Millionen Menschen sind auf Social-Media-Plattformen unterwegs. Ob Netzwerke wie Facebook und Instagram oder Plattformen wie TikTok: Wir haben uns eine Welt aus einer endlosen Masse an Informationen, Videos, Bildern, Likes und Kommentaren erschaffen. Ein Leben ohne Social Media? Für die meisten Menschen unvorstellbar.
Ganze Berufsfelder sind durch Social Media neu entstanden, unsere Art zu kommunizieren hat sich grundlegend geändert und für viele ist Social Media eine riesige Inspirationsquelle und Bühne, um sich zu verwirklichen. Doch wie genau haben uns die sozialen Medien verändert, wenn sie eine so große Rolle in unserem Leben spielen? Wir haben den Stuttgarter Psychologen Leon Schäfer zum Interview getroffen.
Fast jeder ist auf Social Media unterwegs. Die Bilderflut in den Feeds, Stories, Likes und Kommentare sind ein großer Teil unseres Alltags geworden. Welche Auswirkungen hat Social Media dabei auf uns und unsere Psyche?
Social Media erfüllt erstmal viele verschiedene Funktionen in unserem Alltag: Ich kann mich einfach nur informieren; ich kann mit Freunden, Verwandten oder Kollegen in Kontakt bleiben und mit Menschen weltweit interagieren; ich kann die virtuelle Social Media-Welt dazu nutzen, negative Emotionen oder Lebenssituationen zu vergessen und mir positive Gefühle im Netz zu verschaffen, Gleichgesinnte suchen oder ich kann einfach nur Zeit totschlagen, weil mir langweilig ist.
Studien legen nahe, dass der Social Media-Konsum einen ziemlich großen Einfluss auf unsere Psyche hat. Aber diese Auswirkungen sind auch relativ komplex und können damit sowohl positiv als auch negativ sein.
Social Media-Plattformen sind ein fester Bestandteil unserer Meinungsbildung und Informationssuche. Während die oft sehr kurzgefassten und massenhaft zur Verfügung stehenden Informationen die Fähigkeit haben, uns Bestätigung oder ein Gefühl von Sicherheit zu geben, können sie in uns außerdem starke Emotionen, wie Wut oder Angst, hervorrufen, was auf Dauer natürlich nicht gesund ist.
Aber immerhin die Kommunikations-Komponente ist doch ein Vorteil?
Auch der Austausch mit anderen ist ein zweischneidiges Schwert. Zum einen bietet Social Media ein kreatives Ventil für Millionen von Nutzern und eine Möglichkeit, mit Freunden oder der Familie in Kontakt zu bleiben und sich mit einer weltweiten Community auszutauschen. Auf der anderen Seite stehen aber Hatespeech, Mobbing und die nervöse Suche nach Bestätigung durch meine Posts („wieso haben den bisher nur so wenige Leute geliked?“).
Gerade der Vergleich mit anderen über die Plattformen ist ein Kampf, den man nur allzu oft verliert. Alles was online gestellt wird, ist auf irgendeine Art „gefiltert“ – entweder durch Kamera-Filter, Inszenierung oder die gezielte Auswahl dessen, was man zur Schau stellt. Klar ist, dass niemand aussieht wie ein Instagram Filter, und dass auch Influencer einen Alltag haben, der nicht online gezeigt wird. Das ist uns aber oft nicht bewusst. Wenn ich mich mit diesem selektiven öffentlichen Bild vergleiche, kann ich nur verlieren und deshalb bewirkt Social Media bei vielen einen Verlust an Selbstbewusstsein. Gerade während des Lockdowns war der Kontrast zwischen dem eigenen sehr reglementierten Leben hier und dem der Stars, die ihre Netzwerke und finanziellen Mittel eingesetzt haben, um anderswo lockerere Bedingungen zu nutzen, besonders groß.
