Stuttgarter Modehändler vermissen Hochzeitsfeiern Verliebt, verlobt, verschoben

Von Uwe Bogen 

Der Stuttgarter Modemann Marco Mangold freut sich: Jetzt kann er wieder Labels besuchen, ob Akris in St. Gallen oder Brioni in Mailand. Händler vermissen jedoch Hochzeitsfeiern und Bälle. Brautpaare tun sich derweil schwer, für 2021 Locations zu finden.

Marco Mangold, der Chef des Stuttgarter Modegeschäfts  Koelble & Brunotte, bei der Präsentation des Luxusmodelabels Akris in der Schweiz. Foto: StZ
Marco Mangold, der Chef des Stuttgarter Modegeschäfts Koelble & Brunotte, bei der Präsentation des Luxusmodelabels Akris in der Schweiz. Foto: StZ

Stuttgart - Gerade platzen Hochzeitsträume reihum. Die Pandemie hat dem Sommer 2020 die Wonnemonate geraubt. Verliebt, verlobt, verschoben. Kaum ein Ereignis im Leben ist mit so vielen Vorbereitungen, mit so vielen Checklisten, mit einer so gewissenhaften Suche nach der perfekten Kleidung verbunden wie die Hochzeit. Zwar darf man nun mit 99 Gästen feiern, aber nur dem Brautpaar ist es erlaubt, den Walzer zu tanzen. Wer will mit Masken und Abstand den angeblich schönsten Tag des Lebens genießen?

Für die meisten Liebenden, die zum Jasagen von ganzem Herzen entschlossen sind, kamen die Lockerungen zu spät. Denn ihre Feier haben sie längst abgesagt. Wer nun aber eine Location für den Sommer 2021 sucht, der ein Sommer der Superlative und großen Erwartungen zu werden verspricht, stößt auf eine Absage nach der anderen. Die meisten Termine an den schönsten Heiratsorten sind bereits ausgebucht. Da bleibt manchen Vermählungswilligen nur noch der Ausweg, an einem Sonntag zu feiern, weil samstags und freitags im nächsten Sommer und Herbst so zahlreich geheiratet wird wie nie zuvor.

Wird auch der Landespresseball abgesagt?

Im nächsten Jahr werden außerdem 61., 71. oder 81. Geburtstage groß gefeiert – beim runden Anlass stand das Virus im Weg. Ohne Hochzeiten, ohne Premieren, ohne Bälle (wird auch der Landespresseball abgesagt?) ist der Drang, sich die schönsten Abendkleider und Anzüge zu kaufen, nicht ganz so ausgeprägt. Modegeschäfte bekommen dies zu spüren. Die Lust, mit Maske in Umzugskabinen neue Stoffe anzuprobieren, ist begrenzt.

Dennoch freut sich Marco Mangold, der Chef von Koelble & Brunotte, eines der letzten inhabergeführten Modegeschäfte auf der Königstraße, dass für ihn ein Stück Normalität beginnt. Am Donnerstag ist er mit zwei Mitarbeiterinnen in die Schweiz gefahren, um bei dem St. Galler Luxusmodelabel Akris die neuen Kollektionen anzuschauen – und auszuwählen, was seinen Kundinnen gefallen könnte. Dies war schon lange nicht mehr möglich. Wenn man etwas Neues bestellte, dann online.

„Orientierungslos wie ein fehlprogrammierter Roboter“

Doch ein Modegeschäft mit hohen Ansprüchen kann sich mit der Optik nicht zufriedengeben. „Fotos können täuschen“, sagt Mangold, „man muss die Stoffe anfühlen.“ Seine Mitarbeiterinnen werden reinschlüpfen, um zu spüren, wie sich die neuen Kleider anfühlen. Die Labels sind bereits dort angekommen, wo die Hochzeiter und Veranstalter gern wären – mit der Mode im Sommer 2021, in jener Zeit also, von der alle hoffen, dass sie mehr dem ähnelt, was wir kannten.

Bei der Fashion-Week in Paris im März hat Akris vor gelichteten Reihen die Kollektion für den Winter 2020/2021 vorgeführt. „Küsschenküsschen, das sonst zentrale Ritual der It-Girls, Chefredaktorinnen, Einkäuferinnen und Stylisten dieser Welt, fiel weg“, schrieb das St. Galler „Tagblatt“, das mitgereist war, „man ertappte sich beim Reflex, die Backe orientierungslos in die Luft zu strecken wie ein fehlprogrammierter Roboter.“

Koelble & Brunotte war der Hemdenausstatter des Königs

Jetzt also hat Akris die Einkäufer Europas zu sich eingeladen, um die Kollektion „Resort 2021“ mit einer Show zu feiern – im eigenen Haus, nicht wie sonst in Paris. Mitte Juli wird der Stuttgarter Marco Mangold auch noch nach Mailand zu den Labels Etro und Brioni fahren, weil auch dort nach dem Shutdown geöffnet wird.

Vor zwei Jahren hat Mangold das 1882 in Baden-Baden gegründete Modehaus Koelble & Brunotte gekauft, das der Hemdenausstatter des Königs war und im Hotel Marquardt in Stuttgart eine Dependance unterhielt. Das schöne Geschäft auf zwei Etagen an der Königstraße, das über ein eigenes Atelier verfügt, stand vor dem Aus. Die Vorbesitzerin Herta Kächele hatte die Institution 63 Jahre lang geführt und keinen Käufer gefunden. Die Kündigungen waren raus, als Marco Mangold kam. Bei Breuninger hatte er gearbeitet. Seine Bank konnte er überzeugen, dass Geld in diesem Traditionshaus gut angelegt ist.

Warum nach München zum Einkaufen fahren?

Der neue Chef übernahm das gesamte Personal. In Stuttgart fehlt es nicht an Menschen, die sich etwas leisten wollen und nicht bei Ketten einkaufen, die nach und nach die City erobern. Warum sollten Modebewusste, die vermögend sind, immer nach München fahren? Stammkunden sind Mangold treu geblieben und kaufen gerade jetzt ein, um ihn und sein Team zu unterstützen. „Die Damen freuen sich, dass sie wieder in Restaurants ausgehen können“, sagt er. Und für nächstes Jahr, wenn Hochzeiten und Geburtstage nachgeholt werden, brauchen sie feine Roben. Echte Liebe übersteht jede Wartezeit. Verliebt, verlobt – und später als geplant verheiratet!

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