten, auch wenn diese nicht gewinnorientiert arbeiten“, sagt Marion Daun, die Leiterin der Palliativstation des städtischen Klinikums, die seit anderthalb Jahren besteht. Was die Palliativeinheiten von den anderen Stationen unterscheidet, ist vor allem eines: eine bessere personelle Ausstattung auch im pflegerischen Bereich. „Tagsüber sind bei uns zwei Krankenschwestern für maximal sechs Patienten zuständig, auf anderen Stationen kümmern sich drei bis vier Vollkräfte um 32 Patienten“, erläutert Martin Loew, pflegerischer Leiter im Diakonie-Klinikum. Angeboten werden darüber hinaus auf allen Palliativstationen etwa Musik- und Kunsttherapien, die oftmals von Fördervereinen finanziert werden.

Rasante Entwicklung in den vergangenen Jahren

Für Elisabeth Bürger vom Marienhospital sind die Entwicklungen der vergangenen Jahre ein Quantensprung: „Vor 20 Jahren war das Marienhospital das erste Krankenhaus in Baden-Württemberg mit einer eigenen Palliativstation. Damals konnte kaum jemand etwas mit dem Begriff palliativ anfangen.“ Aus den fünf Betten im Marienhospital sind 20 Betten auf zwei Palliativstationen geworden; auch das Konzept ist ein anderes als in den Anfängen: „Wir versuchen die Krebspatienten in einem früheren Stadium der Erkrankung bereits palliativ zu versorgen“, erklärt die leitende Oberärztin Bürger. Deshalb erhalten viele Tumorpatienten parallel eine Chemotherapie oder eine Strahlenbehandlung, während die Schmerztherapie auf der Palliativstation erfolgt. „Früher sind 80 Prozent der Patienten auf der Palliativstation verstorben, heute sind es noch 40 bis 50 Prozent“, erklärt sie die Veränderung in ihrem Haus. Es gehe darum, die Patienten medikamentös gut einzustellen, um sie danach wieder nach Hause oder in ein Hospiz entlassen zu können. „Wir begleiten die Menschen oft über Jahre, in Krisen kommen sie wieder zu uns zurück.“