Stuttgarter Schauspiel zeigt „Tartuffe“ Das Drama mit der Sinnsuche

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Jetzt feiert das Staatsschauspiel Stuttgart seine Premieren schon in Mannheim: Claudia Bauer beschert dem dortigen Nationaltheater einen zwielichtigen „Tartuffe“.

Behaupte bitte niemand, diese Predigt sei nur schwer zu verstehen: Benjamin Grüter als Tartuffe. Foto: Christian Kleiner
Behaupte bitte niemand, diese Predigt sei nur schwer zu verstehen: Benjamin Grüter als Tartuffe. Foto: Christian Kleiner

Stuttgart - Zunächst mal die brennendste Frage: Warum zeigt das Staatstheater Stuttgart seine neueste Produktion nicht in Stuttgart, sondern in Mannheim? Das liegt an der Stuttgarter Baumisere. Wir erinnern uns: Als das hiesige Staatstheater zu Beginn des Jahres sein frisch renoviertes Schauspielhaus wieder bezog, stellte es fest, dass es darin vorn und hinten und oben und unten nicht funktionierte. Also zog man kurz darauf gleich wieder aus und um in die Spielstätte Nord, musste dafür aber am Spielplan noch mal kräftig herumdoktern. In einem Fall hat nun selbst das Herumdoktern nicht geholfen: Claudia Bauers Konzeption für Molières Komödie „Tartuffe“ war schon so weit gediehen, dass man sie ohne Guckkastenbühne in die Tonne hätte drücken müssen. Oder eben zur Abwechslung andernorts präsentieren.

Und so kommen die Stuttgarter nach Mannheim, denn die Kollegen vom Nationaltheater dort waren bereit, der Inszenierung Gastrecht zu gewähren (wovon sie ja auch spielplantechnisch etwas haben). Und vielleicht wird der „Tartuffe“ im Frühjahr 2013, wenn das Stuttgarter Schauspielhaus doch noch fertig renoviert ist, dorthin übernommen. Aber nur ganz vielleicht. Denn das setzte ja voraus, bei der Renovierung des Schauspielhauses un­ter Aufsicht des Finanzministeriums liefe plötzlich alles nach Plan. Hüstel, hüstel. Alles klar?

Der Haustaliban bekommt Tochter und Besitz

Im Grunde sind die Verhältnisse bei den Stuttgarter Großbauprojekten so klar wie in Molières Meisterwerk „Tartuffe“ – auf dem Papier. Wer die fünf Akte als Text studiert, hat von den ersten Sätzen an ein glasklares Bild: Da ist der wohlhabende Pariser Bürger Orgon, der sich aus purer Dummheit in die geistigen Fänge eines frommen Mannes begibt, eben jenes Tartuffe, ihn sogar ins Haus aufnimmt und überhaupt nicht bemerkt, so direkt am Busen einen Lügner und Heuchler zu nähren, der es selbst ganz real doch nur auf den Busen der Dame des Hauses abgesehen hat. Und obwohl Gattin und Sohn und Tochter und Dienstmädchen und Schwager die ganze Zeit rufen: „Orgon, Orgon, wach auf, nimm Vernunft an!“, vermacht Orgon seinem Haustaliban nicht nur Tochter und Besitz, sondern verrät ihm gar politisch verfängliche Geheimnisse. Summa summarum sind bei Molière somit auszumachen ein Böser, ein Dummer, ganz viele Gute sowie reichlich lustige Stellen und ein märchenhafter Schluss.

Klar: so einfach zeigen die Stuttgarter den „Tartuffe“ natürlich nicht; sie sind und bleiben auch im National- ein Staatstheater. Bei Claudia Bauer sind darum erstens die Guten überhaupt nicht gut; die ganze Verwandtschaft von Ehefrau bis hin zum Schwager entpuppt sich vielmehr als geld- und luxusgeile Bagage, die Andreas Auerbach (Bühne und Kostüme) zwecks weiterer Verdeutlichung des Gedankens in lächerliche Klamotten steckt. Zum zweiten ist im Stuttgarter „Tartuffe“ der Böse nicht böse, sondern ein wohlgestalteter und dynamischer Kerl, der mit seiner ultimativen Sinnsuche bei vollem Körpereinsatz die ganze feine Gesellschaft einerseits abstößt, aber doch andererseits auch wieder verwirrt und fasziniert.




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