OB-Kandidat Martin Körner im Porträt Der Rosenkavalier will es besser machen
Martin Körner, SPD-Fraktionschef im Stuttgarter Gemeinderat, gehört zu den wichtigen Entscheidern im Rathaus – und zu den schärfsten Kritikern von OB Fritz Kuhn.
Martin Körner, SPD-Fraktionschef im Stuttgarter Gemeinderat, gehört zu den wichtigen Entscheidern im Rathaus – und zu den schärfsten Kritikern von OB Fritz Kuhn.
Stuttgart - So schnell kann es in Corona-Zeiten gehen: Am Sonntag hat der von der Stuttgarter SPD unterstützte Oberbürgermeisterkandidat Martin Körner noch auf Facebook davor gewarnt, die Corona-Krise auf die leichte Schulter zu nehmen. Und schon am folgenden Tag erwachte der 50-jährige Fraktionschef im Stuttgarter Gemeinderat mit lästigem Kratzen im Hals und musste sich prompt zwei Tage aus dem Rennen um den OB-Sessel verabschieden. Und das in der heißen Phase des Wahlkampfs. Aber die Mitbewerber anzustecken und mit in eine Quarantäne zu ziehen, das wollte Körner nicht riskieren. Deshalb warteten sie am Montag bei der Mittelstandsvereinigung auch vergeblich auf den Diskutanten mit dem roten Schal. Den SPD-Gesundheitsexperten Karl Lauterbach brauchte er nicht zu versetzen – mit ihm diskutierte er abends via Internet.
Am Dienstagabend erreichte ihn dann die positive Nachricht: Test negativ. Nun geht es mit erhöhter Schlagzahl weiter, denn in Zeiten abgesagter Großveranstaltungen und nach der jüngsten Zuspitzung an der Corona-Front wird der öffentliche Schlagabtausch auf Podien von Verbänden und Organisationen storniert. Jetzt zählt – Wahlkampf auf Facebook, Twitter und Instagram hin oder her – jeder Tag auf der Straße und an den Klingelbrettern. „Ab sofort aber nur noch mit Maske“, betonte Körner am Mittwoch, bevor er in Uhlbach die Klinken putzte.
Bis zu seinem persönlichen Kurz-Lockdown ist der aus Schwäbisch Hall stammende Kandidat viel herumgekommen in der Stadt, die er seit 21 Jahren als seine Heimat betrachtet. Schon früh am Morgen verteilt er von Asemwald bis Zazenhausen auf Wochenmärkten und in Fußgängerzonen Körner-Riegel – und wie immer auch Blumen. Man kennt Körner aus früheren Wahlkämpfen für sich und andere als Rosenkavalier. Die Übergabe verbindet er mit der Bitte, am 8. November wählen zu gehen. Darauf folgt der Hinweis, das Kreuzchen am besten bei ihm zu machen. Beim Direktkontakt kennt Körner keine Berührungsängste, Absagen steckt er lächelnd weg. Fragen zur Stadtpolitik, die er nicht konkret beantworten kann, gibt es nach je sechs Jahren als Bezirksvorsteher in Stuttgart-Ost und als Fraktionschef im Gemeinderat ohnehin nicht.
Seine Vorstellung beendet Körner meist mit dem Hinweis: „Ich bin Sozialdemokrat.“ Dass ihm die Parteizugehörigkeit von allzu großem Nutzen sein wird, ist unwahrscheinlich. Bundes- und Landestrends sprechen dagegen. Der Parteifreund Marian Schreier, der als unabhängiger Kandidat antritt, fährt offensichtlich ganz gut mit seiner Kampagne ohne Unterstützung der Kreispartei. Diese hat in Stuttgart bekanntlich einen schweren Stand. Und Körner wird spätestens seit 2014, als er als Gemeinderatsneuling gleich zum Fraktionsvorsitzenden avancierte, im Abwärtsstrudel mitgerissen. Vergangenes Jahr fiel die SPD auf ein neues historisches Tief von 11,6 Prozent. Die Fraktion besteht seitdem nur noch aus sieben Stadträten, im Rathaus wird Körner, der 90 Prozent seiner Arbeitszeit auf die Kommunalpolitik verwendet und nebenbei die SPD-Fraktion im Landtag berät, eher als Einzelkämpfer wahrgenommen.
Er schafft es aber immer wieder, mit seiner kleinen Truppe Zünglein an der Waage zu sein, bei den letzten Haushaltsberatungen schmiedete er eine Allianz mit der FDP und der bunten Puls-Gruppe, um dann mit Grünen und Linksbündnis eine satte Ratsmehrheit zu bilden. Zur Wahrheit gehört aber auch, dass er vier Jahre zuvor reichlich politisches Lehrgeld gezahlt hat. Bereits sicher, einen grün-roten Haushalt vereinbart zu haben, erfuhr er aus der Zeitung, dass der vermeintliche Partner mit der CDU eine bessere Alternative gefunden hatte.
