Stuttgarter Künstler in der Coronakrise Von der Hand in den Mund
In Stuttgart und der Region ächzen Kulturschaffende unter den Folgen der Pandemie. Fünf von ihnen erzählen exemplarisch, wie sie durch die Krise kommen.
In Stuttgart und der Region ächzen Kulturschaffende unter den Folgen der Pandemie. Fünf von ihnen erzählen exemplarisch, wie sie durch die Krise kommen.
Stuttgart - Aufträge sind reihenweise weggebrochen, Auftrittsmöglichkeiten fehlen: Fünf Künstler erzählen, was die Soforthilfen des Landes bringen, die angekündigten Novemberhilfen, die Maßnahmen zur Förderung und Unterstützung – und wie es trotz allem weitergeht.
Im Sommer hat Rüdiger Ewald noch bei ein paar Schauspielprojekten „in abgespeckter Form“ dabei sein können, und einen seiner Improvisationstheater-Kurse hat er sogar kurzerhand in seinen Garten verlegt. „Aber in der Summe“, sagt er, „hat mir 2020 einen Einkommensverlust von mindestens achtzig, wenn nicht gar neunzig Prozent beschert.“
Im September und Oktober hat Ewald mit dem „Theater am Fenster“ an zwei Stücken intensiv geprobt. Eines davon hat man noch auf die Bühne gebracht. Beim zweiten Stück, in das die Truppe schon viel Arbeit, Zeit und Geld investiert hatte, wurden alle Vorstellungen abgesagt. Gleiches gilt für die Impro-Show von Ewalds Ensemble WildWechsel im Studio-Theater. Auch die Kurse und Workshops des Schauspielers in der Ludwigsburger Karlskaserne können trotz umfangreicher Hygienekonzepte nicht stattfinden. Nur eine Theater-AG in einer Ludwigsburger Schule kann er, nachdem sie zu einer Jahrgangsgruppe umgeformt wurde, seit Oktober wieder leiten.
Über die Soforthilfe des Landes hat Ewald „überraschend problemlos“ den Maximalbetrag bekommen. Die Überbrückungshilfen des Bundes im Anschluss musste seine Steuerberaterin beantragen, und er bekam nur den Mindestsatz von 1180 Euro. „Das ist“, sagt Ewald, „etwa ein Drittel meines sonstigen Einkommens – ein Witz, davon kann ich nicht mal die Miete zahlen.“ Obendrein seien gelegentliche schüttere Einnahmen sofort von den Zahlungen abgezogen worden. „Es wird mit zweierlei Maß gemessen, und das Wort systemrelevant regt mich total auf. Ich bin doch nicht nur ein eitler Selbstdarsteller auf der Bühne. Ich bin auch Familienvater, Steuerzahler, muss Miete zahlen, habe Kinder, fahre ein Auto, kaufe Dinge. Hinter meiner ganzen beruflichen Existenz steht jetzt ein riesiges Fragezeichen, denn die Situation für uns Künstler wird sicher noch länger schwierig sein.“ (ben)
Als Tänzerin im Ensemble von Marco Santi begann Pilar Murube 1994 ihre Karriere. Ein festes Engagement kam für die gebürtige Spanierin nach dem Abschluss der Cranko-Schule nicht in Frage. „Die klassische Ausbildung ist streng; durch die Arbeit mit Marco Santi habe ich eine Freiheit kennen gelernt, die für mich sehr viel spannender war“, erklärt Murube ihren Weg in die Unabhängigkeit. Diese finanziert die heute 44-Jährige, die eine Tochter hat, durch eine breit aufgestellte Tätigkeit als Pädagogin. Pilar Murube arbeitet unter anderem als Ballettlehrerin und vermittelt Tanz in Schulen.
