Auf 130 Stufen geht’s hinab zu dem kleinen Häusle im Grünen über Gablenberg, in dem Michael Branik, über Jahrzehnte eine prägende Stimme des Südwestens, und Bernd Reichel, ein früherer Chirurg, seit 1987 bei genialer Aussicht leben. Die Sonne scheint, der Frühling schnuppert rein ins lichtdurchflutete und gastfreundlich helle Heim eines Paars, das auch tiefdunkle Zeiten erlebt hat, die Reichel als „absoluter Horror“ bezeichnet. An der Sitzecke steht ein Fahrrad-Ergometer. Auf dem sitzt der frühere Moderator oft, weil er sich nicht damit abfinden will, dass der Schlaganfall, den er 2018 im Urlaub in Sri Lanka erlitten hat, ihn so sehr einschränkt. Meist siegt der Lebenswille! Am Montag wird Branik 70.
„Unseren Ruhestand hätten wir uns anders vorgestellt“
Der treppenreiche Zugang zu dem im Steilhang gebauten Domizil ist bereits ein Trimm-dich-Parcours. Wie oft er da am Tag auf- und abgeht? „So etwa viermal“, antwortet er. Man sieht, wie sich Michael Branik bemüht, die richtigen Worte zu treffen – und lächelt sogleich, weil’s geklappt hat. Denn es klappt nicht immer.
Wie unverschämt ist das Schicksal doch, wenn es ausgerechnet bei einem Radiomann, einem Meister des Worts, das Sprachzentrum im Gehirn zerstört! Weil seine rechte Hand spastisch gelähmt ist, kann er nicht mehr kochen, was seine zweite Leidenschaft gewesen ist und worüber er Bücher mit Rezepten geschrieben hat.
„Unseren Ruhestand hatten wir uns anders vorgestellt“, sagt Reichel. Beide wollten viel reisen, die Welt an verschiedenen Orten erleben, Branik freute sich darauf, die eine oder andere Moderation frei von Radiozwängen übernehmen zu können.
Es ist gekommen, wie es gekommen ist. Jetzt stehen beim Michi, wie sein Mann ihn nennt, Therapien, Übungen, Sportgymnastik auf dem Programm. Körperlich fit ist der gebürtige Amerikaner, der am Rosenmontag seinen 70. Geburtstag feiert und dazu mit seinem Partner und zwei Freundinnen zu seinem Lieblingsthailänder geht. Am Sofa führt der schlanke und jünger als siebzig wirkende Mann zum Beweis seiner Sportlichkeit mehrere Kniebeugen vor. Der Schalk blitzt immer wieder aus seinen Augen. Auch ohne große Worte ist er witzig.
„Die Schimpfworte hat er am besten drauf“
Seine Sprachbegabung, die ihn zeitlebens ausgezeichnet hat, könnte helfen, hatte ein Experte Hoffnung gemacht, dass er eines Tages wieder normal sprechen könne. Doch dieser Weg ist verdammt hart und sehr lang. „Scheiße“, sagt Michael Branik mehrmals. „Die Schimpfworte hat er am besten drauf“, wirft Reichel lächelnd ein, sein 1951 geborener Lebenspartner. Seit 1981 sind die beiden zusammen, seit zwei Jahren verheiratet.
Immer wieder steht Branik auf, um zu zeigen, was er nicht immer sagen kann. Er läuft etwa hin zum großen Plakat von Pavarotti, den er 1990 backstage in der Schleyerhalle getroffen hat und der ihm eine persönliche Widmung darauf geschrieben.
Michael Jackson hat er in Hockenheim getroffen, wovon er sogleich freudig berichtet. Und dann holt er seinen US-Ausweis. Noch immer ist es ihm nicht gelungen, die deutsche Staatsangehörigkeit zu bekommen. Seine Mutter war eine Deutsche, sein Vater ein Amerikaner. Die ersten zwei Jahre lebte die Familie in Pennsylvania. Danach trennten sich die Eltern, Michael Branik zog mit der Mutter in den 50ern nach Bad Mergentheim.
Das Radio stand bei ihm immer an erster Stelle
Die Mutter war’s, der er seine Radiokarriere verdankt. Heimlich hat sie 1976 eine Demokassette mit seiner Stimme zu einem Moderatorenwettbewerb geschickt. Den zweiten Platz belegte der damalige BWL-Student – von nun an ging es steil bergauf. „Bei Michi stand immer das Radio an erster Stelle“, sagt sein Mann.
Angefangen hat der junge Branik bei SDR 3, moderierte im regionalen Fernsehen, spielte bei der „Lindenstraße“ mit, kam vor 20 Jahren zu SWR 4, wo er mit Charme rasch zum Star wurde. Beliebt waren auch seine Reihe „Branik kocht“ und seine Außenmoderationen vor Zehntausenden von Fans in Stadien. Nervös sei er nie gewesen, sagt er. Auf privaten Festen aber sei Michi dann eher still gewesen, ergänzt der Ehemann.
Fast traumatisch hat sich eingebrannt, was Bernd Reichel in Sri Lanka erlebte, als Michael Branik den Schlaganfall ganz ohne Vorwarnung erlitten hat. „Du hast davon nichts mitbekommen“, sagt der Arzt.
Es war ein Kampf, bis es ihnen gelang, einen Flug in ein deutsches Krankenhaus zu ergattern. Beide sind an ihre Grenzen gestoßen. Den Lebenswillen habe der Moderator zeitweise verloren, aber sich doch immer wieder an kleinen Dingen aufgerichtet.
Ein Toupet trägt er nicht mehr
So wird der einst wortreiche Moderator auch mit wenigen Worten zum Vorbild, in keiner Lebenslage aufzugeben. Was ihm das kleine Glück beschert? Es ist vor allem die Musik, die er querbeet hört, von Helene Fischer bis Pavarotti, es ist die riesige Sammlung seiner Platten und CDs, in die er versinken kann, die schöne Aussicht aufs Neckartal, Spaziergänge und Treffen mit Freunden und früheren Kollegen, die starke Liebe zu seinem Mann, der immer zu ihm hielt. Ein Toupet trägt er nicht mehr wie zu seiner aktiven Radiozeit. Irgendwann kommt es nicht mehr auf Eitelkeiten an.
Seine frühere Chefin Carola Oldenkott nennt ihn eine Radiolegende. In der heutigen Zeit mit der Fülle der Digitalkanäle könne man sich diese Auszeichnung nicht mehr erarbeiten. Ob ihm der Begriff Radiolegende gefällt? Erst schüttelt Michael Branik bescheiden den Kopf und erntet Widerspruch der Anwesenden. Dann nickt er und bedankt sich. Diese Auszeichnung zeige doch, dass sich die viele Arbeit, die er immer geliebt hat, gelohnt hat. Sollte er mal wieder geknickt sein, muss er nur aus dem Fenster seines Häuschens schauen und die weite Sicht genießen. Dann weiß er: Das Leben und diese Welt sind trotz allem schön.