Stuttgarter Psychologe im Gespräch Warum Mental Health kein Tabuthema sein darf

Mental Health-Themen rücken immer mehr in unseren Alltag. Warum unsere mentale Gesundheit kein Tabuthema sein darf, erklärt uns der Stuttgarter Psychologe Leon Schäfer im Interview. Foto: Unsplash/Nik Shuliahin

Warum psychische Probleme vor allem im Arbeitsumfeld immer noch ein Tabuthema sind und wir unsere mentale Gesundheit auch regelmäßig testen sollten, hat uns der Stuttgarter Psychologe Leon Schäfer im Interview verraten.

Stuttgart – In den letzten Jahren hat die Awareness zu sämtlichen Themen rund um unsere psychische Gesundheit deutlich zugenommen. Mental Health wird öffentlich besprochen und diskutiert und viele Menschen haben gelernt, wie wichtig es ist, sich um die eigene mentale Gesundheit zu kümmern.

 

Auf der anderen Seite ist und bleibt die psychische Gesundheit in einigen Kreisen weiterhin ein absolutes Tabuthema. Darüber spricht man nicht? Eben doch! Im Interview erklärt uns der Stuttgarter Psychologe Leon Schäfer, warum es so wichtig ist, über Mental Health zu reden. 

Lange war die mentale Gesundheit ein Thema, über das vor allem viel geschwiegen wurde. Inzwischen sprechen immer mehr Menschen öffentlich, z.B. via Social Media, über Depressionen, Ängste und andere psychische Krankheiten. Warum ist es so wichtig, über Mental Health zu sprechen?

Psychische Probleme wurden lange Zeit - auch zum Teil mit mehr als fragwürdigen Methoden - in sogenannten "Irrenanstalten" behandelt. Das hatte so was von komplett verrückt und gruselig und psychopathisch. In Irrenanstalten wurden die "Verrückten" geschickt, die außerhalb der Gesellschaft ihr Leben fristen mussten und weggesperrt wurden. Und das oft über viele Jahrzehnte. Da war es schon von Vorteil, wenn man zum Beispiel als Kaiserin von Österreich das "Sissi-Syndrom" irgendwo auf einer griechischen Insel auskurieren konnte, statt in einem Sanatorium interniert zu werden.

Gibt es mehr psychische Erkrankungen oder einfach eine größere Sichtbarkeit?

In den letzten Jahrzehnten haben wir viel über Mental Health gelernt, über Hormone, Neurotransmitter und fehlende Vitamine. Es gibt bessere Behandlungs- und Therapiemöglichkeiten und Medikamente. Für viele bedeutet das, dass sie trotz psychischer Probleme oder Erkrankungen an der Gemeinschaft oder im Beruf vollwertig teilhaben können. Auf der anderen Seite steigen die Zahlen von Menschen mit psychischen Problemen, wie zum Beispiel die Statistiken der Krankenkassen deutlich machen. Es gibt also mehr Menschen, die um ihre Problematik wissen und sich behandeln lassen.

Welche Rollen spielen die sozialen Medien?

Dank der sozialen Medien wissen wir, dass Britney Spears und Robbie Williams eine bipolare Störung haben, Kurt Cobain AD/HS hatte und mit Ritalin behandelt wurde und Halle Berry nicht nur an Typ 1 Diabetes leidet, sondern auch an einer Depression. Das bedeutet, dass es insgesamt normaler wird, über diese Themen zu reden. Es wird normaler, sich darüber auszutauschen, welche Behandlungsstrategien helfen können und wie man mit einer Mental Health-Thematik, oder gerade deshalb, erfolgreich sein kann.

Aus unserem Plus-Angebot: Wie gehen wir mit schlechten Nachrichten um?

