Doch wie gehen wir mit so vielen schlechten Nachrichten am besten um? Im Interview erklärt der Stuttgarter Psychologe Leon Schäfer, was negative News mit uns machen und wie wir am besten darauf reagieren können.
Ob Pandemie, Flut, Klimakrise oder Afghanistan – die schlechten Nachrichten nahmen in diesem Sommer kein Ende. Können wir so viele negativen Nachrichten überhaupt noch richtig verarbeiten?
Negative Nachrichten erzeugen in uns erst mal Angst und Unsicherheit. Dies hat zur Folge, dass wir bei schlechten Nachrichten unser Weltbild erst mal wieder ins Gleichgewicht bringen müssen. Das kostet Energie. Und da diese nicht unendlich zur Verfügung steht - und die Sache auch sehr anstrengend wird - können wir das mit dem Zurechtrücken nicht permanent leisten.
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Unser Gehirn befindet sich gerne in einem ausgeglichenen energiesparenden Modus. Auf der anderen Seite erhält Negatives im Gehirn aber gleichzeitig eine höhere Wertigkeit als positive Nachrichten. Das hat mit dem Überleben zu tun. In der Menschheitsgeschichte war es wichtig zu wissen, was unser Überleben gefährdet und sich das gut ins Gehirn einzuprägen. Also hören wir uns das Negative eine Weile an, aber irgendwann schaltet unser Gehirn in den „Überlebensmodus“. Das heißt, wir fangen an, negative Nachrichten, die in uns Stress erzeugen und energieaufwändig sind, einfach auszublenden.
Manchmal hat man das Gefühl, dass es nur noch schlechte Nachrichten gibt.
Natürlich verkaufen sich schlechte Nachrichten erstmal besser als gute. Die Medien sind voll von Nachrichten, die in uns starke Emotionen, wie Wut, Angst oder Mitgefühl bewirken. Diese Allgegenwärtigkeit der Informationen und die sofortige Verfügbarkeit solcher Nachrichten, die sich innerhalb von Minuten um den gesamten Globus verteilen, führt zur Ermüdung unserer Empathie-Kapazität. Das wird in den Medien oft (wenn auch nicht ganz korrekt) als soziale Compassion Fatigue oder Disaster Fatigue bezeichnet: ein Disaster jagt das nächste. Covid, Fluten, Abzug der westlichen Welt aus Afghanistan, Terroranschläge – was bei uns zu Überforderung, Verzweiflung, Angst und Niedergeschlagenheit führen kann.
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Man kann sich aber in der Tat nicht um alles kümmern oder auch nicht sein gesamtes Geld spenden – vor allem, wenn man selbst gerade in einer Pandemie steckt und Möglichkeiten der persönlichen Einflussnahme doch sehr begrenzt sind. Oft gibt es keine einfachen Lösungen oder die Probleme ziehen sich über Jahre. Gerade bessert sich die Situation mit Covid – da kommt auch schon eine Jahrhundertflut. Unser Mitgefühl ist eben zeitlich begrenzt und schwächt ab, sobald Themen nicht mehr so salient in unserem Leben oder den Medien sind (z.B. Flüchtlingskrise).
Ein anderes Beispiel hierfür ist vielleicht auch die deutschlandweit sinkende Bereitschaft, Covid-Maßnahmen mitzutragen. Es setzt sich bei vielen die Überzeugung durch „langsam ist dann auch mal gut“. Man möchte sich nicht permanent mit „diesem Thema“ beschäftigen. Es gibt im übrigen sicherlich seit Beginn der Pandemie wesentlich mehr Menschen als vorher, die aktiv vermeiden, Nachrichten zu hören oder zu lesen.
Was passiert mit uns, wenn wir von solchen negativen Ereignisse erfahren?
Schlechte Nachrichten erzeugen neben Stress auch Mitgefühl und den Wunsch zu helfen oder die Welt wieder ins Lot zu bringen. Und in der Folge manchmal Wut oder Hilflosigkeit, weil ich auf das Tun anderer so wenig Einfluss habe. Wie zum Beispiel auf den chaotischen Abzug der westlichen Welt aus Afghanistan oder dem Krisenmanagement der Politik. Unsere Anpassungsleistung besteht also darin, uns wieder ins Gleichgewicht zu bringen. Das „Böse“ in der Welt zu sehen, aber nicht so sehr in den Fokus zu stellen, dass es uns lähmt. Aber auf der anderen Seite das Positive wahrzunehmen. Und uns dann zu überlegen, wie wir mit den Situationen umgehen. Zu entscheiden, wo wir uns in welcher Form einbringen und was wir ablegen, ohne aktiv zu werden.
