Die Stuttgarter Band Horizontaler Gentransfer singt über Alltagsrassismus und gibt einen Einblick in ihr Leben als Frauen mit Migrationsbiografie. Foto: Maxim Schipko
Zwischen schwäbischen Angewohnheiten und Alltagsrassismus: Das Performance-Kollektiv Horizontaler Gentransfer kommentiert mit experimenteller Musik humorvoll das Leben als Frau mit Einwanderungsgeschichte im Ländle.
Allegra Knobloch
04.05.2025 - 09:00 Uhr
„Stuttgart ist echt Punk“, sagt Mizi Lee, die ihre Hassliebe zum Schwabenländle mit dem Kollektiv Horizontaler Gentransfer (HGT) künstlerisch erkundet. Es sei zum Beispiel „viel cooler, als jede gentrifizierte Kreuzberg-Szene”, sagt sie. Einfach selbstbewusst zu behaupten, man mache die beste Brezel der Stadt – wie die Bäckerei Bosch an der Schwabstraße, um die sich HGTs erster Song „Butter(Brezel)“ dreht, ist schon ziemlich badass.
In ihren Songtexten nimmt die Band die Landeshauptstadt mit einer Menge Ironie auf die Schippe und verarbeitet gleichzeitig das Gefühl, hier fremd zu sein. So weiß man nie so recht, wie es gemeint ist, wenn es heißt „Fürs Leben gern ein Stuttgarter” oder „Stuttgart macht’s rein, Sauberkeit gibt Sicherheit”. Irgendwo zwischen Spaß und Unwohlgefühl liegen auch die Reaktionen des Publikums bei ihren energievollen Live-Auftritten. Immer wieder blickt die Band in verunsicherte Gesichter – besonders, wenn Mizi dazu auffordert, jene rassistischen Sprüche mitzusingen, die den sechs Frauen mit Migrationsgeschichte regelmäßig entgegenschlagen. Was beim Publikum einen kurzen Moment Irritation auslöst, ist für sie die alltägliche Realität in Deutschland.
Für die aus Südkorea eingewanderte Mizi Lee, Hanseo Oh, Yun Park, Seonha Park und Jerry Ahn sowie die aus Venezuela stammende Lilian Gonzalez bietet Horizontaler Gentransfer einen Safe Space, in dem sie sich nicht „integrieren” müssen – und Witze über die deutschen „Butterbrezeln” machen können.
Die sechs Bandmitglieder von Horizontaler Gentransfer nehmen das Schwabenländle mit Augenzwinkern auf die Schippe. Foto: Maxim Schipko
Die ersten Songs entstehen während der Coronapandemie, als Mizi beginnt, ihre Erfahrungen mit dem zugespitzten Alltagsrassismus aufzuschreiben. „Schaut her. So geht es mir mit allem“, lautet ihr Appell an die schwäbische Mehrheitsgesellschaft. Neben koreanischem Pop habe sie sich durch die Goldenen Zitronen, Wegbereiter der Hamburger Schule, und den Wiener Kabarettist Georg Kreißler inspiriert gefühlt. „Das komische Produkt daraus wollte ich als Diplomarbeit an der Akademie der Bildenden Künste zeigen. Und dafür brauchte ich eine Band”, erzählt die Künstlerin. Also lud Mizi ihre Freundinnen im Mai 2022 zum Schweinebauchgrillen in die Raumstation bei den Waggons am Stuttgarter Nordbahnhof ein – die „Gebärmutter von HGT”, wie sie den Ort nennen.
Von da an experimentieren die sechs Kunstschaffenden mit Instrumenten, Lyrics, Videos und selbstgemachten Kostümen – so bunt wie die Gen-Sequenzen, nach denen sich die Band benannt hat. Der Begriff Horizontaler Gentransfer stammt ursprünglich aus der Mikrobiologie. Bei einem Besuch in den Laboren der Universität Tübingen lernte Mizi von einem Professor, dass einige Mikrobiome Gene horizontal transferieren, ohne dass ein Geschlecht nötig ist. „Das fand ich lustig. Ein bisschen wie bei K-Pop, wenn alle das gleiche tanzen oder bei Memes, die wie ein Virus über Smartphones hüpfen.” Auch ihr kollektiver Schaffensprozess ähnelt diesem Prinzip: Nach dem Austausch von Ideen wisse niemand mehr genau, wer welchen Song geschrieben habe.
Songs aus dem kolonialistischen Erbe
In ihrem zweiten Album „Everything Possibbong” beschäftigt sich die Gruppe wie zuvor beim Vorgänger „Ereignishorizont” mit Diaspora-Erfahrungen und taucht tiefer in die Geschichte des K-Pop ein. Dabei begeben sie sich auf die Spuren des koreanischen Volkslieds „BBong“ und stoßen auf überraschende Verbindungen zur deutschen Musikgeschichte: Während des Zweiten Weltkriegs ging der deutsche Komponist Franz Eckert nach Japan, um dort Militärmusik zu schreiben – auch für Korea, das zu dieser Zeit unter japanischer Kolonialherrschaft stand. Eckert komponierte die erste koreanische Nationalhymne, die später verboten wurde, und beeinflusste über Umwege die Entwicklung jener Schlagertradition, aus der später der K-Pop hervorging.
„Wenn ich diese Musik höre, spüre ich tiefe Emotionen, denn sie verbindet sich mit dem Gesang der Mörder meiner Eltern”, sagt Mizi Lee. Die nostalgischen Melodien des BBong spinnt die Band in einigen Tracks des neuen Albums weiter, kombiniert mit einer wilden Mischung aus Rock, Punk, Rap, Techno und House. Damit bleiben die sechs dem experimentellen und chaotischen Umgang mit Musik treu, der über Genregrenzen hinaus zum Gesamtkunstwerk wird.
Verwachsen mit der Stuttgarter Subkulturszene
Horizontaler Gentransfer ist dabei mehr als eine Band: „Für mich ist HGT ist wie ein sehr bunter Black-Comedy-Kanal mit Musik, auf dem ich mich als Koreanerin und queere Frau ausdrücken kann“, sagt Jerry. Yun erzählt, dass ihnen HGT überhaupt erst Zugang zur Stuttgarter Kultur verschafft habe. Früher seien sie oft bei der Container City, dem Alten Schweden oder der Neuen Schachtel unterwegs gewesen. Orte, die heute schmerzlich fehlen; auch für die geplante Album-Release-Party am 5. Juni.
„HGT könnte ohne das Netzwerk der Stuttgarter Subkultur-Szene gar nicht existieren und ich finde es schade, dass diese immer mehr abgebaut wird”, sagt Mizi. Das Kollektiv trägt weiter seinen Teil zur Szene bei – nicht nur mit ihren Musikperformances, sondern auch, indem sie ihre eigene Kultur sichtbar machen. So organisierten die Künstlerinnen im vergangenen Jahr ein koreanisches Barbecue für die Community der Waggons.
Mit dem diesjährigen Hans-Molfenter-Preis würdigt die Stadt Stuttgart Horizontaler Gentransfer für ihr Engagement und künstlerisches Schaffen. Gleichzeitig mahnt Mizi die Stadt und ihre Ausländerbehörde, aufzuwachen. „Wenn es dort so weitergeht wie bisher und wir keine Termine bekommen, müssen wir Stuttgart wohl verlassen.”