Davon konnte die Tänzerin leben – bis Corona kam. Im ersten Lockdown brachen ihr die Verdienstquellen weg. „Wäre die erste Corona-Hilfe nicht gewesen, hätte ich Hartz IV beantragen müssen“, sagt Pilar Murube. „Ich habe ja Verpflichtungen, wie sie in jedem normalen Haushalt anfallen.“
Jetzt, im zweiten Lockdown musste Pilar Murube die mit zwei Kollegen geplante Premiere des Tanzstücks „Lorca“ im Fitz verschieben. Die Fördermittel des Kulturamts für das Stück wurden eingefroren, geprobt wird dennoch. „Wir haben zwar kein Geld, aber mehr Zeit, um das Stück besser zu erarbeiten“, sagt Pilar Murube. Insgesamt ist der Organisationsaufwand für ihre Arbeit nun größer. Doch sie profitiert auch von den im Frühjahr gesammelten Erfahrungen. Ballettunterricht gibt sie nun online. Ins Internet umziehen musste auch der mit anderen Künstlern für die Urbanstraße konzipierte Tanzparcours „Rashomon“. In den Schulunterricht integrierte Projekte kann Pilar Murube weiter betreuen, externe Vermittlungsarbeit wie in Flüchtlingsquartieren fällt dagegen komplett weg. „Das ist ein großer Verlust“, bedauert die Tänzerin. „Ich merke an mir selber, dass Kultur gut tut.“ Deshalb hat sie mit Nina Kurzeja und Alexander Schmid die Plattform Blomst! gegründet, um Projekte zur kulturellen Bildung voranzubringen. (ak)
Es ist auch ohne Corona ein Hoffen von Monat zu Monat, ein Lebenskünstlerdasein. Man kann nicht sicher planen, wartet auf Anrufe“, sagt die Geigerin Martl Jäckel, 36. Und nun die Pandemie: „Pop meets Classic, die Ostergottesdienste, Schloss Filseck – alles weg“, sagt sie. „Und jetzt noch die Advents- und Weihnachtskonzerte, auf die ich angewiesen bin.“
Sie hat sich bislang durch Flexibilität über Wasser gehalten: „Ich komme von der klassischen Geige und fühle mich da auch noch beheimatet“, sagt sie. „Ich spiele inzwischen aber alles von Folk bis Rock, auch mit der E-Geige.“ Bei der Stuttgarter Band No Sports ist sie seit 2019 Mitglied, mit der Mittelalter-Rockband Krayenzeit aus Ludwigsburg war sie 2019 als Vorband der Szene-Stars Saltatio Mortis auf Tour.
„Die Stücke sind schön auskomponiert, das klingt fast sinfonisch“, sagt sie. „Vor allem macht es wahnsinnig Spaß. Da präsentiert man sich auch lockerer, ohne Abendkleid und Lackschuhe.“ Eine Umstellung sei es schon gewesen, „weil ich einfach keine Noten mehr vor mir habe.“ Der Ausgangspunkt war eine Rocksession in einer Kneipe, bei der sie auf die Bühne gebeten wurde zu „Knocking on Heaven’s Door“. „Dann drehen sich auf einmal alle um und rufen: Spiel ein Solo!“, erzählt sie. „Da konnte ich gar nicht anders, und es war gar nicht so schlimm. Die Scheu war bald weg. Das hat mich auch in der Klassik weitergebracht, ich fühle mich freier.“
Und der Traum vom großen Orchester? „Den hat jeder, aber die Chance auf eine feste Stelle ist nahe Null“, sagt sie. „Wenn ein Musiker in Rente geht, gibt es 1000 Bewerber, und da muss dann wirklich alles passen, auch menschlich.“
Hilfen hat Martl Jäckel nicht bekommen. „Ich unterrichte an einer Musikschule Geige und Keyboard und coache Bands, das ist wie eine Teilzeitstelle, deshalb gelte ich nicht als soloselbstständig. Das war als kleine Absicherung gedacht, jetzt falle ich deshalb durchs Raster.“ Nun wird sie noch einmal studieren – Bildungswissenschaften. (ha)
Eigentlich wäre der November ein richtig guter Monat gewesen. Acht Mal hätte der sich 31-jährige Sänger, der seit sechs Jahren freiberuflich arbeitet, bei der Jungen Oper als Junge Jacob in der Kinderoper „Gold“ auf die Suche nach dem wahren Glück begeben. Auch bei einem „Messias“-Konzert wäre er dabei gewesen. Das steht alles im Terminkalender von Philipp Nicklaus. Darunter jedoch, in fetten Großbuchstaben: ABGESAGT.
