Stuttgarter Philharmoniker in der Liederhalle Zwei Schmetterlinge und fünf Leichen
Die Stuttgarter Philharmoniker stellen unter Marcus Bosch das chinesische Violinkonzert „Butterfly Lovers“ vor.
Die Stuttgarter Philharmoniker stellen unter Marcus Bosch das chinesische Violinkonzert „Butterfly Lovers“ vor.
Der Vorhang öffnet sich. Mit der Ouvertüre zu Rossinis Oper „Semiramide“ (zwei Leichen) betritt das Publikum babylonische Gefilde. Später bestimmt in der Suite aus Bartóks Ballett „Der wunderbare Mandarin“ ein geheimnisvoller Chinese die Szene (Leiche Nummer drei). Und zwischen diesen Blicken in den Nahen und Fernen Osten erleben wir einen Blick in die Gegenrichtung: nach Mitteleuropa. 1959 schrieben He Zhanhao und Chen Gang in China ein Violinkonzert über eine tragische Sage ihrer Heimat: Erst im Tod finden zwei Liebende zusammen; alsdann flattern sie (hier als unsere Leichen Nummer vier und fünf) als Schmetterlingspärchen davon.
„Butterfly Lovers“ heißt das Stück, das in China Kultstatus hat, hierzulande aber kaum bekannt ist. Toll also, dass die Stuttgarter Philharmoniker es am Freitag im Beethovensaal vorgestellt haben. Aus europäischer Sicht wirkt die Musik ästhetisch rückwärtsgewandt. Aber in ihr verschmelzen auf reizvolle Weise westliche Klangfarben, romantische Emphase und Funktionsharmonik mit Pentatonik und fernöstlichen Spieltechniken. Die US-amerikanische Geigerin Tessa Lark entlockt dem Solopart mithilfe zahlreicher Gleitbewegungen Töne, die jenen der zweisaitigen chinesischen Spielgeige Erhu erstaunlich nahekommen, und das ebenfalls mit exotischer Klangfarbe und Artikulation geforderte Orchester sorgt für packende Atmosphäre. Dafür, dass das idyllische Hauptthema wie auch die „Lagrimoso“-Passage nicht dem kitschigen Zuviel anheimfallen, sorgt der Dirigent Marcus Bosch mit Geschmack und einer sicher gesetzten Kontrastdramaturgie.
Gut aber, dass die Filmmusik-nahe Breitwandästhetik von „Butterfly Lovers“ einen Rahmen hat: hier die effektsicher musizierte Rossini-Ouvertüre, dort Bartóks klanglich brutale Extrem-Avantgarde von 1926. In „Der wunderbare Mandarin“ benötigt der mehrfach erdolchte Titelheld einen Liebesakt, um wirklich sterben zu können, und die eigentliche Kraft hinter den erbarmungslosen Rhythmen ist die Liebe des Mädchens. All dies machen die Philharmoniker hörbar, dramaturgisch klug entwickelt, eine in Musik gesetzte grausame Großstadtgeschichte mit hoher Spannung, exzellent geschärften Bläserklängen und viel Liebe dahinter. Jubel!