Stuttgarter Oper in großer Sorge Moskau verhaftet den Starregisseur Kirill Serebrennikov

Von und Stefan Scholl 

Es ist der Höhepunkt einer besorgniserregenden Entwicklung: Moskau hat den Film- und Theaterregisseur Kirill Serebrennikov festgenommen. Im September sollte er zu den Endproben für die Märchenoper „Hänsel und Gretel“ nach Stuttgart kommen. Ob die Produktion stattfindet, ist mehr als fraglich.

Der Regisseur vor der Oper am Eckensee: Im März war Kirill Serebrennikov zu den Vorbereitungen von „Hänsel und Gretel“ in Stuttgart. Foto: dpa
Der Regisseur vor der Oper am Eckensee: Im März war Kirill Serebrennikov zu den Vorbereitungen von „Hänsel und Gretel“ in Stuttgart. Foto: dpa

Stuttgart - Zwei Monate vor seiner geplanten Opernpremiere in Stuttgart ist der regierungskritische russische Film- und Theaterregisseur Kirill Serebrennikov in St. Petersburg festgenommen und zu weiteren Vernehmungen nach Moskau gebracht worden. Gegen den 47-jährigen Künstler werde wegen Betrugsverdachts ermittelt, teilte das staatliche Ermittlungskomitee am Dienstag mit. Der international bekannte Regisseur sollte in Stuttgart am 22. Oktober als erste Neuproduktion der kommenden Spielzeit die Märchenoper „Hänsel und Gretel“ herausbringen.

Serebrennikovs Festnahme ist der vorläufige Höhepunkt einer sich seit Wochen abzeichnenden Entwicklung. Der Leiter des Moskauer Gogol-Theaters war in dem Untreueverfahren, das sich gegen seine Produktionsfirma 7. Studio richtet, zunächst als Zeuge vernommen worden. Nachdem ihn vor zwei Wochen eine bereits inhaftierte Ex-Buchhalterin belastet hat, wurde er vom Zeugen zum Angeklagten, dessen Pass von den russischen Behörden eingezogen wurde. Im Mai hatte das Bolschoitheater ein Ballett des Regisseurs über Rudolf Nurejew kurz vor der Uraufführung abgesagt. Serebrennikov wollte darin die Homosexualität des russischen Ballettstars thematisieren. Dem selbst offen homosexuellen Serebrennikov wird vorgeworfen, zwischen 2011 und 2014 Gelder in Höhe von 68 Millionen Rubel (knapp eine Million Euro) veruntreut zu haben.

Die Oper appelliert an die russischen Behörden

Das Leitungsteam der Stuttgarter Oper, an der Serebrennikov 2015 mit großem Erfolg „Salome“ von Richard Strauss inszeniert hat, kritisierte das Vorgehen gegen den Künstler als politisch motiviert. „Mit Skepsis und Sorge verfolgen wir die Festnahme Kirill Serebrennikovs. Ihm wird die Hinterziehung öffentlicher Gelder zur Last gelegt. Wie kann man ein und dasselbe Geld veruntreuen und gleichzeitig das künstlerische Programm realisieren, für das dieses Geld bestimmt ist? Dass Serebrennikov mit dem 7. Studio ein künstlerisches Programm auf höchstem Niveau realisiert, ist unzweifelhaft“, hieß es in der am Dienstag verbreiteten Erklärung. Die Justiz behauptet unter anderem, eine bei Serebrennikov bestellte Inszenierung von Shakespeares „Sommernachtstraum“ sei nicht zustande gekommen. Tatsächlich ist die Aufführung mehrfach in Russland und im Ausland gezeigt worden.

Die Stuttgarter Oper teilte weiter mit: „Wir appellieren an die mit seinem Fall befassten Behörden, sich nicht – von welchen Kräften auch immer – instrumentalisieren zu lassen. Zu unserer Beunruhigung trägt bei, dass russische Gerichte in einem nach rechtsstaatlichen Kriterien nur schwer nachvollziehbaren Ausmaß, nämlich in über 99 Prozent der Fälle, den Angeklagten für ,schuldig‘ zu erklären pflegen.“ Auch Baden-Württembergs Wissenschafts- und Kunstministerin Theresa Bauer äußerte sich besorgt: „Serebrennikov ist ein wichtiger Partner der Oper. Er ist ein kritischer Kopf, seine Arbeit erfährt international Anerkennung. Ich hoffe, dass sich der Sachverhalt schnell aufklärt und er wieder freikommt“, sagte die Ministerin. Das Land ist, neben der Stadt Stuttgart, Träger der Staatstheater.

