Zwischen Farbeimern und Werkzeugtisch, Kisten und Plakaten richtet die politische Organisation Migrantifa ihr neues „Aktivismus-Büro“ ein. Der Umzug und die Renovierungen laufen auf Hochtouren. Mit dem Ende der Container City, ihrem vorherigen Standort, zieht die Gruppe nun in die Nähe des Wilhelmsplatzes nach Bad Cannstatt.
Seit zwei Jahren aktiv
Fatih Saraçoğlu, Ferhat Unvar, Gökhan Gültekin, Hamza Kurtović, Kaloyan Velkov, Mercedes Kierpacz, Said Nesar Hashemi, Sedat Gürbüz und Vili Viorel Păun: Diese Namen sollen nicht in Vergessenheit geraten. Nach dem rassistischen Anschlag am 19. Februar 2020 in Hanau bildete sich bundesweit das Netzwerk Migrantifa von und für migrantische und migrantisierte junge Menschen. So auch in Stuttgart.
„Hanau hat uns hart getroffen. Ich hatte eine Woche lang Schlafstörungen“, erzählt Anil Beşli, der die Organisation in Stuttgart mit ins Leben gerufen hat. Auf seinem Arm ist das Datum des Anschlags tätowiert. Die Monate danach hätte er viel mit den anderen darüber gesprochen und gehofft, dass sich auch in Stuttgart eine Migrantifa gründet. „Nach dem Tod von George Floyd im Mai 2020 haben wir gemerkt, dass es niemand machen wird - also haben wir es selbst in die Hand genommen“, erzählt Beşli.
„Wir sind nicht die Migrantifa, sondern wir agieren im Namen der Migrantifa“, ergänzt Kaan, der auch von Anfang an mit dabei ist. Die bundesweiten Gruppen setzen intern unterschiedliche Schwerpunkte in ihrer Arbeit. In Stuttgart wird der Fokus auf Jugendarbeit, Bildungs- und Aufklärungsarbeit für Betroffene sowie auf intersektionalen Feminismus gelegt. Zu den Veranstaltungen gehören das regelmäßige Gedenken an Hanau und der intersektional-feministische Aktionstag SeeUsSunday.
Ein Safer Space und ein Handbuch zu Racial Profiling
„Wir wollen Menschen miteinander verbinden und schauen, wer wir und unsere Probleme sind, die wir jeweils als von Rassismus betroffene Menschen kennen“, erklärt Pepito, auch aktiv in der Gruppe. Ziel sei es, einen Safer Space und Auffangmöglichkeiten durch die Gruppe zu schaffen, sowie Demos und Veranstaltungen zu organisieren: „Wir probieren auch mit Kunst, Musik und Theater zu arbeiten."
Zusammen mit anderen Gruppierungen, unter anderem der Black Community Foundation, durften sie als Autor:innen ein Handbuch im Rahmen eines Projektes des Sozialministeriums und dem Forum der Kulturen zum Thema Racial Profiling erstellen. „Es soll eine Handreichung für Jugendliche sein, vor allem für BIPoC“, so Beşli. Ursprünglich sei es für eine Stiftung mit vielen Studierenden aus dem Ausland gedacht gewesen, die oft Racial Profiling und Ähnliches erfahren.
"In solchen Situationen wissen viele Jugendliche nicht, was sie machen dürfen und was nicht und wenn es dann eskaliert, liegt es meistens daran, dass sie ihre Rechte gar nicht kennen“, so Beşli. Die Broschüre soll eigene Rechte, Pflichten und auch Meinungen von Experten, beispielsweise aus psychologischer Sicht, beinhalten.
Der Podcast MigranTea und Zukunftspläne
Auch Bildungs- und Empowerment-Workshops und der Podcast MigranTea sind Teil der Arbeit. Im Podcast wird unter anderem die Sendung „Die letzte Instanz“ kritisiert und über Identität und Heimatgefühl gesprochen.
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Der Name Migrantifa sei eine Fusion aus den Begriffen "Antifa" und "migrantisch" und entstand in Berlin, so Beşli. „Das Konzept an sich gab es schon in den 90ern, da hieß es Antifa Gençlik“.
Ab Oktober startet die Gruppe wieder durch - auch auf Social Media und Youtube. Und wovon träumen sie für die Zukunft? "Der Traum wäre im Erdgeschoss des Gebäudes in der Bahnhofstraße ein Jugenhaus mit einem Café einzurichten und in der zweiten Etage offene mobile Arbeitsplätze für alle, die ein Projekt realisieren wollen", so Kaan. "Und wir wollen mit diesem Büro unsere Arbeit in der Stadt etablieren und auch selbst Erfahrungen sammeln", sagt Beşli und Kaan nickt.