Stuttgarter Schauspielbühnen Manfred Langer geht 2019

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Der Intendant der Stuttgarter Schauspielbühnen räumt 2019 seinen Posten. Aber warum kündigt er seinen Abschied gerade jetzt an, da auf dem Spielplan eine der besten Produktionen jüngerer Zeit überhaupt steht?

Manfred Langner will sich beruflich neu orientieren. Foto: Lichtgut/Max Kovalenko
Manfred Langner will sich beruflich neu orientieren. Foto: Lichtgut/Max Kovalenko

Stuttgart - Warum geht er? Und ausgerechnet jetzt? Die Mitteilung der Stuttgarter Schauspielbühnen, ihr Intendant Manfred Langner würde im Sommer 2019 seinen Posten räumen, sorgte allenthalben für Erstaunen. Die Begründung, zehn Jahre Theaterleitung seien genug, die Kunst lebe von Abwechslung, klang zwar durchaus ehrenhaft. Aber steht das Haus mit seinen zwei Spielstätten, einer treuen Abonnentengemeinde, soliden Zahlen und einem abwechslungsreichen Spielplan nicht glänzend da? Und hat die Leitung früherer Patriarchen mit weniger soliden Zahlen und weniger abwechslungsreichen Spielplänen nicht viel länger gewährt?

Also, warum geht er nun? „Es schmeichelt natürlich, wenn man das jetzt abends in der Pause von Zuschauern gefragt wird“, antwortet Langner in seinem kleinen, charmant verwinkelten Intendantenbüro ganz oben unterm Dach im Jugendstilgebäude an der Kleinen Königstraße 9. „Und es bewegt mich auch, wenn der Betriebsrat unseres Hauses auf meine Entscheidung hin betroffen reagiert. Aber es ist im Grunde alles ganz schlicht und einfach. Ich bin in einem Alter,“ – der Mann wird demnächst 59 – „in dem man sich beruflich noch einmal neu orientieren kann. Ich möchte noch einmal zu neuen Ufern aufbrechen. Eine neue Stadt, ein neues Publikum gewinnen. So wie ich 2009 von Aachen nach Stuttgart gekommen bin.“

Aber warum diese Abschieds-Ankündigung gerade jetzt, da auf dem Spielplan des Hauses eine der besten Produktionen jüngerer Zeit überhaupt steht? Just an diesem Samstagabend ist im Alten Schauspielhaus zum letzten Mal jene Revue zu sehen, mit der Manfred Langner als Intendant, Autor und Regisseur zeigt, wie nah er über die Jahre dieser Stadt, ihrer Geschichte und ihren Menschen inzwischen gekommen ist: „Ein Tanz auf dem Vulkan“ ist ein mitreißender, fast dreistündiger Theaterabend über, so der Untertitel, „Stuttgart und die zwanziger Jahre“ – unterhaltsam, intelligent, vielschichtig, lustig, traurig, ebenso heimliche Träume weckend wie schlimme Ängste nährend.

Theater für die Stadt

Auf einer großen, sich immer wieder ruhig drehenden, weißen Showtreppe erzählt eine glänzend disponierte Schauspielertruppe von einer Stadt, in der sich zwischen Weltkriegsende 1918 und Nazi-Diktatur 1933 vieles versammelte, was in der Moderne und in der Avantgarde Rang und Namen hatte, ob nun im Tanz, im Theater, in der Literatur oder in der Architektur. Und dazu singen sie, begleitet von einem sechsköpfigen Tanzorchester namens Horst Popocatépetl & seine Swinging Volcanos, die Schlager und Songs jener Zeit, von Walter Kollos „Mein Papagei frisst keine harten Eier“ bis Hanns Eislers „Ballade von der Krüppelgarde“, von Eduard Künnekes „Glücklicher Reise“ bis zur bitterbösen Kurt-Tucholsky-Vertonung „Küsst die Faschisten“. Das ist Stadttheater von höchster Qualität. Das ist Theater für die Stadt.

