Stuttgarter Schauspiel zeigt „Tartuffe“ Gewogen und zu schwer befunden

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Und schlussendlich ist der Dumme hier auch gar nicht der Dumme. Vielmehr fragt Bauers Inszenierung zu allererst, warum sich ein derart wohlhabender Bürger wie der Monsieur Orgon überhaupt freiwillig in die Hände eines derartigen Radikalen wie dem Tartuffe begibt. Weswegen gleich zu Beginn des Abends Monsieur Orgon sozusagen als Mann von der Stuttgart-Mannheimer zwar im feinen Zwirn, aber doch mit rot geweinten Augen direkt von der letzten Bonusreise an die Bühnenrampe schwankt – ein frustrierter, vom Alltagskampf oder was auch immer leer gelutschter Endvierziger, der eigentlich alles hat, um gut situiert zu sein – Familie, Putzfrau, schicke Möbel, teure Kunst –, und der doch trotz alledem mitten im fiesesten Burn-out steckt und aktuell nur noch eine Hoffnung hat: nämlich seine frisch entdeckte Liebe zu jenem Tartuffe, der mit Wort und Tat und mit jedem seiner kompromisslos wuchernden Brusthaare wahnsinnig radikal dafür einsteht, dass da irgendwo ganz tief im Leben noch ein anderes Quäntchen Sinn steckt, das man nur ordentlich mit dem doppelt gehaltenen Hosengürtel aus den Gliedern peitschen muss.

Haben wir schon erwähnt, dass wir all die bis hier erwähnten Fragen von Claudia Bauer und die damit verbundene neue Perspektive auf das Stück sehr interessant finden? Doch, das sind sie. An den Fragen scheitert dieser Abend nicht. Wohl aber an der Durchführung. Denn die geht auf die Dauer nicht an, sondern auf die Nerven.

Unter der Last ihrer Thesen bricht die Inszenierung zusammen

Um die Verhältnisse nämlich unmissverständlich deutlich zu machen, sind nicht nur die Kostüme so, siehe oben, wie sie sind. Claudia Bauer lässt auch alle Akteure auf der nach unten, oben, links und rechts fest abgegrenzten, ansonsten leeren Bühne beständig im Borderline-Modus agieren. Es wird geschrien, gekreischt, geschliddert und gegrapscht, was Knochen und Stimmbänder nur gerade hergeben. Das führt bei einigen der Akteure, insbesondere der starken Sophie Basse als Gattin und der wie immer zum Vor-Lachen-unter-den-Klappstuhl-Rutschen-komischen Catherine Stoyan als Dienstmädchen zu Kabinettstücken exaltierter, aber reiner Schauspielkunst. Auch wird an Situationskomik nicht gespart. Aber es führt zu keinem Großen und Ganzen. Es verbleibt im Drolligen. Es verpufft.

Es verfehlt vor allem den Schlag in die Magengrube des Zuschauers, sinnbildlich gesprochen, weil an den zwei zentralen Punkten die Konstruktion schlicht nicht aufgeht: Boris Koneczny als Orgon wird an diesem Abend in seiner schlaffen, waidwunden Wehleidigkeit nie mehr als ein armer Wurm. Und Benjamin Grüter als Tartuffe kann seinem Predigeramt zwar zweifellos Esprit verleihen. Aber um uns seinen Rang als heimlicher Engel des Abends vor Augen zu führen, muss ihn die Theatermaschine zum Schluss dann doch mit weißen Flügeln und am Haken durch die Lüfte hieven. Spätestens hier bricht die Inszenierung unter der Last ihrer Thesen ächzend zusammen, und dies nicht nur sinnbildlich. Ein Staatstheater mehr hat sich am „Tartuffe“ versucht. Und es ward gewogen und für zu bleiern schwer befunden.

Großer Beifall des Publikums im Nationaltheater. Insofern hat sich der Ausflug gelohnt. Und wer weiß, ob diese Inszenierung jemals heimkehrt.




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