Sie kennen vielleicht die Endgegner von Super Mario früher. Man hat diese Monster, Bowser und Co, in dem Computerspiel immer wieder versucht plattzumachen, aber sie waren immer stärker, man probiert es wieder und wieder und scheitert Mal um Mal. So ähnlich sei es, gegen die Depression zu kämpfen, sagt Kostas Hatzimeletiu. Einfach gar keine Chance. Viel zu schwach. Das Monster drückt einen einfach nieder. Obwohl die Aufgaben, im Vergleich zum Super-Mario-Endboss, oft nicht so schwer klingen. Etwa: aus dem Bett aufstehen.
Überhaupt, das Bett: Sechs Monate hat Kostas, 35, hier verbracht, umgeben von weißen Wänden, ein paar Bildschirmen und einem Fenster, dessen Vorhang meist dafür sorgt, dass nicht zu viele Lichtstrahlen von Stuttgart-Mitte reinkommen. Absturz, Suizidversuch, das Finden einer Hoffnung – die wesentlichen Lebensschritte der jüngeren Vergangenheit sind auf diesen 2 mal 1,60 Metern passiert. Es hätte alles auch anders laufen können, Kostas – man landet mit ihm schnell beim Du – wäre dann jetzt nicht hier, um zu erzählen, wie er das überstanden hat. Deswegen nennt er sich auch: Überlebender. Er führt ein zweites Leben. Wie sah sein erstes aus?
Irgendwann beginnt die Ordnung zu bröckeln
Kostas arbeitet in den 10er-Jahren lange an der Bar. Als Barchef hat man eine gewisse Autorität und es kommt auch bei den Frauen gut an, wie er erzählt. In die Stuttgarter Clubs gelangt er, ohne in der Warteschlange zu frieren, man kennt sich im Nachtleben. Nachdem der Plan, eine eigene Bar zu eröffnen, an der Immobilie scheitert, übernimmt er 2019 mit Erspartem einen Kiosk in der Rathaus-Passage. Er hat einen festen Freundeskreis. Er ist verheiratet, er und seine Frau haben eine anständige Wohnung, wenn sie seine Familie besuchen, verläuft das harmonisch. Irgendwie läuft alles in geordneten Bahnen.
Die kleinen Hinweise, dass die Ordnung am Bröckeln war, erkennt man immer erst danach. Er sieht ein Bild seiner Frau mit einem Spiegel im Hintergrund, der nicht aus der gemeinsamen Wohnung ist, und doch denkt er: Den kenne ich doch. Und ihm fällt auf: Seine Frau verändert sich. Im März 2021, um 4 Uhr morgens, sieht er seine Frau mit einem seiner besten Freunde vorbeifahren. Die Hinweise fügen sich zusammen: Er wird seit Monaten betrogen. Kostas schnappt seinen Reisepass und ein paar Klamotten und zieht sofort zu seinen Eltern, bricht den Kontakt zu fast allen Freunden ab, die alle Bescheid gewusst und ihm nichts erzählt hätten, sagt Kostas.
Kostas verliert den Antrieb
Es ist auch die Zeit der Corona-Lockdowns, am Kiosk bricht die Zahl der Kunden ein, klar, das Land hockt zu Hause. Die beruflichen E-Mails werden immer mehr, irgendwann versenkt er sein Handy im Eckensee, die Briefe öffnet er nicht mehr. Ein bisschen später muss Kostas Insolvenz anmelden. Er überlässt es anderen aus der Familie, den Betrieb abzuwickeln.
Statt morgens aufzustehen, sich für die Arbeit fertig zu machen, auf dem Weg dahin die Leute vom Breuninger zu grüßen, sich einen Kaffee zu machen, die Zeitungen rauszustellen, werden das Bett und die Stille zu seinen besten Freunden, so hält er das in Notizen auf seinem Handy fest. Er rasiert sich nicht mehr, die Haare wuchern, waschen hat keine Priorität, Kostas’ vorher täglich trainierte Armmuskeln sind nun höchstens damit beschäftigt, sein Macbook auf seinen Schoß zu heben. Es gibt Phasen, in denen er zwei Wochen kein Tageslicht sieht, er ist nachts wach und schläft tagsüber, vergräbt sich in einem Hass auf die Welt, der ihm jeden Antrieb nimmt, mit eben jener Kontakt aufzunehmen. Es dauert, bis Kostas merkt, dass das, was er durchlebt, eine schwere Depression ist.
„Teile in mir sterben jede Sekunde ab“
„Die Schulden alleine hätte ich noch händeln können“, sagt Kostas heute. „Der Verrat war viel schlimmer.“ Dazu das Wegfallen jeglicher Routinen, kein gemeinsames Kochen mit der Partnerin, keine Treffen mit Freunden. Die Gefühle dazu: Leere und Einsamkeit, die Liebe zu sich selbst kraftlos. Das Gefühl, vergessen worden zu sein. Die Träume, etwas aus sich zu machen, geplatzt. Unfähig, Hilfe anzunehmen. Ein bisschen wie selbst verordnete Isolationshaft. Innerlich leer, taub, bewegungslos. „Teile in mir sterben jede Sekunde ab“, schreibt er in seine Notizen.
