An den Schulen gebe es nicht nur Probleme, sondern auch viel Schönes, betont Isabelle Hagel. Foto: Lichtgut/Christoph Schmidt
Isabelle Hagel ist eine Netzwerkerin und möchte die Grundschulen in Stuttgart weiter voranbringen. Wichtig ist der Leiterin der Pragschule, dass Kinder, die Hilfe brauchen, diese auch schnell und unkompliziert bekommen.
Isabelle Hagel ist seit diesem Jahr die geschäftsführende Schulleiterin der Grundschulen in Stuttgart. Im Interview spricht sie über Herausforderungen und darüber, was sie sich von der Schulpolitik wünscht.
Frau Hagel, warum wollten Sie geschäftsführende Schulleiterin werden?
Weil ich als Schulleiterin die Erfahrung gemacht habe, dass es extrem positiv ist, in Netzwerken mit inner- und außerschulischen Partnern zusammenzuarbeiten, und dass man gemeinsam viel für die Kinder bewirken kann. Als geschäftsführende Schulleiterin habe ich die Möglichkeit, auf einer anderen Ebene noch mal einen Beitrag zur Vernetzung zu leisten, beratend tätig zu sein als eine Person, welche die Situation vor Ort und den Schulalltag kennt. Aktuell gibt es an den Grundschulen viele Entwicklungen und spannende Prozesse, da möchte ich gerne unterstützen.
Welche Themen treiben die Stuttgarter Grundschulen derzeit am meisten um?
Unser Kerngeschäft, nämlich guten Unterricht anzubieten, und die Unterrichtsentwicklung. Wir haben an den Stuttgarter Grundschulen eine große Vielfalt. Die Kinder kommen mit ganz unterschiedlichen Voraussetzungen in den Bereichen Lernen, Sprache aber auch in der emotionalen und sozialen Entwicklung in die Schule. Auf dieses Problem zielt die Bildungsreform ab. Deren Ziel ist es, dass alle Kinder einen guten Schulstart haben. Das Programm Sprachfit zum Beispiel läuft sehr gut an. Wir haben hier an der Schule auch zwei Sprachfördergruppen für Kinder im letzten Kitajahr. Wir freuen uns sehr, dass dieser Bereich ausgebaut wird.
Apropos Bildungsreform: Wie haben Sie die Diskussionen um die neuen Kompetenztests Kompass 4 und die neue Grundschulempfehlung erlebt?
Bei uns an der Schule war es kein großes Thema. Bei mir sind im Vorfeld zu Kompass 4 Fragen zur konkreten Umsetzung angekommen. Die habe ich gebündelt an das Schulamt weitergegeben, und sie sind dann zeitnah geklärt worden. Sonst gab es keine Aufregung. Wir hatten auch trotz Kompass 4 und der neuen Grundschulempfehlung vergleichbar viele Gymnasialempfehlungen wie in den Jahren zuvor.
Ministerpräsident Winfried Kretschmann und Kultusministerin Theresa Schopper haben im Januar die Pragschule besucht, um sich zu Themen rund um die Bildungsreform auszutauschen. Foto: Lichtgut/Zophia Ewska
Vor welchen Herausforderungen stehen die Grundschulen jenseits der immer größer werdenden Heterogenität der Schülerschaft?
Das ist ja schon ein riesiges Thema, das uns beschäftigt und wo wir gegensteuern müssen. Nicht nur mit Sprachfit, viele Stuttgarter Schulen profitieren auch vom Startchancenprogramm, andere Schulen haben noch finanzielle Mittel aus dem Programm Rückenwind zur Verfügung. Bei beiden geht es darum, Basiskompetenzen der Kinder zu fördern oder die Gemeinschaft und die Persönlichkeitsentwicklung zu stärken.
Was genau können Schulen mit dem Geld aus solchen Programmen machen?
Wir haben aus den Rückenwind-Mitteln zwei Lerntherapeutinnen finanziert und knüpfen jetzt mit dem Startchancenprogramm daran an. Wir haben eine pädagogische Assistentin, die Leseförderung an unserer Schule macht. Und wir haben ein Zirkusprojekt für die dritte Klassenstufe.
Was wünschen Sie sich von der Schulpolitik?
Es gibt in Stuttgart drei Modellprojekte, die Kinder mit Förderbedarf und inklusiv beschulte Kinder unterstützen, nämlich Südquadrat, Wolke 13 und Ellipse. Das Ellipse-Projekt ist bei uns an der Schule und für mich ein Herzensanliegen. Es zeigt, wie sinnvoll es ist, sich zu vernetzen. Unsere Partner sind die Albert-Schweitzer-Schule, die Stuttgarter Jugendhaus-Gesellschaft, das Beratungszentrum Mitte und die Evangelische Gesellschaft; die Abteilung Stuttgarter Bildungspartnerschaft moderiert.
Worum geht es in diesem Projekt?
Über dieses Projekt finanzieren wir mit zwei 50-Prozent-Stellen unsere Ellipse-Fachkräfte. Sie sind für die Kinder im Unterricht und im Ganztag da und können individuell unterstützen, wenn jemand überfordert ist. Es ist ein ganz niederschwelliges Angebot, man muss keine langen Formulare ausfüllen oder Atteste bringen. Die Kinder bekommen Hilfe, wenn sie es brauchen.
Und Ihr Wunsch ist?
Dass diese Modellprojekte regelfinanziert werden und weiterlaufen können, und dass es künftig für alle Grundschulen in Stuttgart solche Projekte gibt. Bisher sind es oft lange Prozesse, bis Kinder, die in eine Krise geraten oder einfach ihr Päckchen zu tragen haben, mit der entsprechenden Diagnostik Hilfe bekommen. Mit diesen Projekten aber werden sie zeitnah unterstützt. Das ist sehr wertvoll für den Unterrichtsalltag und die Kinder.
Warum sind Sie trotz all dieser Herausforderungen gerne Lehrerin?
Weil jeden Tag viele tolle Sachen an der Schule passieren. Es gibt nicht nur Probleme, sondern auch so viel Schönes: Kinder, die fröhlich lachen und spielen, die stolz sind, weil sie gerade große Fortschritte im Lesen machen, die einfach Lebensfreude mitbringen. Schule ist für mich ein positiver Ort. Die meisten Kinder gehen gerne zur Schule – und ich übrigens auch.
Zur Person
Isabelle Hagel Die 46-Jährige besuchte das Philipp-Matthäus-Hahn-Gymnasium in Echterdingen. Nach dem Abitur studierte sie an der Pädagogischen Hochschule Ludwigsburg, ihr Referendariat absolvierte sie in Gammertingen auf der Schwäbischen Alb. Seit 2003 ist sie Lehrerin in Stuttgart. Zunächst war sie an der Rosenschule, wechselte dann zur Pragschule, wo sie seit 2019 Rektorin ist.
Geschäftsführende Rektorin Als geschäftsführende Rektorin ist Isabelle Hagel für Themen zuständig, die alle Stuttgarter Grundschulen betreffen und einheitlich behandelt werden sollten. Grundlage ist Paragraf 43 des Schulgesetzes.