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Aber warum vergleichen wir uns via Social Media so sehr mit anderen Menschen, mit denen wir uns im realen Leben vermutlich niemals vergleichen würden?
Im echten Leben hätten wir mit den meisten Menschen, die in den sozialen Medien aktiv sind, ja gar keinen Kontakt. Oder wir würden sie in der Realität vielleicht von einer ganz anderen Seite sehen oder ein vollständigeres Bild ihrer Person und ihres Lebens bekommen. Wenn ich jedoch im kalten Deutschland in meiner Zweizimmerwohnung im Lockdown sitze und nicht raus darf und versuche, meinem Tag ein Highlight mit Social Media zu verschaffen, ist es mega frustrierend, wenn ich Influencer sehe, die im sonnigen Dubai mit Sonnenbrille am Strand ohne Maske sitzen und ihren Cocktail schlürfen. Oder Stars, die Geburtstage mit zig Gästen am feinen Sandstrand auf den Philippinen feiern. Da ist es schwierig, meine eigene Situation nicht zu vergleichen, was meine Bewertung der eigenen Situation natürlich nur noch negativer macht.
Kann man sagen, dass immer mehr Menschen süchtig nach Instagram, TikTok und Co. sind?
Davon ist wahrscheinlich auszugehen, da die Menschen generell mehr Zeit online verbringen und im Lockdown vor allem mangels Alternative verbracht haben. Exzessiver Social-Media-Konsum betrifft allerdings nicht nur Jugendliche, sondern genauso Erwachsene.
Da Social Media eine Möglichkeit bietet, sozialen Anschluss zu finden und der eigenen Welt eine Zeit lang zu entfliehen, sind (und waren wohl vor allem auch während der Pandemie) diejenigen Menschen sehr anfällig für exzessiven Social Media-Konsum, die sich in sehr stressigen Lebenssituationen befanden oder sich sehr einsam oder gelangweilt gefühlt haben. Einige Untersuchungen weisen darauf hin, dass darüber hinaus die, die sich sozusagen Bestätigung für ihre Pandemie-assoziierte politische Meinung beschafft haben oder Informationen über Covid (Inzidenzen, Entwicklungen) gesammelt haben, wesentlich mehr Zeit als sonst online verbracht haben. Das Gefährliche daran ist, dass ich in den sozialen Medien die Zeit und die Welt um mich herum völlig vergesse – während ich die Likes zähle oder gleich in das sogenannte „Rabbithole“ falle, oder ich mich in den Posts über eine "Impfpflicht" oder in den Kommentarspalten meiner Lieblingsseite von Kommentar zu Kommentar hangele. Gerade Menschen, die dafür anfällig sind, sollten wissen, wann für sie genug ist. Denn die Apps sind vor allem darauf optimiert, genau diesen Effekt zu haben, um die User so oft wie möglich wieder online zu bringen.
Wie kann ich herausfinden, ob ich süchtig bin?
Wenn ich wissen möchte, ob mein Social Media-Konsum problematisch sein könnte, ist es wichtig, mein Verhalten auf folgende Punkte zu überprüfen: Verbringe ich gefühlt zu viel Zeit mit Social Media, oder damit, daran zu denken? Verbringe ich immer mehr Zeit damit, auf Instagram & Co. meinem Alltag zu entfliehen und mir Glücksgefühle online zu suchen? Schaffe ich es nicht, das Handy (auch einmal für längere Zeit) beiseite zu legen, auch wenn ich es eigentlich sollte/wollte? Fühle ich mich ohne Social Media unwohl beziehungsweise innerlich unruhig? Leiden andere Tätigkeiten unter meinem Social Media-Konsum?