„Hänsel und Gretel“ in Afrika

Ob es zur geplanten Serebrennikov-Premiere kommt, ist nach den jüngsten Ereignissen mehr als fraglich. Trotz der massiven Zweifel an der Rechtsstaatlichkeit des Verfahrens will man an der von Jossi Wieler und Sergio Morabito geleiteten Oper die Hoffnung nicht aufgeben. „Wir hoffen, dass Serebrennikov seine Inszenierung machen kann“, erklärte Thomas Koch, der Sprecher der Oper, gegenüber unserer Zeitung: „Wir hoffen weiter, dass sich die Beschuldigungen gegen ihn als haltlos erweisen – und dass sich die russische Justiz anders verhält, als sie es in 99 Prozent der Fälle tut.“ Über einen Plan B denke man laut Koch nicht nach: „Was uns derzeit beschäftigt, ist das Wohl von Kirill Serebrennikov.“

Die Proben zu „Hänsel und Gretel“ sollten am 18. September beginnen. In den fünf Wochen vor der Premiere Ende Oktober wollte Serebrennikov die Oper szenisch mit den Sängern einrichten. Andere mit der Produktion zusammenhängende Arbeiten sind weitgehend erledigt. „Beim Bühnenbild und bei den Kostümen muss nur noch letzte Hand angelegt werden“, so Koch, „aber eines der Kernstücke der Inszenierung steht: der von ihm gedrehte Film.“

Serebrennikovs Konzept sieht vor, dem Märchenstoff der Brüder Grimm einen Migrationshintergrund zu geben. Bei ihm stammen Hänsel und Gretel aus Afrika und wachen eines Morgens in Deutschland auf, wo sie sich im Unterholz des Märchenwalds verirren. „Es geht um die Träume dieser Kinder, die sich ein besseres Leben wünschen und nach Glück sehnen“, erklärte der Regisseur bei seinem Stuttgarter Arbeitsbesuch im Februar. Diese Geschichte will Se­rebrennikov, der auch fürs große Kino erfolgreich arbeitet, mit filmischen Einschüben in der Opernhandlung erzählen. Im April reiste er deshalb mit einem kleinen Team, zu dem auch der Stuttgarter Produktionsdramaturg gehörte, nach Ruanda, um mit einem Jungen und Mädchen aus Kigali einen Film zu drehen. Danach setzte er mit seinen beiden elf und dreizehnjährigen, vor Ort gecasteten Hauptdarstellern die Dreharbeiten in Deutschland fort. „Der Film ist fertig und bereichert die klassische Humperdinck-Oper um neue, faszinierende Perspektiven“, sagt Thomas Koch.

Moskauer Intellektuelle stehen zu Serebrennikov

Am Dienstag ist Serebrennikov noch in Moskau verhört worden. Am heutigen Mittwoch will ein Untersuchungsrichter entscheiden, ob der Regisseur in Untersuchungshaft, unter Hausarrest oder vorläufig auf freien Fuß kommt. Die Festnahme des Künstlers rief auch in Moskau vor allem Unverständnis hervor. Kaum jemand glaubt dem Vorwurf, er habe mit seiner Firma Steuergelder veruntreut.

„Nicht zu begreifen, warum man so brutal mit ihm verfährt“, sagte der Publizist Nikolai Swanidse, Mitglied des Präsidialrates für Menschenrechte: „Ist er ein Vergewaltiger, ein Serienmörder, gefährlich für die Gesellschaft? Warum muss man ihn festnehmen? Er ist ein gesetzestreuer Bürger, neigt weder zur Flucht noch zur Gewalt.“ Der liberale Fernsehsender TV Doschd titelte „Schauterror“, der Oppositionspolitiker Aleksei Nawalny sprach von einer „Schaufestnahme“, mit der erreicht werden solle, dass sich die übrigen „Meister der Kultur“ keine Frechheiten gegenüber der Staatsmacht herausnehmen: „Sie sollen sich als Vertrauensleute Putins erweisen. Es stehen ja Wahlen vor der Tür.“

Wie man Kirill Serebrennikov aus den Mühlen der Justiz befreien kann, weiß derzeit niemand in Moskau. Viele Intelligenzler vergleichen seinen Fall mit der Verfolgung sowjetischer Künstler während der dreißiger Jahre. „Den Regisseur Meyerhold hat damals nicht der Geheimdienst verhaftet, sondern Stalin“, bloggte der Schriftsteller Boris Akunin. „Den Regisseur Serebrennikov hat nicht das Ermittlungskomitee verhaftet, sondern Putin.“