Stuttgarter Kulturszene Wo ist das Publikum geblieben?

War schon mal voller hier: Kultur nach der Coronakrise Foto: images/fotokurier.at

Im Frühjahr fielen in Theater- und Konzertsälen alle Coronabeschränkungen. Doch die Stuttgarter Bühnen und Veranstalter warten noch auf die Rückkehr aller Zuschauer. Einige Zahlen sind geradezu alarmierend – mit großen Sorgen blickt die Szene auf die kommende Saison.

Kultur: Tim Schleider (schl)

Es sind katastrophale Zahlen, die der Deutsche Bühnenverein als Dachverband aller Theater vor einigen Tagen veröffentlicht hat: Vergleicht man die Statistik der gerade zu Ende gegangenen Saison 2021/22 mit jenen der Saison 2018/19 – es war die letzte komplette Theatersaison vor Ausbruch der Coronapandemie –, so ist die Zahl der Zuschauerinnen um Zuschauer an den deutschsprachigen Bühnen um sage und schreibe 86 Prozent zurückgegangen, auf aktuell 2,54 Millionen Theaterbesuche.

 

Schlimme Zahlen vom Bühnenverein

Natürlich gibt es auch rein technische Gründe für dieses gewaltige Minus: Seit Mitte März 2020 gab es für die Kultur mehrere Lockdown-Phasen. Die jüngste Saison 21/22 war geprägt von regionalen Schließungen, zumindest aber von häufig wechselnden Auflagen, wie stark Parkett und Ränge überhaupt mit Publikum besetzt sein durften. So ist dann auch die Zahl der Aufführungen in der jüngsten Statistik um 70 Prozent niedriger als noch vor drei Jahren (bei nunmehr 22 700). Weniger Aufführungen, das macht natürlich auch weniger verkaufbare Eintrittskarten, weniger Zuschauer – und auch weniger Einnahmen.

Befragt man Intendanten, Konzert- und Kulturveranstalter in Stuttgart, ergibt sich aber auch unter Berücksichtigung solcher Corona-Effekte ein kritisches Bild. Spätestens seit Anfang April ist nach Wegfall aller Platzbeschränkungen für alle Häuser ein normaler Kartenverkauf möglich – hat sich damit auch die Publikumsnachfrage wieder normalisiert? Das kann kein Kulturchef vermelden. „Im zweiten Teil der Saison waren die Besucher noch zurückhaltend“, sagt zum Beispiel Michaela Russ von der Konzertdirektion SKS Russ in Stuttgart. „Einen spürbaren Teil unserer langjährigen Abonnenten vermissen wir noch“. Im totalen Ergebnis spricht sie von „30 Prozent Rückgang der Gesamtbesucherzahlen“.

Weniger Spieltage in der Woche

Auch Timo Steinhauer vom Friedrichsbau Varieté vermisst „im direkten Vergleich zu vor Corona“ über 20 Prozent der früheren Besucher. „Für ein Haus, welches sich zu einem so hohen Anteil eigenfinanziert wie wir, ist das dramatisch.“ Auf dem Pragsattel wurden darum die Spieltage reduziert, „das war auch wirtschaftlich unumgänglich“.

Doch dies sind noch eher günstige Zahlen. Das Theaterhaus zählte von Januar bis Juli 2022 über 50 Prozent weniger Besucher als in den ersten sieben Monaten des Jahres 2019 (82 500 gegenüber 172 518). Intendant Axel Preuss nennt für die jüngste Saison von Altem Schauspielhaus und Komödie im Marquardt 116 000 Besucher insgesamt – vor drei Jahren waren es 202 000. Sebastian Weingarten, Chef des Renitenztheaters, gibt an: „Die Besucherzahlen haben sich über einen längeren Zeitraum mehr oder weniger halbiert“, auch wenn es natürlich immer wieder einzelne ausverkaufte Vorstellungen gebe, „zuletzt viermal Jürgen von der Lippe“.

„Die Zahlen verschlagen uns den Atem“

Besonders groß sind die Sorgen am Theater der Altstadt. Die Intendantin Susanne Heydenreich hat es trotz aller Schwierigkeiten geschafft, 2021/22 sogar mehr Vorstellungen über die Bühne zu bringen (198) als drei Jahre zuvor (195). Doch ihre Auslastungsquote sank von 68 auf 39 Prozent. Einzelne Produktionen waren nur zu einem Fünftel der möglichen Tickets nachgefragt. „Es gibt einen massiven Besucherrückgang“, so Heydenreich. „Selbst langjähriges Stammpublikum bleibt aus.“ Und: „Der Blick auf die Zahlen verschlägt uns den Atem – keiner weiß gerade eine Lösung.“

Noch recht passabel stehen die Staatstheater mit ihrer Saisonbilanz da (siehe unsere Grafik oben).

