Stuttgarter Norden Mehr Wohnadresse oder Bürostandort?

  Foto: Achim Zweygarth
  Foto: Achim Zweygarth

Investoren werfen die alte Streitfrage neu auf. Baubeginn für den Bülow-Turm auf der Prag im Stuttgarter Norden soll im Herbst sein.

Stuttgart - Eigentlich müssten die vier Hochhäuser auf der Prag dem Stuttgarter Norden längst die neue Stadtkrone aufgesetzt haben, doch die von Stadt und Gemeinderat einst so hochgelobte City Prag will einfach nicht wachsen. Der anhaltende Trend in die Innenstadt hat die Prag in den Schatten gestellt, wie auch die neuesten Umzugspläne der Anwaltskanzlei Gleiss Lutz von der Prag ins neue Bülow-Carré in der Lautenschlagerstraße deutlich manchen. Und komplizierte Grundstücksverhältnisse, anspruchsvolle Vorgaben der Stadt sowie hohe Preise haben Investoren immer wieder abspenstig gemacht. „Wir hätten schon gerne, dass es weitergeht“, sagt der Baubürgermeister Matthias Hahn, „aber wir lassen da keinen architektonischen Billigheimer und keinen großflächigen Einzelhandel hin.“

Acht Jahre sind seit der politischen Zielvorgabe vergangen, ohne dass nach dem geplatzten Trumptower-Traum viel passiert wäre. Nach wie vor ist der Pragsattel lediglich Adresse von Mercedes-Benz-Bank und Theaterhaus, ergänzt durch ein Pflegeheim nebst Möbelhaus an der Maybachstraße. Um die Pioniere herum aber gähnt hässliche Brache, die als Parkplatz kaschiert ist. Noch. Denn 2012 könnte für die City Prag zum Wendejahr werden.

Mehrere Investoren haben im Rathaus angeklopft, an der Maybachstraße hat jüngst der Abriss von Weidleplan zu Gunsten neuer Wohnungen und Stadthäuser unter Regie der Düsseldorfer PDI begonnen, und Lokalmatador Horst Bülow schickt sich an, seinen als Wahrzeichen erwarteten Wohnturm an der Stresemann-straße nach längerem Abwarten nun doch mit 23 Geschossen und 80 Eigentumswohnungen 70 Meter hoch emporwachsen zu lassen. „Wir werden in drei bis vier Monaten das Baugesuch einreichen und würden dann gerne zum Herbst mit dem Bau beginnen“, sagt Horst Bülow. Was ihn plötzlich aktiv werden lässt, ist die absehbare Vorvermietung des Gewerbeteils neben dem Skyline-Turm. „Ich rechne in den nächsten vier Wochen mit dem Abschluss einer Vermietung von 10 000 Quadratmetern“, so Bülow. Eine Stuttgarter Firma will ihre Verwaltung auf die Prag verlagern.

Erster Planungsentwurf blitzt ab

Auch in Sachen Hochhaus Nummer 2 an der Siemensstraße tut sich was. Hier würde gerne die RVI, eine Gesellschaft der Sparda-Bank Südwest und saarländischer Volksbanken, ihr zweites großes Projekt in Stuttgart bauen. Mit einem ersten Planungsentwurf allerdings sind sie im Baureferat fürs Erste abgeblitzt – architektonisch und inhaltlich. Denn unverhofft haben die Saarländer, die für ihren Wohnkomplex auf dem alten Südmilch-Areal vor einigen Jahren viel Lob von der Stadt einheimsen durften, ein altes Streitthema neu belebt. Soll die City Prag mehr neuer Gewerbestandort oder eher stadtnahe Wohnadresse sein? Das ausgewiesene Kerngebiet lässt beides zu, mit den Jahren haben sich die Gewichte aber von der Bürostadt hin zu 70 Prozent Gewerbe und 30 Prozent Wohnen für das Gesamtgebiet verschoben. Oder darf es auch noch mehr Wohnen sein?

Darum geht es, denn nach Auskunft von Wolfgang Ulrich von der RVI würde man zwischen Theaterhaus und Pflegeheim am liebsten nur Wohnungen bauen, und zwar an die 300. Das Baureferat aber hat für dieses städtische Grundstück, das man gerne an die RVI verkaufen würde, maximal 40 Prozent Wohnen vorgesehen. „Wir sind erst am Anfang der Gespräche, und wir sind flexibel“, gibt sich Ulrich zuversichtlich. Zunächst will man architektonisch nachbessern. Derweil zeichnet sich eine neue politische Prag-Debatte ab. Denn die Wirtschaftsförderin Ines Aufrecht unterstützt die RVI und könnte sich mehr Wohnungen auf der Prag vorstellen. „Man muss neu überdenken, ob Quoten für einzelne Baublöcke richtig sind“, sagt sie. Auch im Gemeinderat gehen die Ansichten auseinander. Die CDU tendiert zu mehr Gewerbe, die Grünen sind offen für mehr Wohnen.

Möglicherweise findet sich auch eine gemeinsame Lösung in Verbindung mit Hochhaus Nummer 3. Dafür interessiert sich unter andrem die GIEAG aus München, die vorrangig in Gewerbebau investieren möchte. Sie hat das Akad-Haus erworben und mit dem Neubau für Akad an der Heilbronner Straße begonnen. Und sie bemüht sich um die Sabet-Immobilien daneben, an denen sich seit der Insolvenz 2004 schon einige die Zähne ausgebissen haben. „Die beiden Gläubigerbanken sind sich beim Preis nicht einig, und vorher kann kein Verkauf stattfinden“, bedauert Insolvenzverwalter Steffen Beck.

Bleibt Hochhaus Nummer 4 an der Ecke Heilbronner/Siemensstraße. Das Areal gehört Porsche, dient Audi als Parkplatz und lässt wenig Spielraum für Spekulationen. „Für uns hat der Ausbau der Standorte Zuffenhausen und Weissach zurzeit Priorität, es gibt deshalb keinen neuen Entscheidungsstand“, so ein Porsche-Sprecher.




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