Stuttgarter Mompreneurs Von der jungen Mama zur Jungunternehmerin

Ordnungscoach Melanie Reichold, Dilan Kurucu von Mommies Kitchen Gang und Desiree Behrens vom Mamahaus STG (von links nach rechts). Foto: privat

Stillen, Wickeln, Gründen? Viele Mütter stellen sich in der Elternzeit beruflich komplett neu auf: Ob nebenbei als Ein-Frau-Start-up, in der Gastro oder als Ordungscoach - uns erzählen drei Stuttgarterinnen von den Herausforderungen gründender Mamas.

Mompreneur setzt sich aus den englischen Begriffen Mom und Entrepreneur zusammen und bezeichnet Mütter, die sich neben der Betreuung der eigenen Kinder selbstständig machen. Denn viele Frauen sehen mit ihrer veränderten Familiensituation auch die Chance, ihren Job zu wechseln oder sich ein zweites Standbein aufzubauen - und das im Einklang mit der Mutterschaft.

 

Klingt ziemlich anstrengend, und doch gibt es eine große Anzahl an Frauen, die ihr Angestelltendasein mit der Geburt eines Kindes hinter sich lassen. Ob flexiblere Arbeitszeiten oder die Verwirklichung des großen Traums vom eigenen Business - Mompreneurship kann nicht nur in der digitalen Welt eine Alternative sein. Wir stellen drei Stuttgarter Mütter vor, die sich selbstständig gemacht oder ein zweites Standbein aufgebaut haben.

Dilan Kurucu von Mommies Kitchen Gang

Als Dilan Kurucu begann, ihren Imbiss Mommies Kitchen Gang im September 2021 zu gründen, hatte sie erst vor wenigen Tagen erfahren, dass sie ein Kind erwartet. "Ich war zu dem Zeitpunkt in der siebten Woche schwanger. Drei Tage nach der Geburt stand ich schon wieder im Laden auf der Baustelle, das war am 19. April 2022 und als wir am 11. Juli 2022 den Laden eröffnet haben, war meine Tochter knapp drei Monate alt" erzählt die Stuttgarterin, die vor ihrer Selbstständigkeit bei Hugo Boss als Kommunikationsmanagerin im Team der Pressesprecherin gearbeitet hat. Vorher Pressearbeit, Texten und Übersetzen, etwas Social Media und etwas Projektarbeit - jetzt dreht sich der Alltag der 32-Jährigen um Manti, Lahmacun und Köfte.

Mit ihrer Mommies Kitchen Gang tischt Dilan die herrliche Bandbreite anatolischer Küche auf und fördert zugleich Mütter, die es am Arbeitsmarkt nicht leicht haben. Doch wie kam sie auf die Idee, den Schreibtischjob gegen einen Imbiss zu tauschen? "Der Ansporn und Reiz danach, selbst ein kleines Unternehmen zu gründen, waren schon ziemlich lang präsent, auch eine grobe Idee zu Mommies Kitchen Gang hatte ich bereits bevor ich selbst Kinder hatte. Den festen Entschluss zur Gründung habe ich letztes Jahr im September 2021 gefasst", so Dilan.

Planerisches und organisiertes Vorgehen sind das A und O

Zu einer ihrer größten Hürden gehörte definitiv der Businessplan, den die Stuttgarterin komplett selbst geschrieben hat. Als zeitintensiv und vor allem beim Finanzteil komplex, beschreibt sie die Phase ihrer Gründung, die aber gleichzeitig unerlässlich für die konkrete Vorstellung ihres neuen Gastrokonzepts war. Eine weitere Hürde war der Start und die vielen Fragen: Wie und womit fange ich an, wer ist meine Anlaufstelle und wie gehe ich am besten vor, so Dilan. "Hier braucht man meiner Meinung nach ein planerisches und organisiertes Vorgehen, vor allem wenn man wie ich als Quereinsteiger gründet und sich überhaupt nicht in dieser Branche auskennt", sagt die Stuttgarterin.

