Eine Jury hat sechs Tage lang die schönsten Gärten in Stuttgart besichtigt und bewertet.
Stuttgarter Norden - Eberhard Schnaufer hat die erste Augustwoche fast ausschließlich im Grünen verbracht. In unterschiedlichen Gärten in ganz Stuttgart, bei Temperaturen, die selten unter 25 Grad lagen. Was sich zunächst anhört wie ein entspanntes Freizeitprogramm, ist in Schnaufers Fall ein schweißtreibender Job: Sechs Tage lang ist der beim Gartenamt angestellte Landschafts- und Gartenarchitekt mit zwei Begleitern auf Achse, um im Rahmen des Blumenschmuck-Wettbewerbes „Natürlich Stuttgart“ die schönsten Gärten und Balkone in der Landeshauptstadt ausfindig zu machen.
Insgesamt 430 Haushalte haben sich in diesem Jahr beim Blumenschmuck-Wettbewerb angemeldet, etwa 60 begutachtet die Jury an einem Tag. Am vergangenen Montag standen abschließend die Stadtteile Feuerbach, Weilimdorf, Zuffenhausen und Stammheim auf Schnaufers Liste. Gerade Feuerbach sei aus Gärtnersicht immer eine Reise wert, sagt Schnaufer, der das Jurorenamt inzwischen seit 20 Jahren innehat und ansonsten für den Höhenpark Killesberg zuständig ist. Auch in diesem Jahr haben sich dort wieder deutlich mehr Hobbygärtner für den vom Garten-, Friedhofs- und Forstamt organisierten Wettbewerb angemeldet als in anderen Stadtbezirken.
Der dritte Besichtigungstermin führt Eberhard Schnaufer und sein Gefolge am frühen Morgen zur Feuerbacher Merzenstraße. Er muss nicht klingeln, eine freundliche Dame empfängt die drei Gutachter bereits im Garten. Jurymitglied Herbert Heinermann, aktiv im Gärtnereiverband der Kreisgruppe Stuttgart, hält einen Moment lang inne und lässt seinen geübten Blick über das Grün schweifen. Die Anlage gleicht mit ihren bunten Chrysanthemen und Kakteen, mit Kirsch-und Zitronenbaum, Aloe und Beerensträuchern einer regelrechten Gärtneroase. Herbert Heinermann ist begeistert: „Wirklich schön, da hat jemand Spaß und Freude am Gärtnern!“
Erster Blumenschmuck-Wettbewerb im Jahr 1905
Erwin Benk, der als Vorsitzender des Obst- und Gartenbauvereins Stuttgart-Rohracker das Juryteam komplettiert, pflichtet ihm bei: Die Pflege dieses Ziergartens mit seinen vielen verschiedenen Pflanzen sei gar nicht hoch genug zu bewerten, denn: „Die Witterungsbedingungen haben den Gärtnern in diesem Jahr das Leben wirklich schwer gemacht.“ Der nasskalte April habe zur Folge gehabt, dass sich Pilze in den Blüten festsetzten, was zu einer geringeren Blütenpracht und Fruchtauslese führe. Auch der Kirschbaum in diesem Garten ist hiervon nicht verschont geblieben, was den Gesamteindruck allerdings kaum schmälert.
Zurück in ihrem weißen Kastenwagen beraten sich die drei kurz, ehe sie einstimmig das Urteil verkünden: „Der letzte Garten wird mit einem Sonderpreis prämiert, die Blumen sind schön kombiniert, und es steckt eine Menge Arbeit darin.“ Die zuvor an diesem Morgen begutachten Gärten erhalten einen Ersten und einen Zweiten Preis. Diese bestehen wahlweise aus Zimmerpflanzen, drei Flaschen Wein, Gartenwerkzeug oder Büchern.
Der Blumenschmuck-Wettbewerb hat in Stuttgart Tradition. Er wurde das erste Mal 1905 veranstaltet, seit den 1980er Jahren ist das Garten-, Friedhofs- und Forstamt dafür verantwortlich. Ziel ist es laut Schnaufer, die Stadt „durch privat gestaltetes Grün lebenswerter zu machen“ – und dahin gehende Bemühungen der Stuttgarter Bürger zu honorieren. „Von einem schönen Garten oder einem blühenden Balkon hat doch die ganze Nachbarschaft etwas“, sagt Schnaufer. Dementsprechend lautet ein Hauptkriterium der Jury: Wie öffentlichkeitswirksam ist das selbstgestaltete Grün?
Mehr als drei Stunden sind die Blumenjäger in Feuerbach unterwegs, ein Termin dauert in der Regel nur zwei, drei Minuten Dann springen sie hurtig wieder in den weißen Transporter und lassen sich zum nächsten Garten kutschieren. Oft müssen sie nicht einmal aussteigen, um ihr Urteil zu fällen: „Sehen Sie, diese Balkonpracht!“, ruft Schnaufer vom Beifahrersitz aus begeistert, zeigt auf einen Balkon in der Mühlstraße, um sodann etwas in seinen Block zu kritzeln. Um die Ecke wartet bereits der nächste Garten. Bis zum Abend werden Schnaufer und seine Kollegen in ihrem Jurymobil noch durch den Stuttgarter Norden touren. Dann haben sie es für dieses Jahr geschafft.