Die ersten (Tanz-) Schritte
Sven und Elisa treffen sich zum ersten Mal in einer Canstatter Tanzschule beim Bachata. Beide stoßen eher zufällig zum Kurs dazu: Sven nimmt durch eine Geschäftsreise ausnahmsweise am Samstags-Kurs teil, Elisa wurde spontan von einer Freundin angemeldet. Zwischen ihnen funkt es schon in der ersten gemeinsamen Tanzstunde - und es folgen noch viele weitere, wenn auch in einem anderen Land.
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Denn als sich die beiden kennenlernen, steht für Sven schon fest, dass er für einen neuen Job Deutschland verlassen wird. Bereits beim ersten Date spricht er das Thema an. "Es war zu früh in der Beziehung, um darüber zu sprechen, aber zu spät im Ausreiseprozess, um es nicht zu tun", sagt Sven, der Elisa als Lebenspartnerin bei der Firma eintragen lässt, als sie gerade mal einen Monat ein Paar sind. "Es war schwer für mich nachzuvollziehen, warum er weg möchte", sagt Elisa rückblickend, nur ein halbes Jahr später entscheidet auch sie sich, Deutschland zu verlassen. Damals noch nicht in der Kalkulation: Die Pandemie.
"Es war eine blinde Entscheidung"
Die bringt Svens Pläne erstmal ziemlich durcheinander. Seine Ausreise verschiebt sich mehrmals um Monate, dass Look and See, bei dem auch Elisa hätte dabei sein sollen, wurde abgesagt. "Es war eine blinde Entscheidung. Ich hatte nicht die Chance, vorher einmal dort hin zu reisen, um mir alles anzuschauen", erzählt sie. Sven war zumindest durch einige Geschäftsreisen schon mal in China gewesen.
"Unser Einjähriges haben wir remote gefeiert"
Im Juli 2020 kann Sven dann mit dreimonatiger Verspätung endlich einreisen, sein neues Leben in Peking beginnen. Er arbeitet dort als Produktionsplaner in der Automobilbranche auf einer Baustelle ungefähr eine Stunde außerhalb von Peking. Die ersten beiden Wochen verbringt er in Quarantäne - Pflicht für die Einreise nach China.
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Und Elisa? "Richtig gesagt, dass ich mitgehe habe ich erst, als er schon dort war. Da habe ich ihn in der Quarantäne angerufen und gefragt: Wann kann ich kommen?", lacht sie. Doch wann sie nachreisen kann, weiß sie nicht, auch ihr Flug wird mehrmals verschoben. "Unser Einjähriges haben wir deswegen remote gefeiert", erzählt Sven, es war eine FaceTime-Dinner-Verabredung.
"Du brauchst einen Partner, der immer für dich da ist"
Ende Oktober ist es dann soweit: Elisa kann überraschend nachfliegen. Es ist eines der letzten Flugzeuge, die noch nach Peking starten, sie hat Glück. Doch nicht nur der Umzug in ein fernes Land sollte eine neue Erfahrung werden, es ist auch das erste Mal, dass die beiden zusammenwohnen. Eine große Herausforderung: "Du brauchst einen Partner, der immer für dich da ist und der dir zuhört, man hat erstmal nur sich gegenseitig", sagt Elisa, die jetzt gemeinsam mit Sven in einem Apartment-Komplex im Pekinger Distrikt Chaoyang lebt.
An den Alltag haben sie sich aber schnell gewöhnt, wie die beiden erzählen. Während Sven arbeitet, studiert Elisa im Master an einer Fernuniversität, lernt nebenbei Chinesisch und arbeitet ehrenamtlich bei einer Organisation, die Kinder in Englisch unterrichtet. An den Wochenenden findet man die beiden weiterhin im Tanzsaal, eine Tradition, die sie auch sieben Zeitstunden von der Heimat entfernt beibehalten.
Doch obwohl sie viel unterwegs sind, ist es erstmal nicht leicht, in Peking Anschluss zu finden. Es braucht etwas Zeit, aber sie lernen schließlich gute Freund:innen im Tanzkurs, bei Ausflügen oder über Expat-Gruppen kennen. Das Chinesische Neujahrsfest am ersten Februar verbringen sie mit Locals, es wird gemeinsam chinesisch gekocht.
Ein Didi, bitte!
