Albert Blank leidet an obstruktiver Schlafapnoe, an einer schlafbezogenen Atmungsstörung, die mit Atemaussetzern einhergeht, weil der Atemweg blockiert ist – Erschöpfung ist eine typische Begleiterscheinung. Bei ihm wurden 68 Atempausen von wenigstens zehn Sekunden Länge in der Stunde gemessen. Weil das Gehirn wegen der Aussetzer Weckreaktionen startet, komme man aus tieferen Schlafphasen wieder in höhere. „Die Schlafqualität ist sehr schlecht“, sagt die behandelnde Oberärztin, Viola Götz, aus der HNO-Klinik des Klinikums Stuttgart. Sie hat Blank im September 2018 operiert und ihm einen Zungenschrittmacher eingesetzt, der im Oktober aktiviert wurde. Blank war Patient Nummer 5, bei dem das neue Verfahren angewandt wurde. Er habe es keine Sekunde bereut, sagt der Stuttgarter. Willkommener Nebeneffekt: Zwölf Kilogramm habe er seit Oktober an Gewicht verloren, ohne Diät. Einfach dadurch, dass die Energie zurückgekehrt ist.
Vier Schlaf-Masken hat er ausprobiert
Die Zeit zuvor sei belastend gewesen. Er habe es zunächst auf die wechselnden Schichten geschoben, dass er so abgeschlagen war und eine innere Leere spürte. Aber wieso ging es seiner Frau und Kollegin, die auch Nachtschichten fuhr, nicht genauso wie ihm? Ein Kollege bei den Stuttgarter Straßenbahnen brachte ihn schließlich darauf, dass er Schlafapnoe haben könnte. Im Schlaflabor bestätigte sich 2011 der Verdacht. Das Problem: Mit den Beatmungsmasken für den Schlaf, die ihm als Therapie verschrieben wurden, kam er nicht zurecht. Vier Masken habe er nacheinander ausprobiert, tapfer schleppte er den Maskenkoffer auch mit in den Urlaub. Doch egal, wo er schlief, er konnte sie nur einen Teil der Nacht ertragen, dann habe ihn eine Art Platzangst ergriffen. Die Erschöpfung blieb auch dann noch sein Begleiter, als er nur noch Tagschichten fuhr. Er ging noch früher ins Bett, legte sich um 19 Uhr schlafen, doch auch das reichte nicht, um sich erholt zu fühlen. Immerhin, an Sekundenschlaf litt er nicht, seine Fahrtüchtigkeit sei zum Glück nicht eingeschränkt gewesen.
50 Prozent der Patienten mit Schlafapnoe, also Atemaussetzern, kämen mit den Beatmungsmasken auf Dauer nicht zurecht, berichtet der Ärztliche Direktor der HNO-Klinik am Klinikum Stuttgart, Christian Sittel. Er ist froh, dass man mit dem Zungenschrittmacher eine weitere Therapie anbieten könne, denn eine unbehandelte Schlafapnoe könne schlimme Folgen haben (siehe Infokasten). Die Krankenkassen zahlten den Eingriff, sagt Viola Götz. Es müssten aber bestimmte Kriterien erfüllt sein. Die Hauptvoraussetzung: Die Beatmungsmaske wird nicht vertragen. Die Patienten, die bisher operiert wurden, darunter zwei Frauen, hätten schon mehrere Maskenwechsel hinter sich gehabt. Viele seien auch schon voroperiert gewesen, zum Beispiel an der Nasenscheidewand.
Wie ein unsichtbarer Geist, der die Zunge bewegt
Wenn Albert Blank ins Bett geht, hält er sich ein computermausartiges Gerät unterhalb des rechten Schlüsselbeins vor das dort eingesetzte Aggregat und drückt einen grünen Knopf. Nach einer halben Stunde springt der Zungenschrittmacher an. Dann ist Blank erfahrungsgemäß eingeschlafen. Der Atemsensor am Schlüsselbein registriert, wann sich der Brustkorb hebt, und sendet Signale in die Elektroden in der Zunge, die sich beim Einatmen leicht streckt, so dass die Atemluft ohne Hindernis fließen kann. „Es ist, als ob ein unsichtbarer Geist deine Zunge bewegt“, erklärt Blank. Das klingt gruselig, er empfinde das aber nicht so. Wacht er nachts auf, kann er den Schrittmacher per Knopfdruck pausieren.
Dass die Therapie mittels Inspire System, wie das Produkt heißt, bei ihm ein Erfolg ist, kann seine Ärztin an den Daten sehen – und seine Ehefrau akustisch wahrnehmen: „Sobald der Schrittmacher angeht, hört auch das Schnarchen auf – und ich bin froh, dass es aufhört“, sagt Dorothea Blank. Sie war jahrelang Leidtragende des Leidens ihres Mannes. Einmal hat sie sogar eine Tonaufnahme gemacht, weil er ihr nicht glauben konnte, wie laut er geschnarcht hat. „Zum Glück habe ich selbst einen tiefen Schlaf“, erzählt sie, aber es sei schwer gewesen, bei der Geräuschkulisse einzuschlafen. Auch Albert Blanks Arbeitgeber profitiert von dem Eingriff. Er fange jetzt wieder an, Nachtschichten zu übernehmen, erzählt der Stadtbahnfahrer. Die Energie dafür ist ja schließlich vorhanden.
Folgen für die Gesundheit und Betroffenheit
Die obstruktive Schlafapnoe soll gerade unter älteren Männern weitverbreitet sein, wobei Studien je nach Land unterschiedliche Grade der Betroffenheit angeben. Oberärztin Viola Götz berichtet über eine neuere Studie aus der Schweiz, die 49,7 Prozent der Männer beziehungsweise 23,4 Prozent der Frauen als mittel- bis schwergradige Obstruktive-Schlafapnoe-Patienten identifizierte. Eine Studie aus den USA von 2013 hatte ergeben, dass die Betroffenheit auch im jüngeren Alter gegeben ist: Zehn Prozent der Männer im Alter zwischen 30 und 49 Jahren hatten mehr als 15 Atempausen pro Stunde (mittel- bis schwergradige Schlafapnoe).
Die gesundheitlichen Folgen können weitreichend sein. „Eine unbehandelte Schlafapnoe hat die gleiche Prognose wie mancher bösartige Tumor“, so Chefarzt Christian Sittel. Das Risiko für Herz-Kreislauf-Erkrankungen wie Bluthochdruck, Herzinfarkte und Schlaganfälle, aber auch von seelischen Erkrankungen wie Depressionen ist erhöht. Es besteht eine erhöhte Gefahr des plötzlichen Herztods, Diabetes soll gehäuft vorkommen.