„Wir sind als Theater hier in Stuttgart und müssen darum auch etwas über Stuttgart erzählen“, erklärt Manfred Langner sein Anliegen, wie immer auf jene ruhige, eher distinguierte Art, die Außenstehende als distanzierte Unentschiedenheit missverstehen können, in Wirklichkeit aber einfach von Höflichkeit und schlüssig gefestigten Prinzipien zeugt. „Ich wollte nach den größeren Musicalproduktionen in früheren Saisons wieder etwas kleiner ansetzen, literarischer, aber auch politisch.“ Kleine Pause. „Es ist in der Politik gerade so viel los. Wir müssen etwas dazu sagen.“

So erweist sich der „Tanz auf dem Vulkan“ keineswegs nur als ein nostalgisches Fest. Nachdem Langner bei den Vorbereitungen mit dem musikalischen Leiter des Abends, Horst Maria Merz, das bunte Songprogramm zusammengestellt hatte, erfand er eine Geschichte und eine weitere Figur dazu: den Herrn Lechler, seines Zeichens Kulturbeauftragter der AfD. Er kommentiert nicht nur das Geschehen auf der Bühne, er versucht auch darauf Einfluss zu nehmen. Und was hier beim bloßen Lesen auf den Unbeteiligten künstlich und gestellt wirken mag, erweist sich am Abend und im Theater selbst als äußerst schlauer Kunstgriff: Was von dem, das uns heute am Stuttgart der zwanziger Jahre fasziniert, hätte denn wohl Platz in einer Republik, in der die „Alternative für Deutschland“ irgendwann das Sagen bekäme?

Eine Frage der Haltung

„Mich treibt das um, was sich da in jüngster Zeit entwickelt hat, der Rechtspopulismus, der Hass auf Europa und die EU, der Nationalismus, das Abschotten hinter Grenzen und Mauern.“ Auf der jüngsten Tagung des Deutschen Bühnenvereins hätten die Theaterintendanten ­diskutiert, wie ihre Häuser darauf reagieren sollten, schließlich gehört auch die Feindschaft gegenüber kritischer Kultur zum Glaubenskanon aller neuen Volksanführer. „Ich finde, Theater können und müssen vieles zum Thema drumherum veranstalten. Aber vor allem müssen sie auf der Bühne Stellung beziehen. Ich kann da nicht schweigen. Ich bin mit dem Grund­gesetz aufgewachsen. Ich weiß zu schätzen, was es den Deutschen ermöglicht hat, ­deswegen verteidige ich es auch in meinem Haus.“

Wenn man nun den Eindruck bekäme, man würde in Manfred Langners Häusern pausenlos belehrt, könnte das selbst bei wohlgestimmtesten Zuschauern irgendwann zu Verdruss führen. Aber das ist eben das Interessante an diesem Theatermenschen: Alles, was er da zum Ausdruck bringt, ist viel weniger eine Frage irgendwelcher Botschaften, es ist eine Frage der Haltung. Es ist kein politisches Programm, sondern ein Fundament, eine Ausgangslage. Und für einen Intendanten, Regisseur und Autor wie Langner ist völlig klar: Auf der Bühne hat eine Botschaft nur dann ihren Platz, wenn dort zuallererst und vorrangig gutes Theater gespielt wird. „Ich muss eine Geschichte erzählen, die Zuschauer für ein Thema interessieren. Wenn mir das gelingt, kann ich sie auch formal und ästhetisch in Gegenden locken, in die sie sich von allein nie getraut hätten.“

So versteht man dann einen Spielplan, der in dieser Saison beispielsweise eine Uraufführung des israelischen Dramatikers Joshua Sobol über die Versöhnung der alten Bundesrepublik mit dem jungen Israel beinhaltete („Blutgeld“), der demnächst den bewährten TV-Star, aber eben auch kraftvollen Theaterschauspieler Helmut Zierl in „Tod eines Handlungsreisenden“ zeigt, um dann wieder – Achtung, Schulklassen! – klassisch einen „Faust“ auf die Bühne zu holen, inszeniert aber von jenem jungen wilden Engländer namens Ryan McBryde, der 2015 mit einer Bühnenadaption von George Orwells „1984“ dem Alten Schauspielhaus sogar zu einer Nominierung für den Deutschen Theaterpreis in der Sparte Schauspiel verhalf.

Sieht der zum Abschied bereite Intendant für den Sommer 2019 also womöglich schlicht alle Möglichkeiten des Hauses ausgereizt? Alle Varianten in der Kleinen Königstraße und im Marquardt ein für alle Mal durchgespielt? „Theater hat nie alle Möglichkeiten durchgespielt.“ Oder gab es nach dem „Tanz auf dem Vulkan“ allzu viele Proteste? „Bei mir nicht.“ Aber warum will er dann gehen? Ausgerechnet jetzt? „Besser, ein Ende dann anzukündigen, wenn fast alle traurig darüber sind.“ Manfred Langner passt perfekt in dieses Intendantenbüro ganz unterm Dacht des Jugendstilgebäudes an der Kleinen Königstraße 9: Er nimmt das Theater deutlich wichtiger als sich selbst. Er glaubt an dessen Aufgabe und Möglichkeiten. Für Häuser wie dieses zweifellos eine Idealbesetzung.