Körner kann aber auch mit der Union, weshalb die Strategie der Konzentration auf den eigenen Vorteil gerne als Wankelmütigkeit ausgelegt wird. Konstanz zeigt der Fraktionschef allerdings als Stachel im Fleisch von Amtsinhaber Fritz Kuhn. Im Ausschuss zur Akteneinsicht im Klinikumskandal ging er voll aus sich heraus. Seine Attacken als „Richter Gnadenlos“ gegen den OB waren erstaunlich, die gegen den Ex-Krankenhausbürgermeister Werner Wölfle erhobenen Vorwürfe mitentscheidend für dessen Abgang.
Aber auch wenn Körner den Amtsinhaber nicht direkt attackiert, sein Wahlprogramm liest sich wie eine einzige Anklageschrift mit dem Hauptvorwurf, Stuttgart habe acht Jahre verloren. Für den Genossen, der in Gablenberg mit viel Glück eine Mietwohnung für sich, die als Lektorin tätige Ehefrau Bettina und die zehnjährige Adoptivtochter ergattert hat, springt die Stadt beim bezahlbaren Wohnungsbau zu kurz. „Das gefährdet aber den Zusammenhalt in dieser Stadt“, klagt Körner, der sich auch für soziale Belange engagiert. Mittlerweile scheut er sich nicht mehr, auch das Bauen auf grünen Wiesen am Stadtrand zu fordern. Denn wie schwer es ist, im Innenbereich günstig zu bauen, hat er beim Vor-Ort-Termin im Neckarpark erfahren. Dort schaffen drei Baugenossenschaften – für unfassbare 6000 Euro pro Quadratmeter – Wohnraum für ihre Mitglieder und sozial geförderte Einheiten. Ein Wahnsinn, der auch in den explodierenden Grundstückspreisen begründet liegt. Mit Körner als OB würde die Stadt deshalb mehr Grundstücke kaufen und verstärkt auf Erbbaurechte setzen.
„Die Energiewende ist eine Wärmewende“, lautet ein weiteres Mantra, auf das Heizen geht immerhin die Hälfte des städtischen Energieverbrauchs zurück. Überhaupt nervt es ihn ungemein, dass Kuhn sich nach Jahren noch immer mit der EnBW über die Versorgungsnetze streitet und konstruktive Lösungen blockiert sind. Dezentrale Energieversorgung ist ihm wichtig, überhaupt sollen die Bürger vieles vor Ort erledigen: Arbeit, Einkaufen, Freizeit – kurzum: er propagiert die Fünf-Minuten-Stadt, in der sich das meiste zu Fuß oder mit dem Rad erledigen lässt und sich die Dauerstaus in Luft auflösen. In seinem Sechs-Punkte-Programm ist davon die Rede, bis 2030 eine Milliarde Euro für erneuerbare Energien auszugeben. „Wir brauchen infolge des Lockdowns Vollgas bei den städtischen Investitionen.“ Weitere Milliarden sollen in den Ausbau des Nahverkehrs fließen – dazu gehören auch Parkhäuser am Stadtrand. Er will in Schulen investieren, ins Klinikum, in Kitas und Spielplätze. So ehrgeizig ist das Programm des Alltagsradlers aber nicht – über den Daumen gepeilt würde Körner die übliche Investitionssumme gerade einmal verdoppeln. Gut, dass er auch das städtische Personal aufstocken will: Wegen des Fachkräftemangels liegen schon heute finanzierte Projekte von 700 Millionen Euro auf Halde.
Körner hat Volkswirtschaft in Heidelberg studiert, mittlerweile weist er 25 Jahre Berufserfahrung in Wirtschaft, Wissenschaft sowie Kommunal- und Landespolitik vor, unter anderem als Fraktionsgeschäftsführer im Landtag, als Referent für Finanzpolitik am Institut für Angewandte Wirtschaftsforschung und als Unternehmenskundenberater bei der Landesbank Baden-Württemberg. Im Rathaus macht er folgerichtig in Finanzangelegenheiten eine gute Figur. Deshalb findet man kaum einen, der ihm das Amt aus fachlicher Sicht nicht zutraut. Auch den Wahlsieg – wenn nicht jetzt, wann dann? Die Konkurrenz von Grünen und CDU ist nicht übermächtig. Wenn da nur nicht der „Stimmendieb“ Marian Schreier wäre, dessen Name nach der Auslosung auf dem Stimmzettel jetzt auch noch ganz oben steht – acht Plätze vor Körner.