Doch auch, wenn die beiden nun schon eine Weile in Peking wohnen, erleben sie immer wieder neue Situationen. Sven erzählt von Hühnerfüßen in der Suppe, Sammeltoiletten ohne Kabinen und Sprachbarrieren, denn mit Englisch kommt man nicht immer durch. Oft bekommen sie bei Nachfragen, sei es es in Läden oder Restaurants, erstmal nur "mei you" zu hören, was so viel wie "haben wir nicht" bedeutet. "Man muss sich auf all diese Erfahrungen einlassen", ergänzt Elisa, die mittlerweile schon mit Taxifahrer:innen auf Chinesisch plaudert ("Didi" ist übrigens das bekannteste Taxiunternehmen in China).
Und wie sieht das Ganze mit der Pandemie aus?
"Man muss sich meistens testen, wenn man irgendwo hin will und dann alle möglichen QR-Codes einscannen, um seine Daten zu übermitteln. Wenn es einen Ausbruch gibt, brauche ich den Test auch für die Arbeit, sonst komme ich nicht rein. Aber grundsätzlich können wir uns frei im Land bewegen", fasst Sven die aktuelle Situation zusammen. Zu einem Ausbruch zählen nur wenige Fälle, aber um die Weiterverbreitung zu vermeiden, werden dann ganze Viertel wochenlang abgesperrt. Davon waren Elisa und Sven in Chaoyang bisher noch nicht betroffen.
Trotz solcher Ausnahmesituationen wissen die beiden: "Wir leben hier schon sehr privilegiert, ein Anruf an der Rezeption reicht und wir können uns alles liefern lassen. Da müssen wir uns in Deutschland erstmal wieder umgewöhnen". Wohl auch daran, dass Fitnessstudio und Schwimmbad nicht mehr nur ein paar Stockwerke entfernt sind.
"Wir können nicht riskieren, nicht mehr zurückkommen zu können"
Doch die Ausreisebestimmungen lassen aktuell kaum einen Besuch in der Heimat zu: die Flüge sind teuer, es sind gemeinsam mit vielen PCR-Tests mehrere Wochen Quarantäne bei Aus- und Einreise gefordert. "Das frustriert uns sehr. Wir vermissen unsere Familien, aber wir können es einfach nicht riskieren, nicht mehr zurückkomen zu können", sagt Sven. Und auch Elisa findet: "Es ist schade, dass alles nicht mit unseren Freund:innen teilen zu können, das geht momentan nur über Bilder und Video. Ich würde aber gerne hier alles mal zeigen".
Schließlich ist auch ein Zuhause auf Zeit irgendwie eine Heimat, oder?
"Eigentlich brauchst du nur die Menschen, die du liebst um dich rum. Heimat ist ein Gefühl, dass dir diese Menschen geben", so Sven. "Ich hätte mir nie vorstellen können, jahrelang im Ausland zu leben. Jetzt glaube ich, ich könnte überall Heimat finden", sagt auch Elisa und ergänzt: "Aber man genießt es natürlich, in einer bekannten Umgebung zu sein".
Wenn die beiden wieder zurück sind, möchten sie daher - nach den Besuchen bei Family und Friends - ihre Lieblingsspots in Stuttgart abklappern: durch die Weinberge spazieren, schwäbische Tapas im Gasthaus Bären essen, eine Shoppingtour durch das Rosabraun und ein Stadionbesuch stehen auf der Liste. Auch die Stuttgarter Döner seien super, auf die freue sich Sven am meisten.
"Das hat uns extrem zusammengeschweißt"
Noch bleibt ihnen aber etwas Zeit, um auch China und seine Kultur weiter kennenzulernen. Von der verbotenen Stadt über die Avatar Berge (die als Vorlage für die Kulisse des gleichnamigen Films dienten) bis hin zu Kitesurfen auf der Insel Hainan, dem südlichsten Punkt Chinas - es gibt noch viel zu entdecken. Ihr Lieblingsmoment bisher? Eine Reise nach Gubei, zwei Stunden nördlich von Peking. Ein Tagesausflug mit kleinem Spaziergang auf einen Hügel. Dass die beiden dort einmal gemeinsam bei einem Kaffee die Aussicht genießen, hätten sie bei den ersten Schritten zu lateinamerikanischen Klängen wohl nicht erwartet. Gleich neben ihnen: eine Herzfigur aus verworrenen Ästen. Als Symbol dafür, dass auch aus einem komplizierten Start etwas Schönes entstehen kann. "Ich glaube wir nehmen das gerade nocht nicht wahr, aber unsere Erfahrungen hier haben uns extrem zusammengeschweißt", so Sven.