Stuttgarter Krawallnacht jährt sich Was die Polizei gelernt hat
Der Chef der Stuttgarter Kriminalpolizei, Rüdiger Winter, setzt auf Kommunikation mit den Szenegängern und Kooperation mit den Streetworkern
Der Chef der Stuttgarter Kriminalpolizei, Rüdiger Winter, setzt auf Kommunikation mit den Szenegängern und Kooperation mit den Streetworkern
Stuttgart - Viel hat die Polizei einstecken müssen seit jener Krawallnacht. Erst die Angriffe der Randalierer. Danach eine gesellschaftliche Debatte, in der den Einsatzkräften – mal offen, mal unterschwellig – zumindest eine Mitschuld an den Ereignissen vorgeworfen wurde: Man hätte Jugendliche, vor allem jene mit Migrationshintergrund, zu oft kontrolliert, gar schikaniert.
Der Stuttgarter Kripochef Rüdiger Winter hat über die Vorwürfe viel nachgedacht – nicht erst seit der Krawallnacht vor einem Jahr. Denn gebrodelt hat es es schon davor. Den Vorwurf des strukturellen Rassismus weist Winter klar zurück. „Die deutsche Polizei hat eine fundierte Ausbildung.“ Wenn nur Ansätze von Rassismus oder Ausländerfeindlichkeit auftauchen würden, dann müssten Führungskräfte da „ganz genau hinschauen, damit sich keine Tendenz verfestigt“. Wenn man auf die Krawallnacht und die insgesamt 141 gefassten Verdächtigen schaut, dann steht in der Statistik auch, dass ein Großteil von ihnen einen Migrationshintergrund hat. Zwei Drittel der Tatpersonen haben einen deutschen Pass, von diesen haben 75 Prozent ausländische Wurzeln. Das spielt für die Polizei eine Rolle, weil sie auch präventiv arbeitet: „Wo kommen diese jungen Menschen her? Aus sozial schwierigen Milieus? Aus beengten Verhältnissen?“ Die Polizei will das wissen. Nicht um zu verurteilen, sondern um zu verstehen.
Jetzt, ein Jahr später, ist der Kripochef sich auch sicher, dass viele, die auf der nun aktuell gesperrten Treppe am Schlossplatz sitzen, nur ein Bierchen trinken und Kumpels sehen wollen. Empfänglich für „Action“, sind sie aber alle. „Wenn es irgendwo schreit oder etwas fliegt, dann drehen sich alle Köpfe simultan – wie beim Tennis.“ Es ist längst nicht vorbei mit der explosiven Grundstimmung. „Jede beteiligte Institution wird allein an ihre Grenzen stoßen“, sagt er. Nicht allein die Polizei, aber auch nicht allein die Sozialarbeiter können die Lage in den Griff bekommen. Denn bei allem Respekt vor der Arbeit der Sozialarbeiter, weiß Winter: Die Krawalle und die aufgeheizte Stimmung sind kein reines Stuttgarter Problem. Stuttgart ist zum Magnet geworden in einer Zeit der Freizeit-Ödnis wegen der Coronapandemie. „Die Streetworker können mit den hiesigen jungen Leuten arbeiten. Aber den Jugendlichen aus Überlingen oder Aalen, den erreiche ich von Montag bis Freitag nicht“, meint Winter.
Auch die Polizei muss mit den jungen Leuten reden. Das ist für Winter die vielleicht wichtigste Erkenntnis. „Wir müssen alles erklären, was wir tun“, sagt er. Das fängt bei der Anrede an. „Niemand wird geduzt. Das will ich schließlich auch nicht, dass mich Wildfremde so anreden.“ Wer kontrolliert wird, muss Schritt für Schritt erklärt bekommen, was passiert – und warum. Allen Beteiligten müsse klar sein, dass die Polizei, wenn sie kommt, nie die ganze Geschichte kennt. „Wir sehen einen Ausschnitt von zwei Minuten, mehr wissen wir nicht.“
Rüdiger Winter weiß, dass er damit auf eine Engelsgeduld bei den Beamtinnen und Beamten im Einsatz setzt. Aber die brauche es. „Der Weg geht nur über die Kommunikation“, betont er. Ein Allheilmittel gibt es nicht, und keine Veränderung der Situation von heute auf morgen. Aber Hoffnung – auf ein Ende der anstrengenden Zeit mit den Einschränkungen durch die Pandemie. Es müsse wieder mehr Vertrauen zwischen den „Jungen“ und der Polizei entstehen. „Wir sind da auf einem guten Weg“, meint Winter. Helfen werde auch, dass wieder Leben herrscht in den Straßen, Kneipen und Restaurants wieder offen sind. „Die Durchmischung muss stimmen“, sagt der Polizist. Nicht eine Gruppe allein dürfe die Stimmung bestimmen.
Nach der Krawallnacht vor einem Jahr gründete die Polizei die Ermittlungsgruppe Eckensee, die bis Ende März arbeitete. Nur zwei Monate später ist eine neue Ermittlungsgruppe am Start: „Treppe 2.0 haben wir die genannt“, sagt Winter. Die Nummerierung erstaunt auf den ersten Blick. Die erste war im Frühjahr ins Leben gerufen worden, als es Ende Februar schon einmal warm war und die Polizei attackiert wurde – was auch im Jahr 2020 schon vor der Krawallnacht geschehen war.