Sie mag vielschichtige Rollen
Kämpferisch, entschlossen, unbeirrbar: So ist Schirin Brendel als Ebba in „Momentum“. „Ich bin ein Fan der Dramatikerin Lot Vekemans und wollte schon immer in einem ihrer Stücke spielen“, erzählt sie. Ihr gefällt, dass Handlung und Personen so vielschichtig sind und letztere unter dem Einfluss von Psychodrogen nicht sie selbst. „Ebba nimmt Speed. Ich habe nachgelesen, was das bewirkt. Man ist völlig frei von Angst, enorm konzentrations- und leistungsfähig.“ Das erklärt Ebbas Rigorosität sowie ihre Wandlung nach dem Zusammenbruch. „Ich liebe die Szene, in der ich im Koma liege und zuhöre, was für Gedanken in den anderen Figuren hochsteigen“, sagt sie schmunzelnd.
Geboren und aufgewachsen ist Schirin Brendel in Frankfurt am Main als Tochter einer Stadtplanerin und eines iranischen Architekten. Zeitweise lebte die Familie in Teheran. „Meine Eltern waren im Begriff, in den Iran zu ziehen. Dann kam 1979 die islamische Revolution und vereitelte diesen Plan.“ Und so war Schirin Brendel, die auch Farsi spricht, seit ihrem sechsten Lebensjahr nicht mehr in dem Land, in dem derzeit die Frauen den Protest gegen das Mullah-Regime befeuern und symbolträchtig ihre Haare abschneiden. „Eine starke Geste.“
Das Gesicht schmal, geprägt vom Schwung der Brauen und Lippen, das Haar dicht, lang und lockig. Schirin Brendels Präsenz auf der Bühne hat oft eine gewisse Strenge. Als Gesprächspartnerin ist sie gelöst, nahbar und stellt amüsiert klar: „Ich spiele auch gern lustige Rollen. Auch da gibt es eine ungeheure Tragik in den Figuren, nur, dass das Publikum darüber lachen kann.“
Ihre Liebe zur Schauspielerei entdeckte sie schon während der Schulzeit. „Ich war in der Theater-AG, aus der die freie Truppe ,Play now‘ hervorging“, blickt sie zurück. Ein Raum zur freien Nutzung ermöglichte unbegrenztes Proben und Ausprobieren. „Dort verbrachte ich den Großteil meiner Zeit. Das Abi habe ich nebenher gemacht.“
Nach einer Zwischenstation an einer privaten Schauspielschule schaffte sie es als Schauspielschülerin auf die Universität der Künste Berlin. „Das war für mich der richtige Ort.“ Auch weil dort kein anderer als Peter Stein als Honorarprofessor Studierenden bei der Erarbeitung ihrer Vorsprechrollen half. „Das habe ich sehr geschätzt, da Stein ja aus der Theaterpraxis war.“
Nach ihrem Abschluss begegnete sie Stein in Frankfurt bei einer Lesung wieder. „Als er erfuhr, dass ich noch kein Engagement hatte, gab er mir den Tipp, nicht locker zu lassen und Regisseure so lange zu nerven, bis sie eine Rolle für mich hätten.“ An diesen Rat hat sich die junge Frau erinnert, als sie von Steins Vorhaben hörte, Goethes „Faust“ eins und zwei ungekürzt an einem Abend auf der Expo Hannover 2000 aufzuführen. „Ich schrieb ihm, dass ich da unbedingt dabei sein will.“ Es klappte. Sie wurde Mitglied in Peter Steins Faust-Ensemble.
Intensive Anfangsjahre in der Schauspielerei
„In so jungen Jahren mit Größen wie Bruno Ganz zu arbeiten und zu erleben, was sie mit Sprache machen und aus Texten herausholen – das war schon ein Erlebnis und hat mich geprägt.“ Es seien intensive Jahre gewesen, mit Hauptproben bis nachts um drei Uhr. „Sich danach neu zu orientieren, war nicht einfach.“
Den Freilichtspielen in Schwäbisch Hall ist es zu verdanken, dass Stuttgart das Zuhause von Schirin Brendel wurde. Dort spielte sie 2003 in Shakespeares „Komödie der Irrungen“ und verliebte sich. Ihr Kollege und späterer Mann wurde dann vom Theater der Altstadt engagiert. Nach zwei Jahren Fernbeziehung zog Schirin Brendel von Berlin nach Stuttgart. „Ich hatte Glück, dass Ulrich Rasche am Stuttgarter Staatstheater für ,Kirchenlieder‘ jemanden suchte und hatte sofort Arbeit.“
Mit keinem anderen Regisseur aber hat Schirin Brendel öfter gearbeitet als mit Dieter Nelle. Ein gutes Dutzend Stücke haben sie seit 2009 gemeinsam auf die Bühne gebracht. Damals lebte der neue Intendant des Forum Theater Stuttgart noch als freier Regisseur in München. „Die Arbeit mit ihm ist immer vielschichtig und geht sehr tief. Auch geht er davon aus, was im Text steht.“ Dies habe sie schon bei Peter Stein geschätzt.
Vom Reiz der kleinen Bühnen
Ob Forum Theater oder Studio Theater: Was für Räume auch an kleinen Bühnen geschaffen werden können, verblüfft Schirin Brendel immer wieder neu. „Da man näher am Publikum ist, kann man mit feinen leisen Tönen viel ausdrücken.“ Dass auf größeren Bühnen das Energielevel anwachsen kann, erlebt sie, wenn sie mit dem Forum Theater oder Studio Theater bei den Hamburger Privattheatertagen gastiert. Als Darstellerin war sie dabei, als 2016 „Das Wintermärchen“ in der Regie von Dieter Nelle und 2018 „Hungaricum“ in der Regie von Christof Küster mit dem Monika Bleibtreu Preis ausgezeichnet wurden.
Nun hofft Schirin Brendel, die auch in einigen „Tatort“-Folgen zu sehen ist, dass die Menschen wieder mehr ins Theater gehen. „Es ist schon spürbar und erschreckend, wie viele sich das durch die Pandemie regelrecht abgewöhnt haben.“
Termine
„Momentum“
17. November, 19.30 Uhr, 18. November, 19.30 Uhr mit Nachgespräch, 19. November, 19.30 Uhr, 20. November 18 Uhr, Forum Theater.
„Frauensache“
4. Dezember, 19 Uhr, 8. Januar, 18.30 Uhr, Theaterhaus.