Stuttgarter Kult-Club „Romy S.“ wird 25 – „Hier feiern Akademiker, Handwerker und Verbrecher“
25 Jahre Clubkultur in Stuttgart: Was hat sich seither verändert? Wo geht es hin? Zum 25-Jahr-Jubiläum erzählt Yusuf Oksaz aus dem Romy-S-Nähkästchen.
25 Jahre Clubkultur in Stuttgart: Was hat sich seither verändert? Wo geht es hin? Zum 25-Jahr-Jubiläum erzählt Yusuf Oksaz aus dem Romy-S-Nähkästchen.
Neben dem großen Aschenbecher stehen auf dem Bartisch mehrere Stapel mit Flyern und Fotos – aber auch ein schwarzer String-Tanga. Bedruckt mit dem Romy-S.-Logo.
„Damit haben wir damals Leute in den Club gelockt“, erzählt Yusuf Oksaz. „Unser Werbeteam hat sie auf den Straßen verteilt, und wer damit in den Club kam, musste keinen Eintritt bezahlen. Ein paar Frauen haben die Tangas sogar sofort angezogen und am Eingang stolz präsentiert.“ Der bald 56-jährige Gastronom lacht. Ob das heute noch möglich wäre? Oksaz schüttelt den Kopf. Nein, die Zeiten haben sich geändert.
Wer so nah an so vielen Menschen und Persönlichkeiten ist – quer durch alle Gesellschaftsschichten und Einkommensklassen –, ist entweder Arzt, Bestatter oder eben Gastronom. Seit 30 Jahren ist Oksaz mittlerweile ein Fixstern im Stuttgarter Nachtleben.
Dilayla, Romy S., Mrs. Jones, Jackie Brown – sein Gastro- und Clubimperium lockt Jahr für Jahr, Abend für Abend Menschen in die Stuttgarter Innenstadt. Er erlebt Trends, sieht Generationen auseinanderdriften und sich wieder annähern, bekommt Einblicke in Communitys, von denen Sozialforscher träumen, und hört so viele Musikstile, dass einem schwindlig werden kann. Oder ist es doch der vierte Jägermeister, der unter der Kopfhaut kribbelt?
„Man kann sagen, dass wir jedes Jahr zwei Generationen an Clubbesuchern durchbringen“, erzählt er. Während der Corona-Pandemie habe er etwa vier Generationen verloren. Die Nachwehen spürt der Clubbetreiber noch heute.
Am Samstag feiert er das 25-Jahr-Jubiläum seines Clubs Romy S. und blickt zurück. Was war damals anders? Was kann man sich heute kaum noch vorstellen? Yusuf Oksaz muss nicht lange überlegen: „Die Leute haben sich früher richtig hübsch gemacht, wenn sie ausgegangen sind. Es war spannend – man hat Menschen kennengelernt, geflirtet. Das ist heute überhaupt nicht mehr der Fall.“ Falls sie überhaupt noch aus dem Haus gehen, ergänzt er.
Klar: Eine Generation, deren prägendste kollektive Erfahrung es war, zwei Jahre lang zu Hause eingesperrt zu sein, feiert anders. Dass Partys häufiger draußen stattfinden, hat auch Oksaz bemerkt. „Auf der Terrasse von Mrs. Jones sitzen oft junge Leute sogar bei Minusgraden, bestellen Bier und spielen Gesellschaftsspiele – das hätte es früher nicht gegeben.“
Aber auch der Vandalismus habe zugenommen. Viele wüssten nicht mehr, wie man sich in einem Club benimmt, erzählt Oksaz, und hätten wenig Respekt. Woher sollen sie ihn auch haben? „Wir erziehen unsere Gäste ja auch ein bisschen“, sagt er lachend.
Nicht nur er spürt die Folgen der Pandemie. Viele Clubs mussten Investitionen in neue Belüftungsanlagen wieder reinholen, während Gewerbemieten und Energiekosten stiegen. Dazu kamen Inflation und eine Generation, die sich im Internet kennenlernt, Pizza nach Hause bestellt und Clubs nur noch aus Erzählungen kennt.
Nun muss man kreativ werden, um das Publikum vom Sofa in die City zu locken. Bier-Pong, K-Pop, Drink & Paint. Donnerstags Hip-Hop und freitags Elektro ziehen nicht mehr automatisch. „Die Pandemie hat uns gelehrt, dass wir mehr Experimente wagen müssen“, sagt Oksaz. „Wir müssen flexibler sein. Eine schwarze Null am Ende des Monats würde mir schon reichen“, fügt er nachdenklich hinzu.
Gibt es dennoch Gründe, groß zu feiern – auch wenn die Lage schwierig ist? Ja, natürlich. Schließlich bringt ein Club Menschen zusammen. Und im Romy S. waren das immer grundverschiedene Leute, die sich sonst vielleicht nie begegnet wären. „Akademiker, Handwerker, Künstler – und Verbrecher“, lacht Oksaz.
Er erinnert sich gern an legendäre Abende. Gäste und Musiker wie Grandmaster Flash, Nina Kraviz, Michi Beck, Samy Deluxe, Jan Delay, Daft Punk – sie alle haben mit Oksaz getanzt und gefeiert. Wenn er sich Künstler für die Romy S. wünschen dürfte, wären es immer wieder Paul Kalkbrenner, der in seinen Augen immer menschennah geblieben ist, und Adam Goldstein alias DJ AM, der 2009 verstarb.
Wie es mit der Clubkultur in Stuttgart weitergeht, kann Oksaz nicht leicht beantworten. Alle probieren weiterhin alles aus, sagt der Clubbetreiber, der in ein paar Wochen 56 Jahre alt wird und dieses Jahr mit dem Dilayla ein weiteres rundes Jubiläum feiert. „Wir wissen nicht, wo die Reise hingeht. Wir müssen diese Krise überbrückt bekommen“, sagt er – und freut sich auf die Feier am Samstagabend mit Freunden und Stammgästen.
Ob er mit einem Mofa zwei Runden über die Tanzfläche gedreht hat und alle Gäste wegen des Gestanks des Zweitakters husten mussten, oder DJs, die sich ausschließlich von ihm in seiner S-Klasse am Flughafen abholen lassen wollten – die Abende im Romy S. taugen zur Legendenbildung. Und doch bleibt Yusuf Oksaz demütig: „Wenn ich den Laden aufmache und zwei Leute glücklich machen kann, reicht mir das.“
Herz & Seele x 25 Jahre Romy S., Romy S., Lange Str. 7, Stuttgart-Mitte, Sa. 31.1., 23 Uhr