Zum Beispiel Noah Kwaku. Der Musiker veröffentlicht am 26. Januar sein erstes musikalisches Werk. Kwaku studiert an der hiesigen Musikhochschule, hatte sich aber auch in Dresden, Hamburg und Köln beworben. „Eigentlich wollte ich weg. Dann wurde mir aber klar, dass ich in keiner anderen Stadt bessere Chancen habe, mich zu verwirklichen. Ohne die Hilfe meiner Freunde hätte ich meine EP so nicht hinbekommen“, erklärt er.
Alles selber machen ohne großes Label lautet die Devise
Die Demokratisierung der Produktionstechnik und Vertriebswege haben den Entstehungs- und Distributionsprozess von Popmusik radikal verändert. Studios sind auf einmal bezahlbar und mit Hilfe von Facebook oder Instagram spricht man den Fan direkt an. Alles selber machen, ohne sich den Wünschen eines großen Labels unterordnen zu müssen, ist für viele Musiker daher heute mehr Chance als Fluch. Der Rapper Trettmann hat im vergangenen Jahr auf diese Art das vielleicht beste Hip-Hop-Album des Jahres vorgelegt – ganz ohne große Plattenfirma oder externes Produktionsteam im Rücken. Der bezeichnende Titel seines Albums: „DIY“, Abkürzung für „do it yourself“, mach es selbst.
Noah Kwaku ist musikalisch zwar nicht wie der ostdeutsche Künstler Trettmann im Hip-Hop zu verorten, sondern in Soul, Jazz und Pop. Die Herangehensweise ist aber ähnlich wie bei Rapper Trettmann, der im März im Wizemann in Stuttgart gastiert. „Mein Mitbewohner hat mich bei der Entstehung der Musik unterstützt, meine Schwester kümmert sich um die Tourdaten“, sagt Noah Kwaku.
Noah Kwaku singt lieber auf Englisch als auf Deutsch
Aufgewachsen ist Kwaku, der am liebsten auf Englisch singt („Deutsch klingt mir zu sperrig“) in Sillenbuch, einem Ort, der als Startpunkt für große Musikerkarrieren bisher eher unverdächtig war. Aber frei nach Frank Sinatra gesprochen: „Wer es in Sillenbuch schafft, schafft es überall sonst“, verfolgt Kwaku den Wunsch, von der Musik leben zu können, seit sechs Jahren.
2012 hat er sein Abitur an der Waldorfschule Uhlandshöhe abgelegt. An der Quelle der reinen Rudolf-Steiner-Lehre hat Kwaku ein im Pop-Kontext herrlich uncooles Instrument gelernt: das Cello. „Ich habe mit sieben angefangen zu spielen. An der Waldorfschule musste jeder ein Instrument spielen. Ohne diesen Input würde ich heute wahrscheinlich keine Musik machen“, erklärt der 24-Jährige.
Vom Cello zur Gitarre, der Mädchen wegen
In der Hommage des großen Poeten Udo Lindenberg an das Cello wird es schrecklich erotisch („Du spieltest Cello / In jedem Saal in unsrer Gegend / Ich saß immer in der ersten Reihe / Und ich fand dich so erregend“). Bei Noah Kwaku spielen ebenfalls große Gefühle eine Rolle, allerdings gegen das Cello: „In der Pubertät habe ich damit aufgehört, weil ich es nicht mehr cool genug fand. Stattdessen habe ich Gitarre gelernt, weil das die Mädchen besser finden.“ Bald gründete Kwaku seine erste Band, spielte bei Geburtstagen, coverte die Beatles, ehe der Wunsch, als Musiker zu arbeiten, immer konkreter wurde.
Seit einiger Zeit nun ist rund um Kwaku jenes seltene Phänomen zu spüren, das immer dann auftritt, wenn ein Künstler als das nächste große Ding gilt. Ein Raunen und Rauschen ist zu hören, als würden alle in Stuttgart im Stau stehenden Autos gleichzeitig den Motor anmachen: 2015 bei der Expo in Mailand spielte Kwaku im deutschen Pavillon 600 Shows in zwei Monaten. Für das Stück des Citizen-Kane-Kollektivs über den Friedenskämpfer Abie Nathan steuerte er 2016 die Musik bei.
Bester Nebejob aller Zeiten: Schiffschaukelbremser
Die erste eigene EP hat er nun mit Band eingespielt. „Das klingt einfach authentischer, als wenn du alles am Computer machst“, so Kwaku. Inhaltlich geht es in seinen Liedern um die Liebe, um Frauengeschichten. Seine Veröffentlichung heißt wie die erste Single „Too late“, „weil sich meine Freunde beschweren, dass ich immer zu spät komme“. Stimmt ja gar nicht: zum Interview erscheint Kwaku zu früh.
Zum Schluss noch fürs Protokoll die eigentlich überflüssige Frage nach seinen Wurzeln. Noah Kwaku ist ein waschechter Stuttgarter, sein Vater stammt aus Ghana. Und wenn alle Stricke reißen, wenn es doch nichts wird mit der Musik? Dann könnte Noah Kwaku in ein interessantes Feld zurückkehren, in dem heutzutage nur noch wenige über eine Expertise verfügen: Während der Schulzeit hat er in Eliszis bezauberndem Jahrmarktstheater auf dem Killesberg als Schiffschaukelbremser gearbeitet. Wobei diese Option nicht nötig sein wird: Bei immer lauter werdenden Raunen muss man sich um die Karriere als Berufsmusiker wohl keine Sorgen machen.
Service zum Schluss: Releaseparty in der Rakete
Feierlichkeiten:
Noah Kwakus EP wird am 26.1. ab 21 Uhr in einer Releaseparty in der Rakete gefeiert, der Bar im Theater Rampe an der Filderstraße 47 . Das überzeugende Motto der Feier laut Kwaku: „Tracks, Tanzen, Trinken.“ Die EP gibt es bei der Party in der Rakete zu kaufen und ab 1.2. via Streaming zu hören.
Rakete:
Was viele nicht wissen: ein Weg ins Theater Rampe lohnt immer, auch wenn man kein Theater mag. Die Rakete hat sich in der jüngeren Vergangenheit zu einem Veranstaltungsort mit hoher Geschmackssicherheit entwickelt. Egal ob Vortragsreihe oder DJ-Set: die Rakete ist Anlaufstelle für Großstadtkinder.
Produktion:
Noah Kwakus EP „Too late“ ist eine Stuttgarter Gemeinschaftsarbeit: Für den finalen Sound zeichnet das Produzententeam Tonfall um Christian Maile verantwortlich. Mailes Studio befindet sich im Stuttgarter Westen. Bei Tonfall entsteht nicht nur Pop, sondern auch Filmmusik, Trailer und mehr.