ADHS wird erst seit einigen Jahren auch als eine Erkrankung des Erwachsenenalters wahrgenommen. Doch was genau passiert mit uns, wenn Chaos im Kopf herrscht und warum ist es so wichtig, darüber zu sprechen? Im Interview erklärt der Stuttgarter Psychologe und ADHS-Spezialist Leon Schäfer, wie wir mit dem Thema ADHS umgehen sollten.
Herr Schäfer, was genau ist ADHS?
ADHS steht für "Aufmerksamkeits-Defizit-Hyperaktivitäts-Störung" und war früher vor allem als Kinderdiagnose bekannt, da man davon ausging, es würde sich größtenteils verwachsen. Heutzutage weiß man, dass dies nicht der Fall ist und sich ADHS im Erwachsenenalter anhand von drei Symptomgruppen zeigt: Erstens, die Unaufmerksamkeit. Wie der Name schon sagt, ist ein Hauptmerkmal von ADHS ein Problem mit der Konzentration und der Ausdauer. Dazu sind Menschen mit ADHS oft schnell ablenkbar, zerstreut, vergesslich, gehen Aufgaben oft unkonventionell und/oder unstrukturiert an und tendieren zu „geordnetem Chaos“.
Hinzu kommt oftmals ein Problem mit Impulsivität, also vor allem Probleme mit dem Warten oder „sich zurückhalten können“ und dem Erreichen von Langzeitzielen. Menschen mit ADHS treffen oft die falsche Entscheidung, wenn es darum geht, auf ein abstrakteres oder längerfristiges Ziel (rechtzeitig) hinzuarbeiten und dafür ein Verhalten zu unterbinden, das kurzfristig attraktiver erscheint. Diese Fähigkeiten ist bei Erwachsenen sehr wichtig und wird beispielsweise benötigt, um Geld anzusparen, gesund zu Leben oder riskantem Verhalten aus dem Weg zu gehen - zum Beispiel impulsives Autofahren oder Extremsport.
Bei ADHS denken auch viele an hibbelige "Zappelphilipps".
Ja, denn die dritte Gruppe fällt durch Hyperaktivität auf. Während Kinder oft durch einen sehr großen Bewegungsdrang auffallen, verwächst sich diese Tendenz bei Erwachsenen oft in eine innere Unruhe und ein „nicht-abschalten-können“, was sich wiederum oft durch Dinge wie Zappeligkeit und schnelle Langeweile bemerkbar macht.
Muss man alle Symptome haben, damit ADHS diagnostiziert wird?
Nicht all diese Symptome müssen gleichermaßen vertreten sein, damit ADHS vorliegt. Dazu kommen Probleme, die nicht nur Menschen mit ADHS betreffen, aber dennoch öfter als normal vorkommen. Dazu gehören: problematische Kontrolle der Gefühle (zum Beispiel niedrige Frustrationstoleranz, überreagieren oder emotionale Achterbahnfahrten), ein schlechtes Gefühl für Zeit (inklusive Stress am Morgen oder chronischer Unpünktlichkeit), Hypoaktivität (wie Antriebslosigkeit und Tagträumen) oder die chronische „Aufschieberitis“.
Wie merke ich, dass ich ADHS habe?
Wenn diese Verhaltensweisen sich schon immer wie ein roter Faden durch mein Leben ziehen und mich immer wieder daran hindern, meine Ziele zu erreichen. Wenn es mir beispielsweise extrem schwer fällt, im Haushalt, Arbeitsplatz oder Auto Ordnung zu schaffen und diese vor allem auch beizubehalten, ohne immer wieder in Unordnung zu versinken. Wenn es mir schwerfällt, überhaupt einmal in Fahrt zu kommen oder ich am Ende des Tages oder im Urlaub nicht abschalten kann und immer „on-the-go“ bin. Wenn ich sehr viel Energie dafür brauche, anstehenden Aufgaben oder Zielen aus dem Weg zu gehen oder diese zu verdrängen. Wenn ich Termine oftmals vergesse und mich schwer tue, pünktlich und stressfrei dort zu erscheinen.
Dabei betrifft Unordnung, Aufschieberitis und impulsives Handeln nicht nur berufliche Ziele, sondern auch Beziehungen, Finanzen, meinen Haushalt, meine Freizeitgestaltung. Ein Hauptmerkmal von ADHS ist auch, dass die Leistung extrem von Motivation abhängig ist, und daher in manchen Bereichen des Lebens Topleistungen möglich sind, es aber extrem schwierig und anstrengend ist, sich dafür zu motivieren, rechtzeitig mit aufwandsintensiven, langweiligen, zähen oder sonst irgendwie nervigen Aufgaben anzufangen oder diese zu Ende zu bringen. Oft scheint das Gehirn nur mit äußerem Druck anzuspringen oder Deadlines werden verfehlt. Das ist von außen oft schwer verständlich und sieht oft aus wie „könnte, will aber nicht“ – ist aber meistens ein „ich würde gerne, bekomme es aber irgendwie nicht hin“.
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Warum sollten wir als Gesellschaft mehr über ADHS sprechen?
