Rund um die Schwäbische Alb sind sie grade nicht so gut auf das Bild zu sprechen, das jüngst von den Leuten dort vermittelt worden ist. Im ARD-Tatort vom vergangenen Sonntag kam das Dorfleben ziemlich schlecht und klischeehaft weg. Da tut es gut, wenn kurz darauf positive Schlagzeilen in einem echten Kriminalfall die Runde machen. In Wiesensteig (Landkreis Göppingen) jedenfalls tut sich gerade Überraschendes – auch für die Leute im Städtchen selbst. Denn unversehens ist man im obersten Filstal ins mediale Interesse gerückt – dank einer Heiligenfigur aus Lindenholz.
Die skurrile Geschichte beginnt im Jahr 1973. Da stehlen Diebe aus der katholischen Kirche St. Cyriakus mehrere Figuren. Darunter befindet sich auch die Skulptur „Anna selbdritt“. Die wertvolle, 85 Zentimeter hohe Heiligenfigur zeigt Anna, ihre Tochter Maria sowie das Jesuskind und stellt somit drei Generationen dar. Geschnitzt wurde sie bereits im 15. Jahrhundert von dem bis zu seinem Tod in Ulm lebenden Bildhauer Hans Multscher. Der Künstler gilt mit seinem damaligen progressiven Kunststil als Mitbegründer der Ulmer Schule und somit als einer der Wegbereiter für weitere bedeutende Bildhauer wie Tilman Riemenschneider.
51 Jahre lang fehlt von „Anna selbdritt“ jede Spur. Doch dann kommt plötzlich Bewegung in die schon fast vergessene Geschichte. Denn eine solche Figur taucht in einem Schweizer Auktionskatalog auf. Sie soll in Zürich versteigert werden. Das Landeskriminalamt (LKA) Baden-Württemberg wird eingeschaltet und verfolgt die Spur über mehrere Stationen zurück.
Das Ergebnis: Offenbar hat ein Ehepaar, das nach LKA-Angaben in Deutschland lebt, die Figur in den 70er Jahren nichts ahnend im Antikenhandel gekauft und seiner Privatsammlung hinzugefügt. „Die beiden wussten nichts von dem Diebstahl“, sagt LKA-Sprecher Jürgen Glodek. Jetzt löst das Paar seine Sammlung auf und wollte die Figur der Anna bei der Auktion versteigern.
Besitzer geben Skulptur zurück
Als die Besitzer vom Stuttgarter LKA über die Umstände des kriminellen Besitzerwechsels aufgeklärt werden, erklären sie sich spontan bereit, die Skulptur an die Kirchengemeinde in Wiesensteig zurückzugeben. Selbstverständlich ist das nicht, erklärt Glodek: „Rein rechtlich gehört ihnen die Skulptur inzwischen, weil sie sie gutgläubig erworben haben. Sie hätten die Figur auch versteigern können, haben aber sehr positiv reagiert.“
In Wiesensteig hat der Fall einigen Rummel ausgelöst. „Das hat Wellen geschlagen und kann so eine kleine Gemeinde schon in Aufruhr versetzen“, sagt Pfarrer Ralf Baumgartner schmunzelnd. Nicht wenige aus der Gemeinde haben bei den Ermittlungen unterstützt, unter anderem einen Zeitungsartikel aus dem Jahr 1973 ausgegraben, in dem der Diebstahl beschrieben wurde. Es wurde recherchiert und Detektivarbeit geleistet.
Der LKA-Vizepräsident kommt persönlich
Das „kleine Wunder“ sei sehr überraschend eingetreten, so Baumgartner, zumal es nicht mehr viele Zeitzeugen gebe, die sicher sagen könnten, was damals passiert und was genau gestohlen worden sei. Man gehe von zwei Skulpturen aus. Von der anderen und möglichem weiteren Diebesgut fehlt laut LKA nach wie vor jede Spur. Sicher ist aber, dass schon vor 1973 Dinge aus der Kirche verschwunden sind, auch Reliquien. „Man hat dann früh angefangen, Sicherungen anzubringen“, sagt Baumgartner. Die Anna sei damals wohl im Bereich des Hochaltars gestanden.
Die Heimkehr der Heiligenfigur soll jedenfalls in angemessenem Rahmen stattfinden. An diesem Freitag wird der Vizepräsident des Landeskriminalamts, Jochen Katzmann, „Anna selbdritt“ persönlich nach Wiesensteig bringen. Sie soll im Rahmen einer Andacht in der Stiftskirche St. Cyriakus wieder in die Obhut der Kirchengemeinde übergeben werden. Wo sie ihren Platz finden wird, steht laut Pfarrer Baumgartner noch nicht fest. „Wir gehen davon aus, dass sie wahrscheinlich erst einmal restauriert werden muss“, sagt er. Dann würde sie in neuem Glanz erstrahlen – und die außergewöhnliche Geschichte auf der Schwäbischen Alb nähme ein gutes Ende.