„Die Publikumsnachfrage ist seit der vollständigen Saalöffnung Anfang April stabil“, sagt Marc-Oliver Hendriks, der Geschäftsführende Intendant. Der Rückgang der Besucherzahlen gegenüber 2018/2019 „um ein Drittel“ sei allein aufgrund der Kapazitätsbeschränkungen in der Coronabekämpfung begründet. „Allerdings stellen wir fest, dass die Besucher sehr viel kurzfristiger buchen.“ Immerhin: Vorstellungen mit unverkauften Plätzen wie jüngst beim Stuttgarter Ballett hat es am Eckensee schon lange nicht mehr gegeben.

Schulen und Kindergarten sind treu

Dass viele Zuschauer sich erst kurzfristig zum Theaterbesuch entscheiden, berichten durch die Bank alle Kulturveranstalter – was je nach Genre zu Problemen führt: „Die Ticketkaufentscheidungen fallen sehr kurzfristig“, berichtet Sebastian Weingarten vom Renitenz. Das sei ein Problem für die Kleinkünstler bei ihrer Tourneeplanung; da werde wegen schlechten Vorverkaufs ein Termin schnell auch mal präventiv abgesagt. „Gerade die Kleinkunstszene im gesamten deutschsprachigen Raum leidet sehr unter der Krise.“ Auch Timo Steinhauer vom Friedrichsbau kann nachvollziehen, dass sich viele Besucher derzeit erst spontan zur Abendkasse einfinden. „Aber für Veranstalter ist das sehr schwierig; eine gesunde wirtschaftliche Vorplanung ist so kaum noch möglich.“

Eine Sonderrolle nimmt das Junge Ensemble ein, also das Kinder- und Jugendtheater unterm Tagblattturm: Die Zahl der Vorstellungen 2021/22 sank zwar auf 312 gegenüber 385 in der Saison 2018/19; auch bei den Zuschauerzahlen schlägt ein Minus von rund einem Drittel zu Buche. Doch bei der Auslastung jener Aufführungen, die stattfanden, konnten konstant 90 Prozent erzielt werden – das sei, so die Intendantin Brigitte Dethier, weniger den Familienvorstellungen zu danken als den Gruppenbuchungen durch Schulen und Kindergärten.

Auch die Medien haben Einfluss

Traditionell sparsam sind die Informationen, die das Unternehmen Stage Entertainment zu den Besucherzahlen in den beiden Musicaltheatern gibt. Die Sprecherin Saskia Hildebrandt spricht von der Begeisterung der Zuschauer, ihre Musicals wieder erleben zu können, lässt aber auch die schwierige Lage anklingen: „Das Vor-Corona-Niveau haben wir uns schrittweise erarbeiten müssen und können, Stand heute, endlich wieder daran anknüpfen“. Gut angekommen sei im Vorverkauf die neue Möglichkeit der „Flexoption“, bei der die Kunden ohne Angabe von Gründen ihren Vorstellungstermin verschieben können. Schwierig werde das Geschäft allerdings stets an Tagen, „bei denen Medien in bisweilen verängstigendem Vokabular wieder mögliche künftige Coronarisiken thematisieren. Äußerst verhalten ist die Stimmung, wenn man die Kulturveranstalter nach ihren Perspektiven für die kommende Saison befragt. Zu den Unsicherheiten der Pandemie-Entwicklung kommen nun steigende Energiepreise und drohende Sparnöte der privaten, aber auch der öffentlichen Haushalte on top. Wie soll man da planen? „Da Nicht-Planen keine Alternative ist“, sagt Michaela Russ von der SKS, „gehen wir mit einer nur bedingt gerechtfertigten Zuversicht in die neue Saison“, das Konzertangebot für 2022/23 sei „mehr als vollwertig. Gerade so, als gäbe es kein Gestern.“

„Mit Optimismus voran!“

Auch Axel Preuss von den Schauspielbühnen betont: „All unsere Planungen sind ja bereits seit Februar 2022 abgeschlossen. Alle Verträge für die neue Saison sind abgeschlossen. Darum gilt: mit Optimismus voran!“ Verhaltener sieht Werner Schretzmeier die Lage für das Theaterhaus: „Wir planen im Moment kurzfristiger, defensiver.“ Da es kein festes künstlerisches Budget gebe, „muss alles auf den Erfolg der Refinanzierung angelegt sein“. Seit 1968 sei er als Veranstalter kultureller Ereignisse tätig, „nie war die Gemengelage so negativ wie heute“.

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