Stuttgarter Kommunalpolitik in den 1960ern Eine Baugenehmigung für den Kaufhaus-König

Die Gebäudebrücke der Galeria Kaufhof, dem einstigen Kaufhaus Horten, liegt seit Anfang der Siebzigerjahre in der Sichtachse zwischen Rathaus und Tagblatt-Turm. Zurzeit wird das Bauwerk abgerissen. Foto: factum/Freye

Ende der sechziger Jahre erhält Helmut Horten die Genehmigung, sein Stuttgarter Kaufhaus zu erweitern. Oberbürgermeister Arnulf Klett hatte sich persönlich für den ungewöhnlichen Anbau eingesetzt – und konnte sich kurz darauf über eine großzügige Spende an die Stadt freuen.

Stuttgart - Der 23. November 1972 wird für alle Zeit ein historisches Datum in der kommunalen Kulturpolitik der baden-württembergischen Landeshauptstadt bleiben. Das klingt pathetisch – und so ist es auch gemeint. Denn an jenem Donnerstagabend vor gut 48 Jahren beschließt der Stuttgarter Gemeinderat den Ankauf des 1926/27 in Dresden entstandenen Triptychons „Großstadt“, geschaffen von Otto Dix – ein Hauptwerk der Neuen Sachlichkeit des 20. Jahrhunderts. Bis heute ist die grell leuchtende Anklage und Abrechnung dieses Künstlers mit dem Ersten Weltkrieg und seinen Folgen das wichtigste, das zentrale Bild im Kunstmuseum am Schlossplatz.

 

Als es an jenem historischen Donnerstag zum Schwur kommt, votieren 34 der 52 anwesenden Räte mit Ja (Oberbürgermeister Arnulf Klett, die CDU, die FDP sowie Teile der SPD), 13 mit Nein (der Rest der SPD-Fraktion), fünf enthalten sich (die Freien Wähler). OB Klett und seinem Kulturreferenten Hans Schumann glückt damit ein Coup: Am Ende einer monatelangen Zitterpartie, eines zeitweise dramatischen Tauziehens genehmigt ihnen die Mehrheit des eigentlich aufs Sparen fixierten Stadtparlaments nach mehr als zwei Stunden zähen Ringens den Ankauf des Kunstwerks für eine Million D-Mark – zu jener Zeit eine enorme Summe.

Der von den Dix-Erben beauftragte Münchner Kunsthändler Hans Hellmut Klihm – Otto Dix war im April 1969 gestorben – hatte den Stuttgartern ein Ultimatum gesetzt: Wenn am 23. November keine Entscheidung falle, die Stadt ihr Vorkaufsrecht also nicht nutzen wolle oder könne, gehe das Triptychon woanders hin, wahrscheinlich nach Amerika. Ein Ausfuhrverbot für national bedeutsame Kunstwerke besteht in jenen Jahren noch nicht. Der Kunsthändler Klihm lässt sich, nebenbei bemerkt, seine erfolgreiche Erpressung mit einer Provision von 200 000 Mark versüßen.

OB Kletts schwere Sünde

Trotz alledem, in der Rückschau kann es nur ein Urteil geben: Arnulf Klett, damals 67 Jahre alt und seit Mai 1945 im Amt, ist der Vater dieser kulturpolitischen Großtat. Er sagt an diesem entscheidenden Abend: „Was ich in den letzten Tagen und Wochen gemacht habe, das war nicht einfach!“ Was meint der Mann, der stets Fliege trägt, damit?

Zu Beginn der sechziger Jahre ebnet der wirtschaftsfreundliche OB dem Düsseldorfer Kaufhaus-König Helmut Horten einen Weg nach Stuttgart. Dabei begeht Klett eine schwere Sünde, die ihm posthum bis heute anhängt: Das im besten Bauhausstil 1924/26 errichtete Kaufhaus Schocken, schräg gegenüber des Tagblatt-Turms, wird, trotz bundesweit heftiger Proteste, mit Billigung des Rates 1960 einfach abgerissen. Den Neubau an gleicher Stelle entwirft Helmut Hortens Hausarchitekt, der umstrittene Professor Egon Eiermann. Dessen Markenzeichen sind noch heute die quadratisch-weißen Fassadenteile mit dem stilisierten H (wie Horten). In diesen Tagen des Frühjahrs 2021 werden sie an der Eberhardstraße Stück für Stück abgetragen und entsorgt, weil das Gebäude für ein neues Quartier mit Giebelhäusern für Gastronomie, Büros und Wohnungen weichen muss.

