Frau Wiehe, die Wiedergutmachungskonferenzen sind gestartet – wie darf ich mir so ein Treffen vorstellen?
Zwei sind bereits gelaufen. Nun ist eine kurze Pause, bevor es dann Ende Juni und Anfang Juli wieder weitergeht. Der Ablauf ist ziemlich fest geregelt. Nach der Begrüßung stellen sich alle vor: Wer bin ich, und warum bin ich hier? Dann beantworten alle reihum fünf Fragen. Was ist passiert? Damit fangen wir an. Dann geht es auf die Gefühlsebene: Was hab ich gefühlt und gedacht? Dann kommen die Fragen: Welche Folgen hat das für mich und andere? Was war das Schlimmste in der Nacht? Und zuletzt: Was ist der Kern der Sache, also für mich das Wichtigste, das besprochen werden soll? Diese erste Phase dauert sehr lange, es ist eine intensive und emotional dichte Phase. Wenn die Fragen beantwortet sind, wägen wir ab, ob wir schon eine Pause machen oder in eine Phase gehen, in der alle Rückfragen stellen können.
Kommt die Pause an der Stelle, weil es anstrengend sein kann?
Die Pause ist nicht nur Erholung. Sie ist ein wichtiges Element und hilfreich, um frei ins Gespräch zu kommen. Danach wird dann noch mal das besprochen, was als „der Kern der Sache“ definiert wurde bei den fünf Eingangsfragen. Denn auf der Grundlage werden die Wiedergutmachungsleistungen ausgehandelt und vereinbart. Die halten wir direkt auf einem Flipchart fest. Die Jugendlichen unterschreiben das dann gleich an Ort und Stelle. Insgesamt dauert das drei bis vier Stunden.
Das sind ja ganz schön lange Sitzungen.
Ja, das braucht Zeit. Für die erste Wiedergutmachungskonferenz hatten wir drei Stunden veranschlagt und mussten dann feststellen, dass das zu wenig war.
Wie ist da die Atmosphäre, wenn nach knapp einem Jahr Geschädigte, Polizistinnen und Polizisten sowie Täter aufeinandertreffen?
Am Anfang ist es tatsächlich immer etwas angespannt, egal ob es eine große Wiedergutmachungskonferenz oder eine kleinere Runde bei einem Täter-Opfer-Ausgleich ist. Im Verlauf des Gespräches wird das besser. Oft platzt der Knoten in der Pause, dann herrscht eine entspanntere Atmosphäre. Für die Jugendlichen, die jetzt da waren, ist es vielleicht noch mal etwas herausfordernder, Polizisten gegenüberzusitzen. Denn die Auseinandersetzungen hatten ja schon eine ungewöhnliche Dimension. Die Ladenbesitzer beschäftigt vor allem die Frage, warum jemand mitgemacht hat. Oft fragen sie auch: „Warum konntet ihr nicht weggehen?“ Die Jugendlichen ringen da um Antworten, sie können keine abschließende Erklärung geben. Meistens argumentieren sie mit der Gruppendynamik.
Was kann man eigentlich in so einem Rahmen wiedergutmachen?
Die Personen, die sich bereit erklären mitzumachen, sind bereit, sich gegenseitig zuzuhören. Also Jugendliche, die kommen, hören sich die Meinung der Polizei an, deren Erleben in der Nacht. Auf der anderen Seite sind die Polizisten auch bereit, sich anzuhören, was die Jugendlichen bewegt. Das entlastet beide Seiten. Denn man fragt sich ja auch als Polizist: „Warum waren die dabei?“ Was auch hilft, sind die Unterstützer, die dabei sind. In einem Fall war das eine Schwester, die berichtete, was das mit der Familie machte. Man habe nie was mit der Polizei zu tun gehabt, finde, dass die Polizei eigentlich ganz wichtig ist und gute Arbeit leistet. Das hilft, wenn man das hört.
Haben Sie Ansätze der Versöhnung – oder zumindest des gegenseitigen Verständnisses wahrgenommen?
Ich war sehr beeindruckt von der ersten Konferenz. Da hat uns die Zeit nicht gereicht. Aber die zwei Beamten haben sich Zeit genommen, danach im Hof noch ganz lange Fragen zu beantworten, auch kritische. Ich hatte im Vorgespräch einen jungen Mann, der sagte, er habe noch nie „normal“ mit der Polizei gesprochen – immer nur in kritischen Situationen, wenn er etwas angestellt hatte. Das hat ihn schwer beeindruckt, dass die ihm alles erklärt haben – wie sie arbeiten, kontrollieren und einschreiten.
Gab es Überraschungsmomente?
Ja. In der zweiten Konferenz hat eine junge Frau beim Kern der Sache vorgeschlagen, eine Kunstaktion zu machen. In der Pause stand sie am großen Panoramafenster des Rathauses und hat auf den Breuninger geschaut. Der Geschäftsführer des Breuninger stand dabei. Nach der Pause, als es um die konkreten Vereinbarungen ging, schlug er spontan vor, dass sie diese Kunstaktion im Schaufenster des Kaufhauses machen könne. Das ist doch was: Eine der jungen Frauen, die beim Breuninger geplündert hatte, darf nun dort etwas gestalten.
Wird nach den Konferenzen aufgearbeitet, was es den beiden Seiten beziehungsweise den drei Parteien – Polizei, Geschäftsinhaber, Täter – gebracht hat?
Die Polizisten und Geschäftsinhaber bekommen alle einen Fragebogen zur Auswertung, und es gibt das Angebot für ein Nachgespräch. Für die Jugendlichen planen wir ein verbindliches Nachtreffen. Dabei wird besprochen, was umgesetzt wurde von den Angeboten zur Wiedergutmachung und wobei sie noch weitere Hilfe brauchen.
Sind Themen offen geblieben oder Erwartungen enttäuscht worden?
Nein, bis jetzt ist das nicht der Fall gewesen. Denn aus unserer Sicht sind die ersten zwei Konferenzen sehr gut gelaufen. Jetzt müssen wir schauen, dass die Aktionen zur Wiedergutmachung genauso gut laufen.