Stuttgarter Professor Warum sich André Thess gegen den Atomausstieg stemmt
Der Stuttgarter Professor André Thess stemmt sich gegen den Atomausstieg. Warum er nebenbei die Sauna neu erfunden hat – und sich in seiner Küche am wohlsten fühlt.
Der Stuttgarter Professor André Thess stemmt sich gegen den Atomausstieg. Warum er nebenbei die Sauna neu erfunden hat – und sich in seiner Küche am wohlsten fühlt.
Die Schiefertafel hat auch im digitalen Zeitalter noch nicht ausgedient. Selbst im Büro eines Professors nicht, der sich mit sehr futuristischen Fragen beschäftigt. Für alle, denen der Physikunterricht in der Schule schon ein Rätsel war, hier vereinfacht zusammengefasst: André Thess erforscht Energiesysteme der Zukunft.
Auf der Schiefertafel in seinem Büro würde man Formeln vermuten, die einen Ausweg aus der aktuellen Energiekrise weisen. Doch es steht da keine komplexe Gleichung mit vielen Unbekannten. Stattdessen hat Thess mit Kreide ein Strichmännchen hingekritzelt, das zwei Eimer trägt. Dann ist noch ein Gekrakel zu sehen, was als sehr abstrakter Lastwagen durchgehen könnte. Mit Kringeln statt Rädern und einem verwackelten Karo statt des Führerhauses. Viele Pfeile weisen nach rechts, und am Ende dieser Pfeile steht „BZ“. Das bedeutet Brennstoffzelle – eines der Forschungsobjekte, über die Thess nachdenkt und in seinen Vorlesungen an der Universität Stuttgart doziert.
Für die Energieversorgung der Zukunft hat Professor Thess eine andere Formel parat, die auch für mathematische Analphabeten leicht verständlich ist – wenn auch für viele nicht akzeptabel: „Mit einseitiger Ausrichtung auf Sonne, Wind und Erdgas wurde Deutschland in Energienot manövriert. Das Festhalten am Atomausstieg bremst den internationalen Klimaschutz.“ So steht es in seiner „Stuttgarter Erklärung“, die im vergangenen Juli 20 Wissenschaftler inklusive Thess verfasst haben, die meisten aus Baden-Württemberg. Fast 60 000 Gleichgesinnte haben das bis jetzt unterschrieben. Demnächst muss der Petitionsausschuss des Bundestags entscheiden, was aus dem Ansinnen werden soll. Mit den eben publik gewordenen Fortschritten bei der Kernfusion gewinnt das Plädoyer für Atomenergie neue Relevanz.
Gegen den Atomausstieg aufzubegehren ist ein ambitioniertes Ziel – für Teile der Ampelregierung gar ein Tabu. Zweifel werden wie Todsünden behandelt. Es gibt wenig andere politische Vorhaben, die sich auf ähnlich großen Rückhalt beim Wahlvolk stützen können. „Atomkraft? Nein, danke!“ ist in Deutschland ein weithin akzeptiertes Glaubensbekenntnis. Die rot-grüne Bundesregierung unter dem Kanzler Gerhard Schröder hat ihm 2002 Gesetzeskraft verliehen. Unter der CDU-Kanzlerin Angela Merkel wurde diese nach dem Versuch eines Wendemanövers 2011 noch einmal bekräftigt.
André Thess hat ambitionierte Ziele nie gescheut. Das begann schon mit der Frage, was er nach dem Abitur anfangen sollte. Er entschied sich damals für ein Physikstudium, und zwar „auf einer völlig irrationalen Basis“, erzählt Thess. In der Zeitung habe er von Einsteins Relativitätstheorie gelesen. Da stand, die Allgemeine Relativitätstheorie sei so kompliziert, dass sie weltweit nur von einer Handvoll Menschen verstanden werde. Das habe seinen „sportlichen Ehrgeiz“ geweckt – er wollte dazugehören. Der Ehrgeiz ist bei Thess deutlicher ausgeprägter als übertriebene Bescheidenheit. Auf Nachfrage versichert er, Einsteins Weltmodell so gut verstanden zu haben, „dass ich zumindest die Grundzüge auch heute in einem populärwissenschaftlichen Vortrag erklären könnte“. In anderem Zusammenhang betont er aber auch: „Ich halte mich nicht für schlauer als den Durchschnitt der Bevölkerung.“
Der Werdegang von André Thess ist nicht ganz so kompliziert wie die Allgemeine Relativitätstheorie, aber auch nicht so schlicht wie die Strichmännchen-Skizze auf der Schiefertafel in seinem Büro: Er ist 1964 in Sankt Petersburg geboren, das damals noch Leningrad hieß. Sein Vater, ein DDR-Bürger, hat dort studiert. Nach der Promotion wechselte er nach Dresden, als der kleine André zwei war. Die russische Sprache beherrscht André Thess dennoch bis heute.
