Stuttgarter Malerin Käte Schaller-Härlin Schwäbisch, esoterisch, vegetarisch

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Sie ist als eine der ersten Frauen in Kirchen aufs Gerüst gestiegen und hat die Wände bemalt. Aber die Stuttgarter Malerin Käte Schaller-Härlin war auch eine illustre Persönlichkeit der Stuttgarter Kunstszene.

Verwitwet und alleinerziehend, künstlerisch aber sind es ihre besten Jahre:  Selbstbildnis von 1923 Foto: Staatsgalerie/Sammlung Borst
Verwitwet und alleinerziehend, künstlerisch aber sind es ihre besten Jahre: Selbstbildnis von 1923 Foto: Staatsgalerie/Sammlung Borst

Stuttgart - Ein wenig eigen war sie schon. Manchmal verkleidete sich Käte Schaller-Härlin als Zigeunerin und las Freunden und Verwandten aus der Hand. Sie kannte sich aus – und ging gelegentlich gar in eine astrologische Beratungsstelle. Aber auch beim Malen hatte sie ihre Eigenheiten. Denn Käte Schaller-Härlin malte nach der Uhr. An der Staffelei orientierte sie sich an der indischen Lehre der Tattvas – und benutzte einzelne Farben nur innerhalb bestimmter Zeitphasen.

Die Alte vom Berge, wie sich Käte Schaller-Härlin im Alter gern nannte, fiel auf. Wenn sie wie immer schwarz gekleidet und mit Kopftuch durch Stuttgart spazierte, waren ihr die Blicke sicher. Denn Käthe Schaller-Härlin war anders. Eine markante Persönlichkeit, Künstlerin durch und durch, konservativ einerseits, aber ihrer Zeit auch weit voraus: Sie war eine talentierte Porträtistin und eine der ersten Künstlerinnen, die Kirchen mit ihrer Malerei ausstatten. Handfest, wie sie war, kletterte Schaller-Härlin selbst aufs Gerüst und bemalte meterhoch die Wände. In der evangelischen Kirche in Gaisburg kann man eines ihrer Werke bis heute sehen.

Käte Schaller-Härlin ist in Mangalore in Westindien geboren

Das Stadtarchiv Stuttgart hat vor zwei Jahren den Nachlass von Käte Schaller-Härlin erhalten, den Carla Heussler gesichtet und nun in einer Ausstellung aufbereitet hat. Sie arbeitet auch an einer Monografie über Käte Schaller-Härlin, die wei­t­ge­hend in Vergessenheit geraten ist, obwohl sie eine wichtige und interessante Persönlichkeit der Stadt war. Mit dem Kunstsammler Hugo Borst, der mehr als dreißig Werke von ihr besaß, stritt sie über moderne Kunst – von der sie selbst allerdings nicht allzu viel hielt. Mit Theodor Heuss war sie zeitlebens eng befreundet. Er ließ sich von ihrer Haushälterin gern bekochen – mit Linsen und Spätzle.

Aber auch wenn Käte Schaller-Härlins Leben eng mit der Stadt verbunden war, ist sie 1877 nicht etwa in Stuttgart geboren worden, sondern in Mangalore in West­indien. Denn ihre Eltern Emmerich und Anna Härlin arbeiten dort für die Basler Mission. Als Käte vier Jahre alt ist, kehrt die Familie nach Deutschland zurück. Die Faszination für die indische Kultur aber bleibt Käte erhalten. Sie kocht gern teuflisch scharfe Currys oder mischt sich indische Tees nach eigenen Rezepturen.

Sie stellt sich gern als Malweib dar – mit Rock und Schlapphut

Schon als Kind malt sie viel – und im Nachlass befinden sich noch einige dieser hübschen frühen Zeichnungen etwa aus dem Poesiealbum. Zur Schule sei sie kaum gegangen, weil sie immer nur die Kunst im Kopf habe, erzählt Schaller-Härlin später in einem Radiointerview, das man in der Ausstellung im Stadtarchiv auch noch nachhören kann.

Mit 16 Jahren geht sie auf die Stuttgarter Kunstgewerbeschule und zeichnet brav ­Vogelskelette und Gipsköpfe ab. Aber sie will mehr. Sie organisiert einen „Kopf-Kurs“ und besucht bei dem Glas- und Kirchenmaler Rudolf Yelin d. Ä. im Württembergischen Malerinnen-Verein einen ­Aktkurs. Das ist an sich schon nicht gern ­gesehen, aber schon gar nicht bei einer Minderjährigen. Käte fliegt von der Gewerbeschule – sie schert es nicht weiter.

Sie ist eben schon damals willensstark und ein echtes „Malweib“, als das sie sich gern darstellt – mit Rock und Schlapphut. Und das Malweib will weiterkommen, egal wie. 1899 besucht sie einen Modellierkurs – „das ist eine feine Schmiererei“, schreibt sie an ihre Base.

Sie studiert Aktmalerei in Italien

Auch wenn die Familie nicht begeistert ist, dass Käte nichts anderes als Künstlerin sein will, unterstützt man sie, so dass die junge Frau im Jahr 1900 ihr Bündel packt und nach München zieht. An den Akademien sind Frauen zu der Zeit nicht zugelassen, deshalb geht Käte in die Damen-Akademie des Künstlerinnen-Vereins. Zwei unverheiratete Brüder der Mutter sind wohlhabende Fabrikanten und unterstützten Käte, die sich aber auch durch Illustrationen etwas dazuverdient.

Auch wenn es alles andere als selbstverständlich ist, fährt Käte nach Italien und studiert Aktmalerei an der dortigen Akademie. Sie reist nach Assisi und Padua – und um die Reisekasse aufzubessern, verkauft sie Kopien Alter Meister an Touristen, macht Porträts und Werbegrafik. Patent ist die junge Frau eben auch.