Dafür gibt es viele verschiedene Gründe. Zum einen ist ADHS relativ häufig in unserer Gesellschaft vorhanden – während Schätzungen oft stark schwanken, sind es um die 3-5 Prozent aller Erwachsenen. Zum anderen kann unerkanntes und unbehandeltes ADHS eine starke Einschränkung der Lebensqualität Betroffener darstellen und kommt über die Entwicklung oft Hand in Hand mit anderen psychischen Phänomenen wie Depressionen, Ängste oder Suchtthematiken daher.
Das ist nicht weiter verwunderlich. Wenn mir selbst die Ursache für das häufige Aufschieben und Verfehlen meiner persönlichen Ziele nicht bekannt ist, ist es schwierig, dies nicht allzu sehr in mich hineinzufressen. Dabei entstehen sehr häufig tief verankerte Überzeugungen über mich selbst, wie „ich muss wohl dumm sein“, „ich kann das halt nicht“ oder „ich bin eben faul“.
Haben wir zu viele Vorurteile, wenn es um ADHS geht?
Ja, es gibt leider immer noch große Missverständnisse und Stigmata in der Gesellschaft. Viele denken, ADHS sei eine Erfindung der Pharmaindustrie, um quengelnde Kinder ruhig zu stellen oder sei schlicht "Faulheit“, verminderte Intelligenz oder ein Zeichen schlechter Erziehung. Die Wissenschaft und meine Erfahrung als Therapeut zeigen jedoch, dass dies absolut falsch ist und ADHS nichts mit diesen Faktoren zu tun hat.
Sondern?
ADHS ist fest in der Biologie eines Menschen verankert und kann zum Beispiel klar auf Abweichungen im Belohnungszentrum des Gehirns (vor allem dem Dopaminkreislauf) zurückgeführt werden. Nichtsdestotrotz ist die Entwicklung eines Kindes extrem wichtig und je früher man solche Probleme erkennen und angehen kann, desto bessere Systeme können sie sich zurechtlegen, mit der eigenen Verhaltensweise klarzukommen. Und desto leichter haben es Menschen als Erwachsene. Gerade Frauen werden übrigens oft erst sehr spät oder nie diagnostiziert.
ADHS zu haben, heißt also nichts anderes, als bestimmte Verhaltensmuster an den Tag zu legen, die mir Probleme bereiten und die ich nicht loszuwerden scheine. Es muss auch nicht immer ADHS sein. Denn während nur ein relativ kleiner Teil der Gesellschaft von ADHS betroffen ist, gibt es viele andere, für die zumindest Teilaspekte wie das Aufschieben auch schon problematisch sind.
Glücklicherweise zeigt uns die Praxis, dass sich dieses Stigma aber stetig zu bessern scheint, und Betroffene immer mehr anderen potentiell Betroffenen raten, sich Hilfe zu holen.
Wie sollte man betroffenen Menschen begegnen?
Erst einmal wie allen anderen – jeder, der diesen Artikel liest, kennt Menschen mit ADHS, ob diese es nun wissen oder nicht. Ein unvoreingenommenes Auseinandersetzen mit der Funktionsweise der anderen Person kann immens helfen. Die Probleme und Verhaltensweisen von Betroffenen sind von nicht-betroffenen Menschen oftmals schwer nachzuvollziehen. Es ist wichtig, zu verstehen, warum die Person so ist, wie sie ist. Warum manche Dinge besser funktionieren als bei anderen, während manche Sachen einfach so gar nicht klappen wollen und sich auf die Funktionsweise der Menschen empathisch einzustellen. Wer Menschen kennt, die unter diesen Problemen leiden, kann diesen auch empfehlen, sich online in das Thema einzulesen.
Welche Tipps haben Sie für Menschen mit ADHS?
Das wichtigste ist, die eigene Funktionsweise zu akzeptieren und Strategien zu entwickeln, wie diese kein Problem, sondern einen Mehrwert für mein Leben darstellen. Selbstoptimierung ist dabei ein Prozess und kann nicht von einem Moment auf den anderen passieren. Eine Diagnose ist oftmals der erste Schritt, diese zu verstehen und zielgerichtete Lösungen zu finden.
Welche positiven Aspekte gibt es?
Menschen mit ADHS sind unglaublich künstlerisch oder kreativ im Lösungen finden, denken outside-the-box, sind empathisch, können intuitiv und unter Druck handeln, sind Visionäre und treten für Gerechtigkeit ein. Sie sollten sich diese Stärken auch bewusst machen – und davon gibt es sehr viele.
Wichtig ist es, Dinge zu finden, für die man „brennt“ – dann steht einem nichts mehr im Weg, Topleistung zu erzielen. Viele der erfolgreichsten Menschen der Welt und vor allem auch immer mehr Influencer:innen reden inzwischen offen von ihrem ADHS. Firmen im Sillicon Valley suchen teils gezielt nach neurodiversen Menschen. Es gibt eine Vielzahl von Webseiten und eine riesige Online-Community anderer Betroffener mit genau denselben Problemen, mit denen man sich austauschen kann. Und es gibt Experten, die sich genau auf dieses Thema spezialisiert haben. ADHS-Medikamente (die vor allem der Unkonzentriertheit und Emotionalität entgegenwirken) gehören zu den besten Psychopharmaka schlechthin und können Wunder bewirken.