Stuttgarter Projekt für Flüchtlinge Psychisch sind viele Geflüchtete durch die Pandemie stark belastet

In der Pandemie sind beim Omid-Team Menschen mit vielen Problemen aufgeschlagen. Praktisch ist, dass die Büros in Flüchtlingsheimen angesiedelt sind. Foto: Lichtgut/Max Kovalenko

So viele Anfragen wie noch nie verzeichnet aktuell eine Psychologin, die in Stuttgarter Flüchtlingsunterkünften bei dem Projekt Omid arbeitet. Sie äußert sich auch zum Attentat in Würzburg.

Familie/Bildung/Soziales: Viola Volland (vv)

Stuttgart - Der Anschlag in Würzburg, bei dem drei Frauen getötet wurden, hat bundesweit für Bestürzung gesorgt. Ob der Täter, ein Flüchtling aus Somalia, psychisch krank oder ein Terrorist oder beides ist, ist noch nicht abschließend geklärt. Das Attentat sei in ihrer Beratung bisher noch kein Thema gewesen, sagt Irini Sokolaki, einer Psychologin vom Projekt Omid, die ihr Büro in einer Stuttgarter Flüchtlingsunterkunft hat. Aber das dürfte sich noch ändern. Sie geht davon aus, dass der Anschlag bei einigen ihrer geflüchteten Klienten Ängste auslöst – so sei es bisher nach entsprechenden Vorfällen der Fall gewesen.

 

„Da ist viel Trauer, ein Gefühl des Beschämtseins, eine Angst, wie man nun selbst wahrgenommen wird“, beschreibt Irini Sokolaki die Sorge, dass von dem Einzeltäter auf andere geschlossen werden könnte, die mit dem Täter nur eine Gemeinsamkeit teilen: ebenfalls geflüchtet zu sein. Vor allem für Menschen aus Somalia sei das nun natürlich schwer, sagt Sokolaki.

Mangel an Therapiemöglichkeiten

In ihrem Arbeitsalltag hat sie es mit psychisch belasteten Menschen zu tun. Ihnen soll Hoffnung gegeben werden – Omid, wie Hoffnung auf Persisch heißt. Das niederschwellige Projekt der Caritas hat seit 2014 das Ziel, traumatisierte Geflüchtete zu stabilisieren. Das Besondere: die Menschen erhalten direkt vor Ort Hilfe, in den Flüchtlingsunterkünften. Es gibt Einzelgespräche und Gruppenangebote, das Ganze sei aber keine Therapie, betont Sokolaki, die in dem Zuge einen Mangel an Therapiemöglichkeiten beklagt. Die zwei Anlaufstellen für Geflüchtete (PBV und Refugio) hätten lange Wartelisten, niedergelassene Therapeuten behandelten in der Regel nur Menschen, die nicht auf Dolmetscher angewiesen sind.

Das Profil der Omid-Klienten hat sich einem aktuellen Projektbericht zufolge über die vergangenen Jahre verändert: Der Fokus liege inzwischen weniger auf den traumatisierenden Erfahrungen in der Heimat und auf der Flucht, als auf Folgeproblemen. Diese wiederum könnten mit nicht bearbeiteten Traumata zu tun haben: Anpassungs- und Orientierungsschwierigkeiten, Sucht, Aggressivität, psychische Erkrankungen spielten eine Rolle. In diesem Jahr soll bei Omid ein besonderer Fokus auf Jugendliche liegen, eine besonders belastete Gruppe. Viele lebten nun seit sechs Jahren in einer Gemeinschaftsunterkunft mit all den Nachteilen – jetzt kommen noch Pandemie und Pubertät zusammen.

Viele haben Angst vor Abschiebung

Der Beratungsbedarf sei generell zuletzt stark gestiegen, berichtet Irini Sokolaki. Die Psychologin ist selbst seit Januar 2018 bei Omid, nachdem sie zuvor in Stuttgart mit traumatisierten jesidischen Frauen und Kindern gearbeitet hatte. Sie habe sich in dieser Zeit selbst „nie gefährdet gefühlt“. Wenn, dann sei sie mit Situationen konfrontiert gewesen, in denen Menschen Suizidgedanken geäußert hätten. Sie musste auch schon den Krankenwagen, in Ausnahmefällen auch die Polizei rufen. „Das sind unschöne Momente“, aber absolute Einzelfälle, wie sie betont.

Sie hat aktuell noch mit den Folgen des Lockdowns zu tun. Viele, die sich eigentlich schon stabilisiert hatten, seien in der Zeit in ein Loch gefallen. Corona sei in den Unterkünften als Bedrohung wahrgenommen worden – bei einer Infektion wäre man abgeholt worden und in eine Quarantäneunterkunft gekommen. Eltern sorgten sich, dass die eigenen Kinder abgehängt werden. Auch seit den Lockerungen seien die Hilfegesuche nicht gesunken, im Gegenteil. „Ich hatte noch nie so viele Anfragen“, sagt die Psychologin. Ein Hauptthema: die Angst vor einer Abschiebung. Es kamen zuletzt Bewohner zu ihr mit positivem Bescheid – allerdings aus dem falschen Land, aus Italien, aus Griechenland. „Da gibt es keine Chance, dass diese Person hierbleiben kann und auch ich kann daran nichts ändern“, sagt sie.

Mit Attest Antrag auf Einzelzimmer möglich

Weiterhin sei das Wohnumfeld in vielen Gesprächen Thema. „Das Leben im Heim ist omnipräsent“, sagt sie. Da kann es zu Konflikten kommen, gerade, wenn eine Person in einer psychischen Krise ist. So jemand brauche eigentlich Ruhe, sagt auch die Sozialarbeiterin Lisa Maisch, stattdessen müsse man sich ein Zimmer teilen. „Aber mit Attest kann man einen Antrag auf ein Einzelzimmer stellen“, sagt die Leiterin der Möhringer Unterkunft, in der auch das Büro von Irini Sokolaki ist. „Das ist eine ganz große Unterstützung für die Menschen und auch für die Sozialarbeit vor Ort“, sagt Maisch über Omid.

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