In Paris beschäftigt sich die junge Malerin mit zeitgenössischer Kunst und trifft wichtige Geister der Zeit. „Den Matisse und alle die da haben wir kennengelernt“, erzählt sie, „Rilke hat uns allen seine Werke vorgelesen und ist auch an Weihnachten bei uns gewesen.“ Als sie ihm gesteht, dass sie keine humanistische Bildung genossen habe, entgegnet Rilke: „Sie Glückliche!“

So bewegt sie sich im Kreis der Avantgarde, in Stuttgart soll sie zeitweise auch bei Adolf Hölzel gelernt haben. Sie pflegt ein gutes Netzwerk, so dass sie sich sowohl als Porträtistin als auch als Kirchenmalerin etablieren kann. Aber erst, als die Zeitungen über die Malerin berichteten, „hat mein Vater endlich an mich geglaubt“.

Sieben Kirchen in Baden-Württemberg hat sie ausgemalt

Sie ist schon Mitte dreißig, als sie die große Liebe trifft: Hans Otto Schaller. Der Stuttgarter Kunsthistoriker und -händler gehört zur berühmten Stuttgarter Schaller-Familie, die die Königliche Hofkunsthandlung Ludwig Schaller betreibt. Hans Otto ist es, der den Betrieb ins Kunsthaus Schaller umwandelt und nicht mehr nur auf Fotografie, sondern auch auf zeitgenössische Kunst setzte. Bis 1999 gab es das Kunsthaus in der Marienstraße, dann musste Schaller schließen.

Es ist für beide die große Liebe, trotzdem will Käte nicht heiraten, nicht nur, weil er sechs Jahre jünger ist als sie. „Ich bin viel zu leidenschaftlich bei meiner Kunst, und was wäre einem Mann eine solche Frau?“, schreibt sie ins Tagebuch. Er aber setzt sich durch, 1911 wird geheiratet, die Einladungen zur Hochzeit gestaltet sie selbstverständlich selbst. Und Hans Otto Schaller unterstützt sie, so gut er kann. „Ich habe meine Frau nicht geheiratet, damit ich abends sehe, wie sie ihre Zähne putzt.“

Lang währt das Glück nicht. Hans Otto fällt 1917. Sie bekommt Hunderte Zuschriften. Er sei „der Vater der Kunst“ gewesen, schreiben ihr die Leute. Schaller-Härlin lebt fortan als alleinerziehende, frei schaffende Künstlerin, die sich und ihre Tochter nun mit ihrer Kunst durchbringen muss.

Die Pastorentochter Käte Schaller-Härlin ist gläubig. Sie gestaltet Glasfenster und hat insgesamt sieben Kirchen in Baden-Württemberg ausgemalt, darunter die von Martin Elsaesser gebaute Kirche in Lich­tental bei Baden-Baden. In den zwanziger und dreißiger Jahren widmet sie sich vor allem Porträts. Aus künstlerischer Sicht ist es ihre beste Zeit, sie experimentiert nun stärker, die Bildnisse nähern sich zum Teil der Neuen Sachlichkeit an. Immer wieder reist sie auch nach Spanien und porträtiert Kinder aus gutem Hause. Sie komme mit Menschen schnell in Kontakt, das komme ihr beim Porträtieren zugute, meint sie, einmal sagt einer der Porträtierten sogar, jetzt müsse er nicht mehr zum Psychiater gehen, sie habe ihm die Augen über sein ­Inneres geöffnet.

95 Jahre ist Käte Schaller-Härlin alt geworden – und die historischen Ereignisse haben auch ihr Leben immer wieder ins Schlingern gebracht: Im Zweiten Weltkrieg wird ihr Haus zerbombt, sie zieht mit ihrer Hausangestellten Anna Zaiss in die Nähe von Schwäbisch Gmünd. Es sind schlechte Zeiten, sie porträtiert Bauern für ein paar Lebensmittel und verkauft kleine Blümchenkarten. 1950 zieht sie in die Ruinen, die der Krieg von der Schaller-Villa auf dem Stuttgarter Rotenberg übrig gelassen hat. Das Wohnzimmer wird zum Atelier, Anna Zaiss ist die gute Seele, die kocht, backt, den Garten macht, fünfzig Jahre ist sie im Dienst von Käte Schaller-Härlin.

Bis ins hohe Alter hat Käte Schaller-Härlin ausgestellt, häufig auch im Kunsthaus Schaller. Die Presse berichtet zu ihren runden Geburtstagen, einige Arbeiten befinden sich auch in öffentlichen Sammlungen, etwa der Staatsgalerie Stuttgart. Daneben widmet sie sich immer begeisterter der Esoterik. Sie ist eine überzeugte Astrologin. Für sie gibt es keinen Zweifel, dass die Sterne ihr Leben bestimmen. Aber auch die Religion ist ihr „tiefste Herzenssache“. Eine Frau, die keine Kompromisse macht, wie ihre Haushälterin ausplauderte – und die fest davon überzeugt war, dass man Fleisch nicht essen sollte.

Kauzige Dame

1973 ist die Malerin gestorben. Mancher Stuttgarter staunte, wie sich diese ein wenig kauzige, hochbetagte Damen so wacker hielt. Für Käte Schaller-Härlin war es ­dagegen keine Frage, warum sie sich auch im Alter bester Gesundheit erfreute: Die Kunst war ihr Jungbrunnen. „Mein ganzes Sein und Denken gehört meiner Arbeit“, erklärte sie, „meine Gesundheit kommt ­daher, dass ich dauernd arbeite.“

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