Stuttgarter Psychologe im Gespräch Wie kann ich mit Narzisst:innen umgehen?
Im Interview sprechen wir mit dem Stuttgarter Psychologen Leon Schäfer über Narzissmus und klären die Frage, ob wir nicht alle ein bisschen narzisstisch sind.
Im Interview sprechen wir mit dem Stuttgarter Psychologen Leon Schäfer über Narzissmus und klären die Frage, ob wir nicht alle ein bisschen narzisstisch sind.
In Zeiten der permanenten Selbstdarstellung, zum Beispiel durch Social Media oder im Job, stellt sich die Frage, ob wir nicht alle ein bisschen narzisstisch sind. Doch ab wann gilt man eigentlich als Narzisst:in und wann wird die übermäßige Selbstverliebtheit zur Gefahr? Wir haben uns mit dem Stuttgarter Psychologen Leon Schäfer zum Interview getroffen und mit ihm über die verschiedenen Facetten des Narzissmus gesprochen.
Narzissmus ist eine Persönlichkeitskomponente. Narzisstische Menschen verhalten sich sehr selbstbezogen und halten sich für sehr besonders oder für wertvoller als andere Menschen. Dieser Persönlichkeitsaspekt schließt ein, dass Menschen mit narzisstischen Anteilen sehr gerne im Vordergrund stehen und extrem nach Anerkennung lechzen. Ihr Auftreten erscheint uns oft arrogant oder überzogen selbstbezogen. Oft dominiert auch eine Selbstüberschätzung. Man hat das Gefühl, bei sehr narzisstischen Menschen ist der Sollwert etwas verrutscht. Sie empfinden sich als großartig und zeigen wenig echte Empathie. Das Verhalten ist oft sehr künstlich und meist nur auf den eigenen Vorteil ausgerichtet. Narzissten manipulieren andere gerne und haben ein sehr gutes Gespür dafür, wer sich als „Opfer" zur Verfügung stellt.
Es geht nicht darum, ob wir nicht alle etwas narzisstisch sind. Denn die meisten Menschen haben narzisstische Anteile. Mal mehr mal weniger. Ein Comedian im Fernsehen ohne narzisstische Anteile - da würde die Sendung wenig Spaß machen. Es geht auch nicht darum, ob ich Anteile habe, sondern wie ich sie einsetze und ob ich die Möglichkeit habe, sozusagen den "Regler" zu verstellen oder ob sich der auf dem Maximum festgesetzt hat.
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Die Ausprägung macht das Problem. Es gibt die Theorie, dass Narzissmus angeboren ist. Narzissten fehlt die echte Empathiefähigkeit. Und um ihre Ziele zu erreichen, ist ihnen fast jedes Mittel recht. Einer narzisstischen Mutter geht es im Grunde genommen nicht um das Wohlergehen ihrer Kinder, sondern um den Wert, den sie ihr geben. Zum Beispiel dadurch, dass sie studiert haben, nun in einer Führungsposition sind oder ein Instrument besonders gut spielen.
Auch einem narzisstischen Chef oder einer narzisstischen Chefin geht es um das Erreichen seiner oder ihrer Ziele. Koste es, was es wolle. Der einzelne Mensch spielt eher keine Rolle, sondern das, was ich für mich „rausholen" kann. Dabei ist Manipulation ein großes Thema. Und das Einreden, dass das Gegenüber die Realität falsch wahrnimmt. Ein böses Spiel, das zu toxischen Beziehungen führt.
Mit Menschen mit Narzissmus - so wird oft geraten - sollte man gar nicht umgehen. Ein bekannter Narzissmus-Forscher meinte in einer Veranstaltung: "Nehmen sie Anlauf und rennen sie weg!" Ich sehe das etwas differenzierter: Menschen mit einer narzisstischen Störung sind für mich Kunstwerke. Das heißt, kein Lob oder Tadel ist wirklich echt gemeint. Es ist immer nur Teil einer Strategie, einer Manipulationsstrategie. Aber in meinem Freundeskreis mag ich solche Persönlichkeitszüge eher nicht. Das ist nämlich super anstrengend. Und man erlebt sich permanent instrumentalisiert.
Da gehen die Meinungen auseinander. Auf der einen Seite ist noch nie jemand zu mir gekommen und hatte die Bitte, dass wir an seinem Narzissmus arbeiten. Das ist eher dann eine Depression oder ein Burnout, der die Betroffenen Hilfe suchen lässt. Und eine Persönlichkeitsstörung ist ja auch so definiert, dass der oder die Betroffene keine Einsicht hat, dass er oder sie das Problem sein könnte - warum sollte er oder sie dann etwas ändern wollen.