Wenn ich wissen möchte, ob mir (so viel) Social Media wirklich guttut, kann ich mir folgende Fragen stellen: Macht mich Social Media glücklich, oder doch eher nervös und depressiv? Schadet mein Social Media-Gebrauch meinem Selbstbild, der Erledigung meines Alltags, meiner Beziehung, meiner Fähigkeit, den Moment zu genießen? Opfere ich meinen Schlaf für Social Media? Schlage ich zu viel Zeit einfach nur tot und bin abends unzufrieden, dass ich nichts geschafft habe? Vernachlässige ich andere Ziele oder Pflichten?
Wie genau hat uns Social Media in der Pandemie noch beeinflusst?
Wie schon erwähnt ist der Einfluss von Social Media auf unsere Psyche während der Pandemie komplex und noch nicht ausreichend erforscht. Es gibt jedoch viele Beispiele dafür, wie sich Social Media positiv auf unsere Psyche ausgewirkt hat, vor allem durch den aktiven Austausch mit Anderen. Teilweise war es die einzige Möglichkeit, mit denen, die uns wichtig sind, in Kontakt zu bleiben. Viele haben ihre Kreativität wiederentdeckt und zum Beispiel angefangen Videos zu drehen. Konzerte konnten live übertragen werden, Langeweile totgeschlagen und Hilfsangebote für Ältere organisiert werden.
Die sozialen Medien boten vielen Menschen das Gefühl, Teil einer Community zu sein, die verbunden ist durch die gemeinsame schwierige Situation. Erkrankte, Überlebende und Hinterbliebene konnten ihre Geschichten teilen und verarbeiten, es wurde viel über psychische Gesundheit oder Gewalt aufgeklärt und diskutiert. Social Media bot eine Möglichkeit, sich zu informieren und zu schützen, und damit die Ungewissheit und Angst vor potentieller Gefahr zu mindern.
Jedoch gibt es auch Faktoren, die sich nicht so positiv auf die Psyche ausgewirkt haben, denn Social Media ist auch ein Risikofaktor für Ängste, Stress oder Wut. Pandemie-bezogene Beispiele hierfür sind der Vergleich mit dem geschönten Leben anderer während des Lockdowns und die Menge an Spekulationen, Fehlinformationen und grausamen visuellen Eindrücke aus Krisengebieten, die zu massiver Angst, Stress und Wut in der Bevölkerung geführt haben.
Macht Social Media auch einsam?
Einsamkeit und Depression wird häufiger bei jungen Erwachsenen festgestellt, die massiv viel Zeit auf den Social Media-Plattformen verbringen. Social Media kann zwar kurzfristig dabei helfen, das Bedürfnis, Teil einer Gruppe zu sein, zu befriedigen und von Alltagstress und Isolation abzulenken. Jedoch ist es auf Dauer kein Ersatz für echte Interaktionen und kann bewirken, dass negative Gedanken und das Gefühl der Einsamkeit auf lange Sicht eher verstärkt werden. Gerade dadurch kann man in einen Teufelskreis geraten, in dem Social Media exzessiv als Strategie benutzt wird, um sich besser zu fühlen, man es aber nicht schafft, seine Gefühle zu verbessern, und man dadurch tiefer in den Teufelskreis gerät, weil man es sozusagen immer wieder probiert.
Wie hat Social Media generell unsere Art zu kommunizieren verändert?
Generell ist Sprache kürzer geworden, da Inhalte auf weniger Worte zusammengefasst werden. Die Kommunikation ist bildhafter geworden (Memes, Emojis, GIFs, „Daumen Hoch“). Unser Umgangston ist rauer und enthemmter geworden, da der, den es betrifft, in den sozialen Medien oft entweder anonym bleibt oder sich zumindest nicht im gleichen Raum befindet. Menschen gewöhnen sich immer mehr an diese Art der Kommunikation: Anrufe sind seltener geworden, man textet nur noch oder verschickt Bilder oder Videos, und das teilweise mit dem Empfänger im gleichen Zimmer oder wenn man in der S-Bahn nebeneinander sitzt.
Was tun, wenn man merkt, dass einem Social Media nicht guttut?