Dafür ist es wichtig, diese Themen öffentlich zu machen und darüber zu reden. Mit einem gebrochenen Bein zögere ich nicht eine Sekunde, zum Arzt oder ins Krankenhaus zu gehen. Wir müssen dahin kommen, dass das auch für psychische Themen gilt. Und Menschen nicht ausgegrenzt werden, weil sie beispielsweise eine andere Wahrnehmung haben als wir. Wir müssen über Mental Health sprechen, um dahin zu kommen, dass ich als davon betroffener Mensch Teil einer Gemeinschaft bin, die ähnliche Schwierigkeiten im Leben haben, wie ich selbst auch. Wir haben dadurch die Möglichkeit, uns schneller und gezielter professionelle Hilfe zu suchen und unsere Themen anzugehen. Auch wir merken in der Praxis, dass es immer häufiger Menschen gibt, die aufgrund von Social Media zu uns finden.

Sind wir insgesamt also sensibler geworden, was das Thema Mental Health angeht?

Wir sind sensibler geworden, weil wir umfänglicheres Wissen über Mental Health haben. Die Themen sind ins Zentrum unserer Gesellschaft gerückt und wir bekommen mehr und mehr ein Gefühl dafür, auf was wir in diesem Zusammenhang achten müssen. Wir bekommen validere Informationen darüber, wie sich psychische Störungen zeigen und wie sie entstehen, und dass es nicht unbedingt die falsche oder unzureichende Erziehung ist, die diese verursachen.

Wir verstehen mehr über genetische Grundlagen und Stress oder Traumen. Und wie diese unser Denken und Empfinden beeinflussen. Da helfen die Promis, die ihre Themen öffentlich machen sehr, weil eine größere Öffentlichkeit der Themen eine breitere Informationsbasis auch für das Erkennen und die Behandlungsmöglichkeiten schafft.

Welche Rolle spielt die Corona-Pandemie?

Die Pandemie-Zeit hat uns sicherlich für Themen wie Depression, Angst, Bipolarität oder AD/HS sensibilisiert. Der Lockdown hat optimale Bedingungen für psychisches Unwohlsein geschaffen. Wenig oder keine sozialen Kontakte, wenig Freizeit- und Sportmöglichkeiten, das Wegfallen unserer Routinen und die bei vielen permanente Angst vor einer Infektion. Während einige das ganz gut weggesteckt haben (wahrscheinlich die Menschen, die eine hohe Resilienz besitzen), hat ein großer Teil unserer Gesellschaft massive Probleme damit gehabt.

Aus unserem Plus-Angebot: Warum sind wir immer so gestresst?

Was viele uns als eine Art "Lagerkoller" beschrieben haben, hinter dem sich oft einfach eine depressive Entwicklung versteckt. Und leider kennt dieser keine Altersbeschränkung. Das beweisen unter anderem nicht nur der Brandbrief der Fachärzte für Psychiatrie letztes Jahr, sondern die im Moment noch immer endlos erscheinenden Wartezeiten bei Psychiaterinnen und Psychiatern und allen psychotherapeutischen Angeboten. Die Treffen vieler Selbsthilfegruppen sind so voll wie noch nie.

Vor allem im Job ist Mental Health trotzdem oft noch ein absolutes Tabuthema und sorgt dafür, dass z.B. Burnout und Depressionen weit verbreitet sind. Warum sind Probleme mit der psychischen Gesundheit am Arbeitsplatz weiterhin so negativ behaftet, wir melden uns doch schließlich auch ohne Scham bei einer Grippe oder einem gebrochenen Arm krank?

Ein gebrochener Arm ist in der Regel nach einigen Wochen wieder einsatzfähig. Das ist überschaubar und berechenbar. Bei einer Depression ist das nicht so. Die kann sich nach einigen Wochen verbessern oder eben nicht verbessern. Das macht das Ganze unberechenbar. Man will also vielleicht eher nicht, dass der Chef oder die Chefin davon erfährt. Es gibt noch immer viele Klient:innen, die - wenn sie ein psychisches Problem haben - sich vom Hausarzt und nicht vom Psychiater krank schreiben lassen, damit der Arbeitgeber nichts von den Problemen erfährt.