Zwei kleine Kinder, ein eigenes Geschäft und ein vollzeitarbeitender Mann: Ohne ein gutes Zeitmanagement würde Dilan den Tag nicht überleben, wie sie lachend erzählt. Sie plane und lege alle Termine so praktisch und zeiteffektiv wie möglich. "Ohne die zusätzliche Unterstützung und Hilfe meines Mannes würde das Kartenhaus vermutlich in sich zusammenfallen", so Dilan. Aktuell würden zwar die Zweisamkeit und das Familienleben ein wenig leiden, dafür genießen sie die verfügbare Familienzeit umso bewusster. "Ich arbeite darauf hin, dass ich bald auch wieder mehr Zeit für Kinder und Familie habe - das ist ein absolutes Ziel", sagt die Neo-Gastronomin.

Dilans Sohn geht bereits seit über einem Jahr in die Ganztageskrippe, ihre Tochter ist aktuell noch durchgehend bei ihr, hat einen eigenen Laufstall, ihren Hochstuhl und ein kleines Bett im Imbiss nahe des Marienplatzes. Sporadisch beansprucht Dilan auch die Hilfe ihrer Familie, wenn es um die Betreuung der Kinder geht. Ob sie einen Tipp für gründende Mamas hat? "Selbständige - und erst recht Mütter - müssen sich im Klaren sein, dass man wirklich sehr viel opfern und sich reinhängen muss", so Dilan, die sich für eine realistische und vorrausschauende Planung ausspricht.

Trotz der großen Herausforderungen, rät Dilan Müttern zur Selbstständigkeit: "Gerade zu Beginn einer Gründung hat man diverse zeitintensive Termine, erkundigt sich viel und holt auch Rat und Meinung anderer ein. Wer die Elternzeit nicht unbedingt nur „chillend" verbringen möchte, hat genau jetzt die Zeit und kann sich so auch den Traum vom eigenen kleinen Start-up verwirklichen."

Ordnungscoach Melanie Reichold

Man muss den alten Job nicht komplett hinter sich lassen, wie Melanie Reichhold beweist. Die 36-Jährige hat sich in ihrer Elternzeit nebenberuflich selbstständig gemacht, arbeitet in Teilzeit noch im HR-Bereich und sorgt zusätzlich als Ordnungscoach für Disziplin in Schubladen, Schränken und ganzen Wohnungen. Doch wie kam Melanie zu dem ungewöhnlichen Job? "Ich interessiere mich seit etwa zehn Jahren für Ordnung", erzählt die Stuttgarterin. Ihre bekannteste Kollegin ist wohl Marie Kondo. Die zierliche Japanerin sorgte vor Jahren mit ihrer Aufräummethode für einen regelrechten Entrümpel-Hype. Kondo war Melanie aber zu dürftig, wie sie lachend erzählt. Die Stuttgarterin will mehr, nämlich Style, Routine und Ordnung zusammenbringen.

Die Elternzeit war wie gemacht dafür, sagt Melanie. Ihre Ausbildung zum Ordnungscoach dauerte rund acht Wochen. "Das ging alles digital mit Live-Sessions und Streams", erzählt Melanie. Anschließend gab es eine Prüfung mit etwa 80 Fragen und ein Wahlprojekt. Mit dem Baby ging es am Anfang ganz gut beim Onlinelernen. Später, als ihre Tochter ein Jahr alt wurde, hat sie eine ganz andere Aufmerksamkeit eingefordert, so Melanie. Für sie war es rückblickend eine große Herausforderung, denn so gut man sein Zeitmanagement auch plant, Kinder halten sich eben nicht an Shedules und Terminabsprachen. "Mein Alltag lief oft so ab: Das Kind ist im Bett und für Mama beginnt neben der ganzen Haus- und Carearbeit die Arbeit an ihrer eigenen Karriere", sagt Melanie lachend.