Er hat später an der Technischen Universität Dresden sein Studium begonnen. Der Mauerfall ermöglichte ihm Auslandssemester an der École normale supérieure in Lyon und an der Princeton University – auf Einsteins Spuren. Als Professor lehrte er zunächst in der Provinz, an der Technischen Universität Ilmenau, später in Stanford, Japan und China, seit 2014 an der Universität Stuttgart.
Das Erscheinungsbild von André Thess erinnert in nichts an Einstein. Er würde wohl nie auf die Idee verfallen, mit verstrubbelten Haaren im Hörsaal zu erscheinen oder sich in Pantoffeln ablichten zu lassen, die mit Meerschweinchen verwechseln werden könnten. Thess legt Wert auf Krawatte, akkurate Frisur und polierte Manschettenknöpfe. Doch ähnlich wie sein Vorbild kommen ihm gelegentlich verrückte Einfälle. Auf die Frage, wen er gerne mal zum Kaffeetrinken einladen würde, sagt er: Edmund Stoiber. Dem ehemaligen Ministerpräsidenten und knapp gescheiterten Kanzlerkandidaten, der manchmal so schwer verständlich wie Einstein redet, würde er dann gerne selbst gebackenen Pflaumenkuchen servieren.
Der Herd in der eigenen Küche ist für Thess ohnehin der Ort, an dem er sich angeblich am wohlsten fühlt. Wer Näheres erfahren möchte, könnte das in seinen Vorlesungen zur „kulinarischen Thermodynamik“, die es tatsächlich gibt. Da doziert er unter anderem über physikalisch optimale Bratpfannen. Und wenn der Professor ein Beispiel nennen soll, was er schon Nützliches zustande gebracht habe, dann sagt er: „eine dreistöckige sizilianische Cassata-Torte, die auch noch schmeckte“.
Er hat aber auch als Physiker schon Nützliches erdacht: zum Beispiel die nach eigenem Bekunden „weltweit erste Nullenergie-Sauna“. Sie bezieht die Hitze aus Solarstrom und braucht nur ein, zwei Sonnentage, bis der erste Aufguss möglich ist. Thess ist also einiges an Innovation zuzutrauen. Aber den Atomausstieg umkehren? „Ich bin ein frustrationstoleranter Mensch“, sagt der umtriebige Professor. Er werde „nicht voller Pessimismus durch die Gegend laufen“, falls seiner Petition im Bundestag nicht gleich Erfolg beschieden sei, will sich aber keineswegs mit dem „fundamentalen Denkfehler“ der deutschen Energiepolitik abfinden, dass man aus Kohle- und Kernkraft gleichzeitig aussteigen und dennoch eine zuverlässige und umweltfreundliche Energieversorgung gewährleisten könne. Als Kronzeugen benennt Thess den Weltklimarat: „Ich zähle mich zu den wenigen Leuten, die die Klimaberichte des IPCC sorgfältig studieren“, sagt der Physiker. „In allen diesen Berichten wird neben Wind- und Solarenergie auch immer die Kernenergie als wichtige klimaneutrale Energiequelle genannt.“ Abfinden will Thess sich auch nicht mit dem in Deutschland verbreiteten Reflex, Befürworter der Atomenergie entweder als Lobbyisten der einschlägigen Industrie zu schmähen – oder sie in der rechten Ecke zu verorten. Der Professor über sich selbst: „Beides ist abwegig.“
Für abwegig hält er auch das Medienecho: Wegen seiner Nullenergie-Sauna gab es zehn Anfragen für Radiointerviews – wegen seiner Anti-Atomausstieg-Petition zunächst keine einzige. Inzwischen hat ihm der Südwestrundfunk 30 Sekunden vergönnt, um das komplexe Anliegen zu erläutern. Der Professor tröstet sich mit dem von ihm selbst formulierten „ersten Hauptsatz der Energiepolitik“, der im Gegensatz zum Ersten Hauptsatz der Thermodynamik, in Thess’ Metier so etwas wie das kleine Einmaleins, leicht zu begreifen ist: „Die Zukunft sieht immer anders aus, als wir sie uns vorstellen.“ Dies unterstelle er auch für die Energiequellen, die wir in Zukunft nutzen werden.