Kostas beginnt, eine Pro-und-Contra-Liste zu seinem Suizid zu machen, auf der Contra-Liste findet sich vor allem seine Familie. Er taucht in Foren tief ein in die möglichen Methoden eines Suizids, überlegt, wer Macbook und Spielkonsole bekommt und die Sneaker-Sammlung. Er besorgt sich Tabletten. Er nimmt 15 Stück, eine nach der anderen. „Wie wenn man etwas zu Ende führen möchte, das man angefangen hat, ohne es zu hinterfragen“, sagt Kostas. Er wartet nach jeder Tablette eine Weile, das rettet ihm vielleicht das Leben. 15 Stunden lang ist er weggetreten, dann kommt seine Mutter bei ihrer Routinerunde vorbei. Ihn beschäftigt, was es mit seinen Eltern macht, dass er aus dem Leben scheiden wollte.
Eine Packung Toffifee White mit einer wichtigen Botschaft
Etwas später findet Kostas eine Packung Toffifee White, die er so liebt, auf seinem Bett. Sie sind nicht einfach eine Süßigkeit, eher eine Botschaft der Mutter, die sagt: Ich habe dich nie vergessen und werde dich nie fallen lassen, nach all den Rettungsversuchen und Hilfsangeboten. Und: Es gibt kleine Dinge, für die es sich zu leben lohnt. Kostas sieht es auch als Zeichen, aus dem Bett rauszukommen und sich selbst eine Chance zu geben. Sein zweites Leben beginnt.
Kostas richtet sich in seinem Bett auf und beginnt, in seinen Laptop zu tippen, bringt die Gedanken in Form, die er ohnehin schon die ganze Zeit in sein Handy notiert hat. Er richtet sich an andere Menschen mit einer Depression, denn „nur die Traurigen verstehen die Traurigen“, sagt er. „Überlebender“, heißt es in diesen Zeilen, „versuche zu schreien, auch wenn es alles in der Luft zerreißt. Es ist so verdammt wichtig, dass du mit uns kommunizierst“, schreibt er. Kostas selbst hatte die Kommunikation lange verweigert, auch denen, die ihn liebten.
Er bewegt sich mit Schutzpanzer durch die Welt
Kostas tippt immer weiter. Das Schreiben wird zu seinem Lebensinhalt, zu seiner Therapie, seiner Bestimmung. Nach einem Jahr setzt er den letzten Punkt in sein Buch, eine Kurzform davon reicht er für einen Wettbewerb des Selfpublisher-Anbieters Story One und des Buchhändlers Thalia ein – so kann er es veröffentlichen. „Über-Leben“ heißt das Buch, um die 100 Stück seien bisher verkauft. Für das kommende Jahr plant er eine Trilogie über Liebe, Suizid und Suche nach der Ewigkeit.
Das Schreiben hat Kostas nicht geheilt, er schläft jeden Tag mit einer Depression ein und wacht mit einer auf. Wenn er außer Haus geht, zieht er sich die Kapuze über den Kopf, die Blicke anderer lösen oft Ängste in ihm aus, jede soziale Interaktion ist ein Spießrutenlauf. Spricht er mit Menschen, gebe er sich oft kühl, sagt Kostas, das sei wie sein Panzer. Nur wer nahe an einen herankommt, kann einen verletzen. Diese Nähe ist vorerst für die Eltern, die Schwestern, die Neffen und Nichten reserviert.
„Ich werde es schaffen“
Kostas Ziel ist es nicht, sein altes Leben wiederherzustellen, sondern ein neues zu schaffen, das besser zu ihm passt. Er sei jetzt ein stillerer Mensch, ein besserer Zuhörer als früher, sagt er. Und er will sich um sich selbst kümmern, sich kommendes Jahr wieder einen Therapeuten suchen, bei der letzten Therapie sei er menschlich noch nicht bereit gewesen. „Ich habe jetzt eine kontrollierte Depression, aber ich denke nicht mehr daran, mich umzubringen“, sagt Kostas. Bis er wieder in der Welt außerhalb seines Zimmers funktioniert, wird es noch dauern. „Aber ich werde es schaffen“, sagt Kostas.
Sie haben suizidale Gedanken? Hilfe bietet die Telefonseelsorge. Sie ist anonym, kostenlos und rund um die Uhr unter 0 800 / 111 0 111 und 0 800 / 111 0 222 und unter https://ts-im-internet.de/ erreichbar. Eine Liste mit Hilfsangeboten findet sich auf der Seite der Deutschen Gesellschaft für Suizidprävention: https://www.suizidprophylaxe.de/