Mit ihrem Coaching-Programm richtet sich Melanie vornehmlich an Frauen. "Ich wünschte, es wäre anders", sagt die Stuttgarterin, aber Frauen seien nun mal häufig die Hauptverantwortlichen für Ordnung im Haushalt. Was nicht heißt, dass es nicht auch Männer gibt, die Melanies Dienste in Anspruch nehmen: Im Dezember organisiert sie eine komplette Wohnung eines Mannes neu. Vom Kellerabteil bis zu den hinterletzten Schränken: Zuerst misst die Stuttgarterin alle Räume und Schubladen aus, dann wird ein Plan erstellt und mit dem Kunden abgesprochen. Anschließend ordert Melanie ihre Ordnungshelfer - also Körbe, Kästen, Boxen und jedwede Art von Aufbewahrungsmittel. Für die gesamte Wohnung plant sie mit vier Tagen Arbeit, inklusive einer Helferin.

„Mama, wo ist…?“

Auch auf Instagram gibt die Stuttgarterin Tipps, zeigt Hacks und Routinen für (werdende) Mamas. Wenn ein Kind auf dem Weg ist, muss der Haushalt gut organisiert sein, sagt Melanie. Damit meint sie nicht diese eine Kruschtschublade, die wohl jeder zuhause hat, sondern eine grundsätzliche Ordnung. Wo finde ich die Feuchttücher, wo liegen die Wickelbodys und wer hat das Thermometer gesehen? Auch später, wenn dem Kind Sätze wie „Mama, wo ist…?“ über die Lippen kommen, ist Ordnung laut der Aufräumexpertin essentiell. Neben der richtigen Falttechnik für Windeln und wiederkehrenden Routinen, sind es vor allem Tipps für langfristige Ordnung im gesamten Haushalt und auch im Leben.

Melanies Tipps für gründende Mamas und Papas haben - Überraschung - auch etwas mit Ordnung und Vorbereitung zu tun. "Man sollte sehr gut vorbereitet sein und sich vorab informieren. Aber vor allem sollte man sich fragen, was man will", so die Stuttgarterin. Von der Gewerbeanmeldung, Steuernummer bis zum Konto - wichtig ist laut Melanie auch die Reihenfolge der verschiedenen Schritte in die Selbstständigkeit. "Ohne Konto keine Steuernummer", lacht sie. Außerdem kann man sich gut auf verschiedenen Plattformen im Internet informieren.

Hier geht es zu Melanies Homepage >>>

Desiree Behrens vom Mamahaus STG

Praktisch durch Zufall ist Desiree Behrens während ihrer Elternzeit zu ihrem eigenen unternehmerischen Vorhaben gekommen. Die 35-Jährige hat ein zweijähriges Kind und verleiht mit ihrem Mamahaus STG hochwertige Kinder- Spielelemente aus dem Montessori-und Piker-Bereich-Bereich. Seitdem sie ein Kind hat, blickt anders auf Konsum. "Kaufwahn hat mich schon immer genervt und ich versuche nachhaltig und bewusst zu konsumieren. Gerade mit Kind ist das aber gar nicht mehr so leicht", so Desiree. Zum einen wird man ständig mit Geschenken überhäuft, zum anderen bekommt man ständig Tipps für Spielzeug, erzählt die Stuttgarterin.

Aber brauchet man das wirklich alles? "Vor allem in den ersten Lebensjahren entwickeln sich Kinder rasend schnell und benötigen manche Elemente nur für einen relativ kurzen Zeitraum - oder finden sie gar nicht oder nur eine begrenzte Zeit spannend", sagt Desiree. Zeigt das Kind kein Interesse mehr, steht das Spielzeug als Staubfänger rum und nimmt Platz weg. Besonders bei großen Bewegungselementen kann das schnell zum Platzproblem werden. "Ich habe gegoogelt, ob man die Bewegungselemente auch unkompliziert leihen kann. Lokal im Großraum Stuttgart gab es nichts und ein Kletterdreieck quer durch Deutschland zu versenden, erschien mir auch nicht wirklich sinnvoll", erzählt Desiree von ihrer Recherche.

