Stuttgarter Premiere über das Atom-Drama „An und Aus“ Atomkraft, nein danke!

Evgenia Dodina beeindruckt in Roland Schimmelpfennigs Stück „An und Aus“ im Schauspielhaus Stuttgart als lebenslustig laszive Frau A. , die sich eine Affäre mit dem sportlichen Herrn Y gönnt (re. im Bild) – bis eine Katastrophe ihr Glück und ihr Leben zerstört. Foto: Schauspiel Stuttgart/Julian Baumann

Burkhard C. Kosminski bringt Roland Schimmelpfennigs Stück „An und Aus“ über die Reaktorkatastrophe in Fukushima auf die Bühne im Schauspielhaus Stuttgart.

Bauen/Wohnen/Architektur : Nicole Golombek (golo)

Stuttgart - Wie viel Kohlendioxid für den Premierenposten „An und Aus“ von Roland Schimmelpfennig eingespart wurde, ist unklar. Papier oder Strom für den Computer des Autors, die Probenzeit und den damit verbundenen Energieverbrauch und so fort. Klar ist aber, dass Stuttgarts Schauspielintendant Burkhard C. Kosminski damit sagt, was Nachhaltigkeit im Theater bedeuten könnte: Stücke nicht nur ins Programm zu nehmen, wenn man sie als Erstaufführung anpreisen kann. Und Inszenierungen so lange wie möglich zu spielen.

 

Schimmelpfennig schrieb dieses Werk über die Reaktorkatastrophe in Fukushima 2011 für ein Theater in Tokio, Kosminski brachte es 2016 in Mannheim zur deutschen Erstaufführung. Die Entscheidung, die Inszenierung nun in Stuttgart mit zum Teil anderen Schauspielern zu spielen, erscheint nachvollziehbar. Zumindest, wenn man ein Wochenende zum Thema Klima plant.

Menschen mit zwei Köpfen und verbrannten Herzen

So ganz vertraut der Regisseur dem Stück allerdings doch nicht. Er wirkt ängstlich bemüht, den Zuschauern sofort zu signalisieren, dass es um große Politik geht und nicht nur um eine Sexkomödie mit surrealen Momenten. Zwar scheinen im Verlauf des Dramas Bilder auf, die an Katastrophen denken lassen – Menschen mit zwei Köpfen oder mit aufplatzender Haut, Gesichter ohne Mund, Körper mit verbrannten Herzen. Doch Signalworte wie Fukushima oder Reaktorunfall werden im Text an keiner Stelle erwähnt. Also malt Katharina Hauter bei der Premiere am Samstag zu Beginn des knapp 90-minütigen Abends das Wort „Fukushima“ an eine Papierwand. Das wäre geklärt, nimmt dem Text aber viel von seiner Ambivalenz.

So viel Sorge war nicht nötig. Regisseur Burkhard C. Kosminski und dem Bühnenbildner Florian Etti ist es doch gelungen, die Schwächen von „An und Aus“ durch konzentriertes Spiel des Ensembles und eine klug verspielte Bühne zu kaschieren und den Abend immer wieder zum Schweben zu bringen. Mit Slapstick, mit Pling-Pling-Klaviermusik, lakonisch dargeboten von Anne-Marie Lux, mit Schattenspielen vor den bühnenfüllenden Papierwänden, die sich auch eignen, um mit den Händen darauf zu trommeln und Regengeräusche zu imitieren.

Sex, Tod und Leben

Schimmelpfennig hatte sich auf das naheliegende Doppel Eros und Thanatos verlassen. Der größte Gegensatz zu Tod und Zerstörung ist, genau: Sex und mitunter die Fortpflanzung, Leben. Er lässt drei verheiratete Paare einander betrügen – gleichzeitig und im selben Hotel. Und dann ist da noch ein junges Paar, das den Beginn einer Romanze erlebt. Währenddessen geht das Licht aus und an und aus, die Menschen nehmen an sich bizarre Verformungen wahr, die andere gar nicht bemerken.

Die Figuren sind aber derart flach gestaltet, dass sich kein Drama ergeben will. Die Tragik vertanen, erloschenen Lebens scheint immerhin auf, wenn Sebastian Röhrle ein melancholisches Lied singt und liebevoll auf seine Frau (Katharina Hauter) schaut, mit der er sonst kaum spricht. Und Evgenia Dodina gelingt es eindrücklich, ihrer Figur so viel Lebenslust zu verleihen, so viel Freude an der Schönheit ihres Liebhabers – und so viel Entsetzen darüber, dass sie plötzlich gealtert und unbeweglich ist, dass man ahnt, was sich an katastrophaler Grässlichkeit ereignet.

So wie am Premierentag zuvor bei Andres Veiels „Ökozid“ wird auch dieser Theaterabend zu einem, der bundesdeutsche Politik reflektiert; der Regisseur von „An und Aus“ nimmt eine unmissverständliche Haltung ein: Die Entscheidung Deutschlands, Atomreaktoren abzuschalten, war eine gute.

Info

Nächste Vorstellung
3. Oktober, Schauspielhaus Stuttgart. Kartentelefon: 07 11 / 20 20 90.

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