Doch blicken wir wieder zurück in jene Zeit, als Giebelhäuser als unmodern und rückwärtsgewandt galten. Ende der sechziger Jahre möchte Helmut Horten sein florierendes Stuttgarter Kaufhaus unbedingt erweitern. OB Klett beauftragt seinen Baubürgermeister Christian Farenholtz und dessen Planer, die gewünschte Expansion um einige hundert Quadratmeter möglich zu machen. Deren clevere Idee: Die Steinstraße gegenüber dem Tagblatt-Turm darf Egon Eiermann quasi wie eine Brücke überbauen, außerdem wird ein Gebäude am Beginn der Eberhardstraße gegenüber dem Hegelhaus genehmigt.

Horten wird zum noblen Gönner

Während also eine kleine innerstädtische Idylle mit einem Brünnele und einigen Sitzbänken verschwindet und überbaut wird, zeigt sich der Kaufhaus-König Horten plötzlich als nobler Gönner: Weil die Stadtplaner aus gutem Grund den geradezu magischen Begriff vom „Planungsgewinn“ in die Debatte werfen, schließlich sei ja zehn Meter hoch über der Steinstraße neues Bauland entstanden, vor allem aber, weil Arnulf Klett hinter den Kulissen ein wenig nachhilft, fließen stattliche 750 000 Mark aus der Horten-Kasse in Richtung Stuttgarter Rathaus. Dessen oberster Chef Klett bleibt „völlig cool“, so würde man heute wohl sagen, und betont ausdrücklich an jenem denkwürdigen Novemberabend vor dem Rat: „Was mit diesem Geld geschieht, bestimme ich kraft Amtes!“

Und was bestimmt dieses knitze, mit allen Wassern gewaschene Stadtoberhaupt? 350 000 Mark aus der höchst hilfreichen Horten-Spende fließen in den Ankauf des Dix-Triptychons. Es ist der höchste Einzelposten, die zum Ankauf alles entscheidende Summe. Den Rest steckt der OB in soziale Projekte.

Hans Schumann, dem schöngeistigen und kunstsinnigen Kulturreferenten, bleibt es vorbehalten, vor aller Öffentlichkeit diese tagesaktuelle Rechnung aufzumachen: „In einer Angelegenheit von kulturpolitischer Tragweite ist die Stunde der Entscheidung gekommen! 350 000 Mark fließen aus der Horten-Spende. Das Land gibt 100 000 Mark. Die Stuttgarter Zeitung spendet 40 000 Mark, die Stuttgarter Nachrichten 25 000 Mark. Der Klett-Verlag gibt 10 000 Mark, das Kunsthaus Nagel 5000 Mark, das Kunsthaus Bühler 3000 Mark. Dazu kommen kleinere Spenden von Bürgern über 7000 Mark.“ Das Sitzungsprotokoll verzeichnet an dieser Stelle „Beifall oder sonstige Zwischenrufe!“ Der Feuerbacher Oberstudienrat Rolf Adam (CDU) schlägt sich auf die Schenkel und ruft laut in den Saal „Hört! Hört!“ Sein Fraktionskollege Roland Sauer begründet wortreich und überzeugend das Ja der Christdemokraten zum Ankauf.

Turbulente Ratsdebatte

Noch am Mittag vor dieser Gemeinderatsitzung fährt OB Klett hinauf zur Villa Reitzenstein, wo ihm Ministerpräsident Hans Filbinger, quasi im letzten Augenblick, 100 000 Mark aus der Landeskasse verspricht und einen Brief mitgibt an den Gemeinderat, in dem es sinngemäß heißt, die Stadtväter sollten Mut beweisen und diese kulturpolitisch großartige Chance ergreifen. Tage später überweist die Firma SEL (Standard Elektrik Lorenz) zudem 25 000 Mark, sodass unterm Strich nur noch etwa 430 000 Mark aus der Stadtkasse für das Dix-Kunstwerk aufgebracht werden müssen.