„Seit Mitte März“, sagt der Tenor, „wurde fast alles, was geplant war, gestrichen.“ Ein paar Ersatzprogramme waren nur Tropfen auf den heißen Stein. Im Laufe dieses Jahres sind Nicklaus drei Opernproduktionen, eine Konzertreise „und ganz viele Konzerte“ weggebrochen. Für 2020 hat er einen Einkommensverlust von etwa 50 Prozent errechnet – und das auch nur, weil es ein paar Ausfall-Gagen gab und weil er Hilfen der öffentlichen Hand in Anspruch nahm und nimmt.
Die Corona-Soforthilfe des Landes im Frühjahr erhielt der Sänger „schnell und unkompliziert“. Die anschließenden Überbrückungshilfen des Bundes jedoch konnte er nicht beantragen, weil sie an Betriebskosten gebunden seien, die man als Freiberufler im strengen Sinne ja nicht habe. Momentan sitzt er an seinem Antrag für die November-Soforthilfe.
Was er mit seiner vielen freien Zeit anfängt? „Üben für alles, was vielleicht kommen mag.“ Sportlich aktiv sein. Geistig fit bleiben. Und seelisch stabil. Kollegen von Nicklaus haben schon die Kunst verlassen, ein Studium begonnen, den Lehrerberuf ergriffen, einen Job bei der Post angenommen. Philipp Nicklaus hält durch, weil er noch keine Familie hat und keine Kredite abzahlen muss. „Aber auch ich muss mir Gedanken machen, wie es weitergeht. Nicht nur wir Künstler sind ja das letzte Glied in der Kette, sondern auch die Veranstalter. Sie werden in den nächsten Monaten weniger Geld haben, und das schlägt dann auch auf uns zurück“, sagt er. (ben)
Er kann quirlige Beats und ein ganzes Schlagzeugsolo allein mit dem Mund erzeugen: Pheel alias Philip Scheibel, 29, geboren in Stuttgart, bekanntgeworden im Duo mit dem Rapper Toba Borke. 2020 war er gut gebucht – bis Corona kam.
„Wir wären mit Seba Kaapstad beim Cape Town Jazzfestival aufgetreten“, sagt er. Stattdessen hat die multinationale Band ihr aktuelles Album „Konke“ viel früher fertiggestellt, das im November erschienen ist. „In Baden-Württemberg gibt es zum Glück den fiktiven Unternehmerlohn“, sagt Pheel, weitere Gelder kamen von der Musikverwertungsgesellschaft Gema und einem Unterstützungsfond von Privatpersonen um Joe Bauer, dem früheren Kolumnisten der „Stuttgarter Nachrichten“. Pheels Frau Patrizia konnte ihre Arbeitszeit in der Erwachsenenbildung ausweiten. „Zum Glück ist sie nicht auch Künstlerin“, sagt er – und er hat sich mehr um seine Kinder Ennio (5) und Viola (3) gekümmert.
Mit Toba Borke tritt er bei Firmen auf, gestreamt vom Studio aus. „Die Anreise fällt weg, das ist familienfreundlich“, sagt er. „Dafür geht die Energie verloren, der Sound und der Bass, Emotionen, Gespräche, Austausch.“ Weiterhin unterrichtet er für eine Musikschule Klassen. „Die Kinder lieben Beatboxen“, sagt er, „und es fördert die Sprachfähigkeit. Wegen der Aerosole bin ich aber auf Body-Percussion umgestiegen. Das verbessert Rhythmusgefühl und Körperbeherrschung.“
Als Pheel anfing, war Beatboxen noch ein Geheimnis. „Ich musste nur durch Hören herausfinden, wie das geht, Beatboxer haben sich ausgetauscht, aber die Technik gehütet. Heute gibt es tausende Youtube-Videos, in denen alles erklärt wird.“
Natürlich freut er sich aufs erste Nach-Corona-Konzert. „Ich trete am liebsten mit Bands auf“, sagt er „Da kann ich das Beatboxen in die Musik integrieren, das finde ich viel spannender, als es nur vorzuführen wie ein Zauberer.“ (ha)