"Förderung der kindlichen Motorik sollte nicht vom Einkommen der Eltern abhängen"

Als sich nichts auftat, beschloss die Stuttgarterin kurzerhand, sich selbst der Sache anzunehmen und ein Start-up zu gründen. So will Desiree auch Familien im Großraum Stuttgart Zugang zu hochwertigen Spiel- bzw. Bewegungselementen ermöglichen, die sich die Produkte sonst nicht leisten können. "Entwicklung und Förderung der kindlichen Motorik sollte nicht vom Einkommen der Eltern abhängen", sagt die Stuttgarterin. Am häufigsten werden bei Desiree klassische Bewegungselemente, welche viele Kinder in den Spielräumen, Krabbelgruppen oder montessorigeprägten Kitas kennen, ausgeliehen: Kletterdreiecke, Kletterbögen, Klettertunnel und Stapelsteine. Darauf wird sich die Stuttgarterin zukünftig fokussieren.

Spricht man Desiree auf die größten Hürden und Herausforderungen des Gründens an, nennt sie gleich dreimal Zeitmangel. "Einmal ist das Kind krank, dann ist die Kita geschlossen, einmal steht der langersehnte Familienurlaub an und man möchte die Familienzeit ohne Arbeit nutzen. Und all die tollen und innovativen Ideen, die man so hat, müssen auf die Umsetzung warten", sagt Desiree. Zum Glück war sie immer gut organisiert und strukturiert, so dass sie neben ihrem Job als People und Culture Managerin und Mama auch unternehmerisch tätig werden konnte. "Ich versuche nun jedes Schläfchen vom Kind zu nutzen, um zu arbeiten - meist am sehr frühen Morgen und späten Abend sowie am Wochenende", so die Stuttgarterin. Wichtig ist für sie, dass sie für ihr Kind präsent ist und nicht nebenbei am Telefon hängt oder über neue Geschäftsmodelle nachdenkt. Morgens ist ihr Kind in der Kita und einmal die Woche kommen die Großeltern den ganzen Tag zum Babysitten.

Auch Desiree hat Tipps für gründende Mamas: "An erster Stelle sollte man hinterfragen, warum man gründen möchte und ob die (Teil)selbständigkeit eine Bereicherung oder doch auch eine Belastung ist." Wenn diese Fragen geklärt sind, rät sie Müttern einfach loszulegen. "Lieber erst einmal im Kleinen starten und wenn das dann läuft, den nächsten Step überlegen. Ich glaube, die Herausforderung von vielen ist, dass sie zu perfektionistisch an ihre Idee herangehen und meinen, alles vom Konzept über die Kundenpersona bis hin zur Visitenkarte erst einmal durchplanen zu müssen unter der Annahme, dass es auf jeden Fall zahlende Kunden geben wird", so die Stuttgarterin.

Für die 35-Jährige war und ist es kein Ziel, sich beruflich neu aufzustellen, sondern sie sieht ihr Start-up als Ergänzung zu ihrem eigentlichen Job. "Ich würde mich auch eher als Social Start-up sehen, denn mein Ziel ist es zum einen auch im Spielzeugkontext noch mehr Nachhaltigkeit aufzuzeigen und zum anderen, Familien fern ihres Einkommens, Bewegungselemente für ihre Kinder zur Verfügung zu stellen und damit die motorische Entwicklung der Kinder im städtischen, oft beengten Raum zu fördern", so die Stuttgarterin. Die Elternzeit kann laut Desiree aber durchaus als Wendepunkt betrachtet werden, denn man muss erst einmal in die neue Rolle als kleine Familie, als Mutter, als vorerst Teilzeitkraft mit anderen Aufgaben reinwachsen und würde dann auch die Sinnhaftigkeit der beruflichen Ausrichtung hinterfragen.

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