Stuttgarter Krimispielverlag Ein Fall für Magnificum: Mord als Geschäftsidee

Das Magnificum-Team bei der Beweissicherung für einen ihrer Krimis: Steff Scheel, Haykal Hamidou, Benjamin Scheel und Sandra Korusic (von links) Foto: Magnificum

Das Stuttgarter Start-up Magnificum begeistert Krimifans und entwickelt interaktive Mordfälle für zu Hause. Über 75.000 Spiele verkauft – doch wie entsteht so ein kniffliger Fall?

Die Firmenfeier eines Schokoladenherstellers: Das Fest endet jäh, als Oliver Borgmann tot aufgefunden wird. Der Vertriebsleiter war erfolgreich – aber im Kollegium unbeliebt. Wer hat ihn auf dem Gewissen? Wer hat ein Motiv, wer ein Alibi? Das sollen nicht Polizeiexperten herausfinden, sondern Krimifans. Es ist der erste Fall von Magnificum. Der kleine Stuttgarter Krimispielverlag hat ihn vor fast auf den Tag genau fünf Jahren veröffentlicht. Und damit den Grundstein für ein gut laufendes Business gelegt.

 
Das Krimispiel „Die Firmenfeier“ Foto: Magnificum

Bis heute hat das fünfköpfige Autorenteam sechs Kriminalfälle für Erwachsene herausgebracht, zudem englische Übersetzungen sowie einen Fall für Kinder. „Wir haben in fünf Jahren mehr als 75.000 Spiele verkauft“, sagt Benjamin Scheel, einer der Gründer. Das Prinzip ist stets ähnlich: Die Spielerinnen und Spieler erhalten eine Mappe mit jeder Menge Unterlagen – fiktive Fotos, Briefe, Kassenbons, Polizeiprotokolle, Chatverläufe, Lagepläne – und müssen auf dieser Basis den Täter finden. Vieles ist multimedial, indem man Anrufbeantworter abhört oder Überwachungsvideos anschaut. „Das Spiel ist ein Hybrid, 25 bis 30 Prozent sind digital“, sagt er.

Krimi-Spiele statt Escape-Rooms

Das Spielprinzip ist keine Stuttgarter Erfindung. Auch andere Verlage setzten seit Pandemie auf ähnliche Krimikonzepte. Benjamin Scheel hat Magnificum mit seinem besten Freund Haykal Hamidou gegründet. „Eigentlich wollten wir Escape-Rooms bauen und betreiben“, doch dann kam Corona, und das Duo sattelte auf Krimispiele um. Der Erstling „Die Firmenfeier“ erschien im Februar 2021. Sämtliche Spiele sind online erhältlich, im Brettspielfachhandel und auf Messen.

Benjamin Scheel (46) ist ein großer Krimifan. Ob „Tatort“, Buch oder Hörspiel, der gelernte Erzieher sagt, dass er alles geradezu verschlingt, vor allem die Klassiker à la Agatha Christie. Bei so viel Input lasse es sich nicht vermeiden, dass das eine oder andere Motiv den Weg in ein Magnificum-Spiel finde. Ob Brandstiftung, Diebstahl oder Mord: „Eine Hommage darf man raushören“, sagt er. So sind etwa auf dem Cover von „Das Bankett, Teil zwei“ zwei Mädchen abgebildet, die auffällig an die Zwillinge aus dem Horror-Klassiker „The Shining“ erinnern. „Wenn jemand die kleinen Seitenverweise findet, freuen wir uns“, sagt Scheel.

Der Krimiplot wird mit dem Hackebeil kaputt gehauen

Vor den vielen kleinen Details steht aber erst mal die Grundidee. Laut Benjamin Scheel dauert es gut und gerne neun Monate, bis aus dem ersten Gedanken ein druckreifes Spiel wird. An den Fällen werde stets zu zweit oder zu dritt gearbeitet „manchmal verreisen wir auch“. Der Entstehungsprozess sei wohl vergleichbar mit dem eines Kriminalromans. Mal stehe am Anfang ein interessanter Ort, mal die Idee zu einem Mord, manchmal auch nur eine Rätselkomponente. „Man sitzt, fantasiert, plaudert. Die Anfangsidee ist erst mal simpel“, sagt er.

Ein Illustrator aus dem Team helfe dann, den Vorstellungen eine Gestalt zu geben. Und steht dann die Story, muss sie wieder zerstört werden. „Du hast die Geschichte und machst sie mit einem Hackebeil kaputt, damit andere sie dann zusammensetzen müssen“, erklärt er. Nicht immer könne man das Rad neu erfinden, doch Magnificum gebe sich Mühe, die Kundschaft immer wieder zu überraschen. So müsse man im neuesten Fall „Das Familiengeheimnis“ Lichtprotokolle aus einem Smart Home auswerten.

Eine Fünf-Sterne-Köchin liefert das Menü für „Das Bankett“

Und ja, nicht immer gehe das, was sich die Macherinnen und Macher überlegt hätten, letztlich auch auf. Manches werde zur Einbahnstraße. „Dann sitzt man manchmal drei Monate an einem Fall und muss dann komplett umstellen, das kann frustrierend sein“, sagt er. Um logische Fehler zu vermeiden, werde viel getestet und intensiv recherchiert. Für „Das Bankett“ etwa habe sich das Autorenteam mit einer Fünf-Sterne-Köchin ausgetauscht, „sie hat uns am Schluss das Menü geschrieben“.

Die Fantasie des Magnificum-Teams ist nach fünf Jahren längst nicht erschöpft. Schon bald soll es an neue Fälle gehen. Thematisch seien den Autorinnen und Autoren kaum Grenzen gesetzt, nur allzu explizite Mord-Darstellungen, religiöse Inhalte, sexualisierte Gewalt und True Crime seien tabu. Letzteres aus Pietätsgründen und um den kreativen Prozess nicht einzuschränken. Der ist Benjamin Scheel sehr wichtig, wie er sagt. „Qualität vor Quantität. Wenn der Fall noch einen Monat länger braucht, dann ist das so. Wir müssen nicht wie Fitzek Masse raushauen.“

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