In der turbulenten Ratsdebatte, die dem mehrheitlichen Ja vorausgeht, zieht Arnulf Klett alle Register seiner Regierungskunst: „Sie dürfen auch einen Oberbürgermeister nicht überfordern“, klagt er an diejenigen gerichtet, die jetzt plötzlich verlangen, er solle doch „beim Daimler und beim Bosch weitere Spenden lockermachen, um den Aufwand der Stadt weiter zu drücken“. Aber das lehnt er strikt ab und verrät mit einem Grinsen: „Von diesen Unternehmen will ich doch Spenden für das neue Planetarium!“

Die Sitzung dauert so lange, bis der Oberbürgermeister seinen Willen bekommt – mal wieder. Nie in seiner 29-jährigen Amtszeit beendet Arnulf Klett eine Ratssitzung vor der Zeit oder verlässt sie, selbst nicht, um ein stilles Örtchen aufzusuchen. Ein ums andere Mal sitzt er seine Gegner aus. Geradezu diebisch freut sich der parteilose Kommunalpolitiker im Nachhinein über die SPD, damals mit 27 von 52 Sitzen die stärkste Ratsfraktion. Deren junger Chef Siegfried Bassler formuliert aus Überzeugung das strikte Nein seiner Genossinnen und Genossen. Er sehe das Dix-Werk lieber in der Staatsgalerie, für die städtische Kunstsammlung sei es „eine Nummer zu groß“. Der soziale Bereich benötige außerdem mehr Geld, da müsse das Dix-Bild eben zurückstehen. Doch in der Abstimmung lassen die meisten Sozis ihren Vormann glatt und sauber im Stich und stimmen mit Ja. Weshalb? Zum ersten Mal filmt das Fernsehen ein Votum im Stuttgarter Rat, da wollen die SPDler nicht als Kunstbanausen in alle schwäbischen Wohnstuben gesendet werden.

Eine Hand wäscht die andere

Fast 50 Jahre später, in diesen Frühlingstagen 2021, lärmen an der Eberhardstraße die Abrissbagger. Die alte Galeria Kaufhof ist Geschichte. Der Horten-Konzern hat sein wertvolles Areal in bester Innenstadtlage längst verkauft, heute gehört es der LBBW-Immobilien. Die „Brücke“ über die Torstraße, für die 1972 unter dem Stichwort „Planungsgewinn“ die legendäre Horten-Spende floss, verschwindet für immer – der Blick vom Tagblatt-Turm zum Rathaus wird wieder frei.

Im Kunstmuseum am Schlossplatz hängt seit Dezember 1972 das magische Triptychon „Großstadt“ von Otto Dix, 1,81 auf 4,02 Meter groß. Wenn es die Pandemie wieder zulässt, sollte man unbedingt mal wieder hingehen. Es ist spektakuläre Kunst! Die verdanken wir in erster Linie natürlich dem Maler Otto Dix, aber auch dem Oberbürgermeister Arnulf Klett, der 1974 gestorben ist.

Und die Moral von der Geschicht‘? Anno 1972 lief’s im Rathaus nicht immer, aber manchmal, nach dem uralten Motto „Eine Hand wäscht die andere!“ Ein Kaufhaus-König will ein Bauprojekt hochziehen, ein Oberbürgermeister nennt verschwiegen seien Preis: eine Spende über 750 000 Mark für den Roten Punkt! Am Schluss wird der Deal, wie man diese Vorgehen heute nennen würde, öffentlich – aber keiner regt sich auf, niemand reklamiert. Heutzutage wäre ein solcher Coup undenkbar, würde rasch ruchbar und sofort skandalisiert. Frage zum Schluss: Wie würden Sie in diesem Fall entscheiden?

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