Zu viel Fokus auf das Negative führt zum Tunnelblick und dieser führt zur Verminderung der Lösungskompetenz. Auswirkungen hat dieser sogenannte negative Bias im Endeffekt auf alle Bereiche unseres Lebens und oft generalisiert sich unsere Wahrnehmung. „Die Welt ist schlecht, da lohnt es nicht, sich einzubringen.“
Manche Menschen spüren recht schnell einen starken „Weltschmerz“, während andere fast schon abgestumpft sind. Woran liegt das?
Jeder Mensch hat andere Erfahrungen in seinem Rucksack, andere Einstellungen und andere Fähigkeiten, mit Informationen oder Krisen umzugehen. Menschen funktionieren auch sonst komplett unterschiedlich und haben unterschiedliche Charaktereigenschaften und Persönlichkeiten. Der etwas melancholisch denkende „Typ“ fühlt sich wesentlich schneller in seinem Weltschmerz bestätigt als der positive "Tausendsassa", der aus jeder schwierigen Begebenheit noch etwas Positives zu ziehen vermag. Letztlich liegt es also daran, wie ich meine Welt um mich herum bewerte und welcher Fokus sich bei mir als führend eingestellt hat.
Das Gute ist aber: wie ich Dinge bewerte, kann ich verändern. Das heißt, ich kann auch den Fokus verändern, wenn ich zum Beispiel merke, dass mich der Weltschmerz zu sehr im Griff hat und mich lähmt. Das müsste ich nur aktiv angehen.
Tendieren wir generell dazu, nur noch das Schlechte zu sehen? Oder bleiben negative Ereignisse einfach mehr haften?
Wie beschrieben, gibt es wohl bei uns allen wohl eine starke Tendenz, Negatives mehr in den Fokus zu rücken als Positives. Manche sprechen sogar davon, dass uns schlechte Nachrichten mehr anziehen als neutrale oder positive. „Außergewöhnliche“ Ereignisse werden definitiv anders im Gehirn abgespeichert als „normale“. Das hießt, sie bekommen eine höhere Wichtigkeit. Ob wir am Ende das bei uns so belassen oder uns entscheiden, den Fokus auch mal spaßeshalber auf Positives zu legen, bleibt uns überlassen. Zwischenzeitlich gibt es zum Beispiel Zeitungen, die Sonderausgaben nur mit guten Nachrichten herausgeben. Das liest sich zugegebenermaßen zum Teil sehr befremdlich.
Wie können wir am besten mit den Horrormeldungen aus aller Welt umgehen? Was tun, wenn einem alles zu viel wird, man aber auch nicht einfach wegschauen möchte?
Am besten klappt das, wenn ich sozusagen meine Art des Umgangs mit Informationen herausfinde, die dann sicherstellt, dass ich mich nicht in einer Dauer-Stress-Loop befinde, aber auch nicht in eine komplette „ist mir doch alles egal“-Haltung rutsche. Das heißt, meine konstruktive Art zu finden, mich mit der Welt auseinanderzusetzen. Dazu gehört, dass ich die Realitäten akzeptiere, wie sie sind, wissend, dass es Gutes und Böses, Positives und Negatives gleichermaßen gibt und dass beides zum Leben dazugehört. Dass ich für mich entscheide, wo ich mich aktiv einbringen möchte, zum Beispiel politisch oder ehrenamtlich.
Oder auch wohin ich spende, damit Not gelindert werden kann oder andere, die das besser hinkriegen als ich, für mich die aktive Hilfe vor Ort übernehmen können. Dass ich in der Lage bin, eigene Konsequenzen im Privaten und Beruflichen zu ziehen. Und dass ich eine Möglichkeit habe, mich auch mal abzulenken, wenn zu viel Negatives in meinem Bewusstsein ist oder ich zu sehr ins Grübeln komme. Da hilft Sport, etwas Schönes machen, einen Freund oder eine Freundin anrufen. Oder planen. Vorfreude steigert nämlich die Ausschüttung des Wohlfühl-Hormons im Kopf.