Der Krawall beginnt am Eckensee
Kurz bevor der Wahnsinn der stundenlangen Katz-und-Maus-Jagd nach Plünderern und Randalierern beginnt, ist der Abend des 20. Juni noch eine laue Sommernacht wie so viele zuvor im ersten Coronajahr. Etwas mehr junge Menschen sind in der Stadt unterwegs, aber sonst ist es wie in den Wochen zuvor. Die Jugendlichen und jungen Erwachsenen suchen Orte, wo was los ist. Nach und nach wird die Schar derer, die es nach Stuttgart zieht, größer. „Das verbreitet sich viral“, stellt Conzelmann fest. Das Ufer des Eckensees säumen längst nicht mehr nur Stuttgarter. Die Region, fast das ganze Land ist vertreten. Und als es dunkel wird, wird die Stimmung seltsam. Eine alkoholgeschwängerte aggressive Grundstimmung nimmt der Zugführer wahr. Längst gehen die Polizisten nur in sechs- bis achtköpfigen Gruppen los. Was auf die, die es zu kontrollieren gilt, manchmal martialisch wirkt, hat einen einfachen, sehr menschlichen Grund: Sie alle wollen gesund nach Hause kommen. „Das ist Eigensicherung.“
Kurz vor Mitternacht kontrolliert er mit seiner Gruppe einen jungen Mann, der gegen das Betäubungsmittelgesetz verstoßen hat. „Es war total entspannt, er hat alles eingesehen und zugegeben, dass das mit den Drogen ein Fehler war“, sagt Conzelmann. Kollegen haben weniger Glück. Sie verfolgen einen Dealer, der abhaut. Ihnen hinterher rennt eine Gruppe, eine riesige Gruppe. Das ist der Initialfunke des Geschehens, das die Polizei eine Nacht lang in Atem halten wird.
Die Polizei kann die Randalierer anfangs noch zurückdrängen
Was dann geschieht, wird später stets unter Krawall und Randale subsumiert. „Im Funk geht es plötzlich ab“, stellt Conzelmann fest. Er will etwas tun, braucht dafür aber erst alle aus seinem Zug, 30 an der Zahl. Jetzt legen sie die Körperschutzausrüstung an, Helm und Protektoren. Zu diesem Zeitpunkt sind sie die einzige Einheit, die so geschützt der wütenden Menge entgegentreten kann. Das tun sie zunächst als Riegel zwischen dem Eckenseegebiet und dem Schlossplatz, zwischen Neuem Schloss und Künstlerbund – damit die Menge auf dem Schlossplatz nicht noch größer wird. Dort passiert etwas, das schlagartig klarmacht, dass diese Nacht ganz anders ist als alles, was im verrückten Coronasommer schon war – beworfen und attackiert worden war die Polizei da schon öfter. „Ein Rettungswagen will durchfahren und einem jungen Mann am Eckensee helfen, der zu viel getrunken hat“, sagt Conzelmann. Er kommt nicht durch. Schlimmer noch: Die Menge drischt auf den Wagen ein und demoliert ihn. „Das war neu – die Rettungskräfte lassen sonst alle in Ruhe, die sind schließlich neutral.“
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Dann rücken sie vor und versuchen, die Steine- und Flaschenwerfer zurückzudrängen. „Das geht auch noch, das ist ja kein schwarzer Block – die weichen schon zurück, wenn die Polizei auf sie zu rennt“, sagt der Beamte. Doch es nimmt kein Ende in dieser Nacht. Das erste Ziel erreicht die Polizei irgendwann: Sie kann die Menge zerstreuen. Aber es geht weiter. „Die kamen aus allen Seitenstraßen zurück“, schildert Conzelmann. An keiner Ecke kann man sich sicher sein, dass es nicht erneut losgeht. „Da ist es kurz ruhig, und uns kommen zwei Gestalten in Kapuzenpullis entgegen. Sie sehen uns – und werfen Flaschen“, sagt der Polizist, der auch ein Jahr später noch keine Erklärung für so ein Verhalten hat.
Die Plünderungen beginnen
Dann beginnen auch noch die Plünderungen. Alle Hemmungen scheinen zu fallen. Conzelmann und sein Team erfahren davon von einer Passantin. „Beim Snipes haben sie die Scheiben eingeschlagen“, sagt sie. Der Zug rennt hin. Sie schwitzen, sind müde, haben wenig Wasser dabei. Aber es geht weiter. Irgendwann betet der 40-Jährige, dass der Mannschaftswagen heil bleibt und keiner auf die Idee kommt, die Maschinenpistole daraus zu stehlen. Das ist keine irreale Befürchtung: Am Schlossplatz probiert das tatsächlich ein Randalierer.
Die Nacht wirkt nach. Nicht nur, weil die Polizei noch lange mit der Aufarbeitung beschäftigt ist. Sondern auch, weil sie etwas mit den Beamten macht. Eine Kollegin muss sich krankschreiben lassen. Sie kann nicht schlafen, nicht essen, kommt nicht zur Ruhe. Eine andere junge Polizistin bekommt einen Stein ab – zum Glück nur am Helm. „Wir haben viel geredet. Ich habe mich gefragt, ob ich alles richtig gemacht habe“, sagt Conzelmann. Das Team zerstreut solche Zweifel: „Sie sagen, sie haben sich gut aufgehoben gefühlt.“
Vor allem treibt die Beamtinnen und Beamten die Frage nach dem Warum um. Sie verstehen nicht, wie sie zum Feindbild wurden. Die immer wiederkehrenden Vorwürfe, die jungen Leute würden sich zu häufig kontrolliert und gepiesackt fühlen, kann Conzelmann nicht ganz nachvollziehen. „Wir machen absolut keinen Unterschied. Unser Job ist es, für Sicherheit zu sorgen und einzuschreiten, wo Störungen sind“, sagt Conzelmann. Und: „Wenn Flaschen fliegen, dann ist das völlig egal, ob das Männer oder Frauen sind und welche Herkunft sie haben – das geht einfach nicht.“ Verständnis hat er für den Frust der jungen Generation in der Coronazeit. „Man kann ja nichts mehr machen, und die eine oder andere Maßnahme kann man kritisieren. Wir müssen sie aber durchsetzen, das ist unser Job.“ Nur eins versteht er nicht, auch nach etlichen Nächten im Einsatz: dieses Abhängen im Park, mit Alkohol, Drogen, Schlägereien: „Das kann doch keinen Spaß machen – und doch kommen immer mehr.“ Vorbei ist das noch lange nicht. Und die Stimmung bleibt explosiv. „Die tanzen und grölen als Schlachtruf ACAB (die Abkürzung steht für All Cops Are Bastards), dabei sehen sie uns nicht mal an. Das ist zum Ritual geworden.“
Dieser Artikel erschien 2021, ein Jahr nach der Stuttgarter Krawallnacht und wurde am 20. Juni 2025 aktualisiert.