Ein zweiter Punkt ist, dass psychische Themen im Arbeitsumfeld interessanterweise noch immer als Schwäche interpretiert werden. Sicherlich keine Basis, um damit in diesem Kontext offen umzugehen. Jedoch gibt es auch hier Lichtblicke. "Neurodiversity" rückt immer mehr ins Zentrum des Bewusstseins. Und auch hier gehen Promis und sehr erfolgreiche Menschen voraus. Erst neulich hat Elon Musk bekannt gegeben, dass er Asperger Autist sei und damit eine Autismus Spektrum Störung habe. Sicherlich ist es aber auch so, dass es einen großen Unterschied macht, von welchem Ausprägungsgrad der Problematik wir reden und welche Einschränkungen die Betroffenen dadurch erleben.

Kann man seine mentale Gesundheit regelmäßig checken?

Das sollte man tatsächlich ebenso regelmäßig tun, wie den Blutdruck oder die Blutwerte zu checken. Allerdings verlaufen die allermeisten psychischen Veränderungen schleichend und nicht von einer Sekunde auf die andere. Es ist also schwieriger, das zu bemerken. Man gewöhnt sich an den Winterblues und dass er behandlungsbedürftig wird, bemerkt man häufig erst, wenn man ganz tief im Loch hängt. Es gibt zu verschiedenen Themen seriöse Selbsttests im Netz, die kann ich nutzen, wenn ich schon weiß, in welche Richtung es bei mir gehen könnte.

Aus unserem Plus-Angebot: Wie die Pandemie unsere Freundschaften verändert hat

Etwas tun sollte ich, wenn ich über längere Zeit bemerke, dass ich wenig Spaß oder Interesse an den Themen habe, die mir sonst Spaß gemacht haben oder sich meine Gefühle in den letzten Wochen oder Monaten verändert haben. Bin ich ängstlicher, panischer oder trauriger als sonst oder habe ich keine Gefühle mehr, sondern spüre eine Leere? Pflege ich meine sozialen Kontakte? Habe ich Energie? Schlafe ich mehr oder weniger oder schlechter als sonst? Kann ich mich konzentrieren? Oder fällt es mir schwerer, meine Aufgaben zu erledigen? Wenn auf mich mehrere der oben genannten Punkte zutreffen, sollte ich am besten mit einem Profi darüber reden.

Nicht alle oder gar wenig Therapien werden von den Krankenkassen übernommen, viele Menschen können sich keine psychologische Hilfe leisten, die Wartelisten sind teilweise ewig lang - ist das ein faires System? Und was kann man tun, wenn man dringend Hilfe braucht?

Wir haben in Deutschland - im Vergleich zu vielen anderen Ländern - ein sehr gutes und eigentlich auch gut funktionierendes Gesundheitssystem. Für Mental Health-Themen sind die Wartezeiten bei den Fachärzten und Therapeuten allerdings wirklich oft sehr sehr lang. Und den ersten Termin nach sechs oder acht Monaten zu bekommen oder auf einer Warteliste zu landen, ist nicht die Lösung. Wenn ein Notfall vorliegt, ist es wichtig, dass das auch so kommuniziert wird. Und wenn das nich hilft, gibt es doch noch den Weg, über die Krankenkasse zu gehen. Alles nicht optimal, wenn man in Betracht zieht, dass diese Aufgaben dann von Menschen zu erledigen sind, die vielleicht morgens nicht mal in der Lage sind, aus dem Bett aufzustehen. Da ist es aus meiner Erfahrung so, dass in diesen Fällen häufig eine stationäre Behandlung nötig wird. 

Aus unserem Plus-Angebot: Wie Social Media unser Leben verändert hat

Erfahrene Spezialist:innen behandeln oft nur privat oder für Selbstzahler:innen. Auch das stimmt, aber eben nicht immer. Wenn wir allerdings davon ausgehen, dass psychisch beeinträchtigte Menschen ein hohes Risiko für ein sogenanntes "Underachievement" haben, also nicht ausreichend auf ihre Ressourcen zurückgreifen können und damit auch ein hohes Risiko haben, nicht so viel zu verdienen wie vergleichbare "Gesunde", dann ist das tatsächlich so, dass sie sich möglicherweise die privat zu bezahlenden Leistungen nicht leisten können. So gesehen ist dieser Aspekt wahrscheinlich nicht fair.

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