Natürlich ist es schwierig, Social Media einzuschränken oder sogar nicht mehr zu nutzen. Und um das Nicht-Mehr-Nutzen geht es vielleicht auch gar nicht. Jede Medaille hat immer zwei Seiten. Viele von uns haben das Bedürfnis, am Leben anderer teilzuhaben und ihres zur Schau zu stellen. Nicht jeder, der die sozialen Medien nutzt, ist davon abhängig. Und aus der Werbung ist Social Media ja nicht mehr wegzudenken. Auch die Polizei nutzt Social Media, um Informationen schnell und effizient zu verbreiten. Und während des Lockdowns fanden Opernaufführungen über die Plattformen statt oder Zaubershows. Viel Kulturelles war über Social Media möglich. Die sozialen Medien haben also definitiv ihre positiven und nützlichen Funktionen.
Ob man das gut findet oder nicht, ein großer Teil des sozialen Lebens spielt sich über Social Media ab und es ist oft die einzige Möglichkeit, Beziehungen aufrechtzuerhalten – ich persönlich habe (eher ungewollt) mehr als eine Handvoll Messengerprogramme und Accounts, nur um mit den verschiedensten Freundesgruppen, die über die ganze Welt verteilt sind, in Kontakt zu bleiben. Manche mögen Facebook nicht, wollen nur über Signal kommunizieren, andere schwören auf Threema und wieder andere nutzen Instagram.
Welche Alternativen gibt es?
Wer ohne Social Media leben will, muss sich andere Kanäle suchen: Telefon, Mails, Postkarten. Auf der anderen Seite schließt der- bzw. diejenige sich aus einem großen Teil der heutigen Welt aus. Manche Restaurants haben ja sogar ihre Menükarten nur noch auf Facebook, in manchen Kinos sucht man lange nach der Alternative, Karten zu buchen, wenn man Social Media nicht nutzt. Ich kenne einige, die bewusst ohne Messenger-Apps leben und immer zum Hörer greifen, wenn es etwas zu berichten gibt. Ich bewundere das. Mir wäre das zu anstrengend. Es ist bestimmt sinnvoll, ein Auge darauf zu haben, ob mir bestimmte Apps guttun und wie viel Zeit ich mit ihnen verbringe. Und vor allem, ob es dazu einen kreativen, sportlichen oder sonstigen Ausgleich gibt.
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Manche Situationen sind zugegebenermaßen schon gewöhnungsbedürftig: Setzen Sie sich mal in eine U-Bahn oder an den Flughafen. Es gibt dort kaum noch Menschen, die einfach dasitzen und dem Geschehen zuschauen oder sich unterhalten, eine Cola trinken oder ein Buch lesen. Die meisten hängen am Smartphone oder schießen geschäftig Bilder, damit die anderen wissen, was sie gerade tun. Letztlich geht es doch darum, die Zeit, die ich in online verbringe, mit den anderen Dingen, die ich tue, „verhältnismäßig“ zu halten. Und, wann immer es möglich ist, mit Menschen den direkten Kontakt zu pflegen. Zeit in Apps zu investieren, nur um Zeit totzuschlagen, ist eher kontraproduktiv.
Wichtig ist, sich immer wieder kritisch zu hinterfragen und zu beobachten und immer wieder neu zu entscheiden, was ich nutzen will, was für mich wichtig ist oder nicht, um dann auch konsequent die Apps löschen, die ich nicht nutzen möchte. Und sich natürlich der Filter bewusst zu sein, mit denen Instagram & Co. uns eine ganz andere Welt vorgaukelt, sodass ich die Bezugspunkte für meine Bewertungen „gesund“ setze. Wenn ich mich bewusst dazu entscheide, bei der Arbeit, in produktiven Phasen, abends oder nachts nicht permanent mit einem Auge am Smartphone und auf Social Media zu sein, glaube ich, bin ich auf einem guten Weg.