InterviewStuttgarter Lokal eilt Politik voraus Die Tintin Bar geht freiwillig in den Lockdown

Steigen vorübergehend auf abgefüllte Cocktails um: Benji Blomenhofer und Jonas Hald von der Tintin Bar Foto: privat/privat
Steigen vorübergehend auf abgefüllte Cocktails um: Benji Blomenhofer und Jonas Hald von der Tintin Bar Foto: privat/privat

Die Betreiber der Tintin Bar wollen aufgrund der exponentiell steigenden Infektionszahlen und der Intensivbettenüberlastung ein Zeichen setzen und schließen ihr Lokal zum 1. Dezember. Cocktails wird es trotzdem weiter geben.

Böblingen: Kathrin Haasis (kat)
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Stuttgart - Benji Blomenhofer und sein Geschäftspartner Jonas Hald wollen nicht länger Polizisten für den Staat spielen – und ihre Gäste zu immer strengeren Regeln ermahnen. Die Pandemie lasse sich nur durch einen Lockdown eindämmen, sind die Betreiber der Tintin Bar überzeugt.

Herr Blomenhofer, Sie gehen freiwillig in den Lockdown?

Es ist uns bewusst, dass wir nicht der Entscheidungsträger sind. Es war auch keine leichte Entscheidung. Wir sind aber der Meinung, dass es ohne Lockdown nicht funktioniert – egal ob für Geimpfte, Genesene oder Getestete. Dazu kommt, dass wir in den letzten Wochen zunehmend als Ordnungshüter für den Staat auftreten mussten. Es waren zwar wenige Gäste, aber trotzdem haben manche mit großem Unverständnis darauf reagiert. Die Maßnahmen führten zu keinerlei Besserung, der Ton wurde jedoch rauer. Wir wollen jetzt ein Zeichen setzen, dass für die Virusbekämpfung etwas passieren muss.

Kann eine Bar ein Corona-Hotspot sein?

Definitiv. Die Leute kommen geballt zu bestimmten Uhrzeiten und nicht wie im Restaurant, wo man es besser steuern kann. Wir haben einen ständigen Publikumsverkehr, es sitzen andauernd andere Leute nebeneinander. Da hast du keine Chance, auf den Abstand zu achten. Seit wir im September geöffnet haben, sind allerdings zu 90 Prozent nur Geimpfte zu uns gekommen. Wir sind gesund geblieben – und wir bleiben gesund.

Lohnt es sich denn, überhaupt noch zu öffnen?

An manchen Abenden hatten wir teilweise weniger Gäste als bisher, an anderen war wesentlich mehr los. Aber das Witzige war: Wir haben immer den gleichen Umsatz gemacht. Die wenigen Gäste haben sich so gefreut, dass wir da sind. Corona hat diesbezüglich viel verändert, von den Lockdowns scheint Geld übrig geblieben zu sein.

Dann ist die Schließung schon auch traurig?

Es ist traurig dahingehend, dass wir die Entscheidung selbst treffen müssen und dass wir unsere Gäste nicht mehr sehen. Bei manchen fühlt es sich wie Familie an. Aber wir haben immer etwas zu tun und sehen den Lockdown als Chance, noch etwas Zusätzliches aufzubauen und uns breiter aufzustellen. Unser Ziel ist das stetige Vorankommen und nicht, den Kopf in den Sand zu stecken. Wir schließen ja nicht einfach, wir stellen auf Bottled Cocktails um, also abgefüllte Cocktails, und eröffnen demnächst einen Online-Shop.

Wie lange soll der Lockdown im Tintin dauern?

Wir haben uns nicht auf ein Ende festgelegt. Wir gehen davon aus, dass ein genereller Lockdown für Bars kommt. Wir wollen jedoch auf alle Fälle wieder öffnen – wenn wir abschätzen können, dass die Inzidenzen in einem guten Rahmen sind.

Sind Sie enttäuscht von der Politik?

Nein. Politiker will keiner von uns sein. Die haben es nicht leicht. Die richtige Entscheidung zu treffen ist im Falle von Corona sehr schwierig. Gerade jetzt im Wahljahr können wir sehr zufrieden sein: Obwohl das Wahlversprechen abgegeben wurde, dass es keinen Lockdown mehr geben soll, wird jetzt darüber diskutiert. Die Parteien sind aus Vernunftgründen von ihren alten Meinungen abgewichen. Und allein, was an Überbrückungsgeld läuft, können wir nicht enttäuscht von der Politik sein.

Zur Person

Eröffnung
Seit rund drei Jahren gibt es die Tintin Bar in der Neuen Weinsteige in Stuttgart – aber davon war sie wegen der Coronapandemie nur die Hälfte der Zeit tatsächlich geöffnet.

Ausbildung
Benji Blomenhofer hat eine Ausbildung zum Restaurantfachmann und als Steuerfachangestellter absolviert – alles immer mit Blick auf die künftige Selbstständigkeit. Vor der Unternehmensgründung betrieb der 35-Jährige „intensives Job-Hopping im Gastrobereich“, um sich auf die Eröffnung der Tintin Bar vorzubereiten. Schon im Alter von 16 Jahren hatte er sich vorgenommen, mal ein eigenes Lokal zu führen. kat




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