Stuttgarter Lieblinge ausgebremst Warum die Killesbergbahn noch nicht fährt

Es dauert noch einige Tage, bis die Bahnen im Killesbergpark wieder fahren dürfen. Foto: Kraufmann/Thomas Wagner
Es dauert noch einige Tage, bis die Bahnen im Killesbergpark wieder fahren dürfen. Foto: Kraufmann/Thomas Wagner

Die Besucher vermissen in diesen Sommertagen die luftigen Fahrten in den Waggons der Liliput-Lokomotiven durch die idyllische Parklandschaft auf dem Killesberg. Doch bald soll’s wieder losgehen.

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S-Nord - Kein „Tazzelwurm“ hüllt sich inmitten der blühenden Parklandschaft in weiße Dampfschwaden. Kein „Springerle“ keucht auf schmalen Schienen und mit feuerrot lackierten Triebrädern im Laufschritttempo zwischen den Bäumen nahe der Stresemannstraße. Kein Pfeifen, Flöten und Zischen ist entlang der Parkbahn-Strecke zu hören. Auch Santa Maria, Blitzschwoab und Schwobapfeil machen sich in diesen Tagen rar. Die komplette historische Dampf- und Diesel-Lok-Flotte der beliebten Killesbergbahn lässt sich nicht blicken, was keineswegs an den paar verregneten Tagen liegt.

Die Kinder vermissen die Fahrten

Was ist da nur los? Das Enkelkind zupft die Großmutter beim gemeinsamen Spaziergang durch den Höhenpark sanft am Rockzipfel oder Hosensaum und will wissen: „Oma, warum fährt das Bähnle nicht mehr?“ Diese zuckt mit den Schultern und fragt sich das auch: „Mit der Stadtbahn kann man fahren, wenn man die Maske aufsetzt und Abstand hält“, hat eine Besucherin an die Stuttgarter Straßenbahnen geschrieben, „aber mit dem Bähnle geht das nicht, obwohl die Waggons doch offen sind.“

Die Bähnle sind kein öffentlicher Nahverkehr

Aber der Vergleich hinkt offensichtlich: Die Parkbahn auf dem Killesberg sei nicht Teil des Öffentlichen Personennahverkehrs, sagt SSB-Sprecher Hans-Joachim Knupfer und betont, dass in diesem Fall andere Bestimmungen gelten: „Die Killesbergbahn ist im Sinne der Verordnung wie eine Touristikbahn in einem Freizeitpark zu behandeln und für diese gelten andere Coronaregeln als im ÖPNV.“ Zudem bestehe das „Publikum vorwiegend aus ungeimpften Kindern“. Wegen der bisherigen Corona-Auflagen und des damit verbundenen Aufwands sei der Bähnle-Betrieb zuletzt jedenfalls nicht leistbar gewesen. Aber ein Hoffnungsschimmer zeichnet sich ab: „Aufgrund der aktuell neuen Verordnung wird die SSB entscheiden, was jetzt möglich ist“, sagt der SSB-Sprecher. Mit einer zweiwöchigen Anlaufphase für den Bähnle-Betrieb müsse allerdings gerechnet werden, schätzt er.

150 Kilogramm Kohle

Es wird also vermutlich bis weit in den Juli hinein dauern, bis Tazzelwurm, Springerle und Santa Maria aus ihrem Lokschuppen nahe dem Höhenfreibad Killesberg wieder herausrollen und auf Betriebstemperatur gebracht werden. Die Dampflokomotiven verspeisen pro Tag rund 150 Kilogramm Kohlen. Vier Stunden dauert es ungefähr, bis die Kessel angeheizt sind und genügend unter Dampf stehen. Mit acht bis zwölf Kilometer pro Stunde zuckeln die Züge dann durch die Landschaft des Höhenparks. So ein Dampfross ist eben kein D-Zug. Aber gerade das genießen die großen und kleinen Fahrgäste. In aller Seelenruhe ergötzen sich die Erwachsenen am Anblick des Seerosenteichs im Tal der Rosen. Währenddessen lauscht der kleine Sohnemann auf Muttis Schoß ganz andächtig der quietschenden Schienen-Sinfonie – als wär’s ein Stück von Mozart.

Die Bahnen fahren weitgehend kostendeckend

Die dienstälteste Lok heißt übrigens „Santa Maria“. Sie wurde 1929 für eine Messe in Sevilla gebaut. Das Schmuckstück ratterte am 17. April 2016 erstmals mit Fahrgästen durch den Höhenpark. Diese dritte Dampflok hat übrigens der Förderverein den Bähnle-Freunden verschafft. Seit 1994 kümmert sich der Verein „Freunde und Förderer der Killesbergbahn“ um den Erhalt und Fortbestand der Einrichtung. Rund 110 000 Fahrgäste, so schätzt der SSB-Sprecher, nutzen pro Jahr das Angebot. Im vergangenen Pandemie-Jahr sei die Bahn coronabedingt aber nur drei Monate gefahren. Der Fahrbetrieb als solcher sei „weitgehend kostendeckend“, sagt Knupfer. Um die Kosten für die Pflege, den Erhalt, die Sanierung und Grunderneuerung der historischen Lokomotiven und Züge decken zu können, sind aber auch Zuschüsse aus dem Etat der Stadt notwendig. „Bei so einer Art von historischer Bahn, die seit über drei Generationen zur Erlebniswelt der Stuttgarter gehört, stehen nicht die Kosten im Vordergrund, sondern der kulturelle Wert“, sagt der SSB-Sprecher.

Erinnerungen an die Killesberg-Hobos

Und manche unter den älteren Stuttgartern, die auf dem Killesberg oder in Feuerbach aufwuchsen, verbinden mit der denkmalgeschützten Parkbahn auch schöne Kindheitserinnerungen. In ihren früheren Lausbuben-Tagen sind manche der heute längst ergrauten Jungs in den 50er oder 60er Jahren auf das vorbeifahrende Zügle aufgesprungen und genossen die luftige „Freifahrt“. Auf der sitzfreien Plattform des letzten angekoppelten Wagens hockten die kleinen Killesberg-Hobos, zogen die Köpfe ein und machten es sich dort im toten Winkel gemütlich, ohne dass der Schaffner vorne etwas davon mitbekam. Am Feuerbacher Ausgang sprangen sie dann wieder rasch vom Zug herunter, um im Höhenfreibad noch eine Runde schwimmen zu gehen. Ob dort am Eingang jeder eine Eintrittskarte löste, ist nicht verbürgt.

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