Stuttgarter Schauspielhaus Tschechows „Kirschgarten“: Gestylt in den Untergang

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Der Hochglanztraum des Dieners: der Regisseur Robert Borgmann hübscht im Stuttgarter Schauspielhaus Tschechows „Kirschgarten“ auf.

Zwischen Grammophon und Dreirad: als Ranjewskaja verliert sich Astrid Meyerfeldt in den untergegangenen alten Zeiten. Foto: Theater
Zwischen Grammophon und Dreirad: als Ranjewskaja verliert sich Astrid Meyerfeldt in den untergegangenen alten Zeiten. Foto: Theater

Stuttgart - Unter den ereignisarmen Stücken, die Tschechow geschrieben hat, ist es das ereignisärmste. Auch in der „Möwe“, im „Onkel Wanja“ oder in den „Drei Schwestern“ geschieht nicht viel, aber im „Kirschgarten“, seinem letzten, 1904 in Moskau uraufgeführten Schauspiel, geschieht fast gar nichts. Die vier Akte lassen sich in einem Satz zusammenfassen: Die Ahnung, dass das überschuldete Gut der Ranjewskaja verkauft werden muss, verdichtet sich zur Gewissheit und führt zum Abschied vom Kirschgarten, der aus Renditegründen der Axt zum Opfer fällt. Aus. Ende. Mehr hat das von Tschechow als „Komödie“ bezeichnete Stück nicht zu bieten. Doch was langweilig klingt, muss nicht unbedingt langweilig sein: Gelingt es einem Regisseur, das Drama des Abholzens und Zerstörens von außen nach innen zu legen, in die beschädigten Seelen der Menschen, wird daraus eine spannende Inszenierung.

Im Stuttgarter Schauspielhaus legt der Regisseur Robert Borgmann den „Kirschgarten“ nun sehr, sehr weit nach innen. Zumindest auf den ersten Blick: Auf der von ihm entworfenen, fern jeder Russenfolklore durchgestylten Bühne liegen die Gutsbewohner reglos auf dem Boden zwischen den spitz zulaufenden Wänden des Salons. Ihre Körper sind ineinander verschlungen wie in einem Schlangennest, durch das sich die aus Paris heimgekehrte Gutsbesitzerin den Weg bahnt. Barfuß schlafwandelt die Ranjewskaja der Astrid Meyerfeldt durch ihr Zuhause, die roten Pumps vorm Kleid hertragend, bis die scheintoten Körper unter ihr schließlich die Glieder recken, sich noch enger aneinander schmiegen und allmählich zärtlich voneinander Besitz nehmen. Aus dem Schlangennest wird ein Liebesnest, in dem all die Männer und Frauen, die sich im „Kirschgarten“ mit Beharrlichkeit verfehlen, zur Paarung gelangen – und das ist zu schön, um wahr zu sein, in dieser schicken Tschechow-Adaption.

Ausgeburt der Fantasie

Und es ist ja auch nicht wahr. Es ist vielmehr, das suggeriert die Regie, eine nach innen gelegte Fantasie. Borgmann setzt alles daran, die Szenerie ins Somnambule zu tauchen, er übergießt die weißen Wände mit rotem, grünem, blauem Licht und steuert zu seiner leuzehaften Lichtsauna live produzierte Esoterikklänge bei. Unter großem kunstgewerblichem Aufwand rückt er das Liebesnest in die Sphäre des Traums, der von einem Mann geträumt wird, der sich während der psychedelischen Körperorgie unbemerkt am Rand niedergelassen hat: der Diener Firs. Von der Gutsgesellschaft ist der 87-jährige Domestik beim Abschied vergessen und im Haus eingeschlossen worden – und der „Kirschgarten“, wie ihn die Regie sieht, könnte eine Ausgeburt der Traumfantasie des zurückgelassenen und sich erinnernden Greises sein.

Denn das ist, neben der Traumdeutung, der zweite Trick im Schauspielhaus: Borgmann beginnt nicht mit dem ersten Akt von Tschechow, sondern mit dem letzten. Er zäumt seinen „Kirschgarten“ von hinten auf und lässt ihn als Retrospektive laufen, als Rückschau auf die drei vorausgegangenen Akte, die er nach der Initiation in Firs’ Traumwelt chronologisch und weitgehend texttreu präsentiert – und leider auch weiterhin mit einem fatalen Hang zum Kunstgewerbe. Ins Visuelle ist die Regie nämlich derart verliebt, dass sich zwischen Sein und Bewusstsein der verlorenen Figuren hier immer wieder das coole Design schiebt.

Der zur heimlichen Zentralfigur aufgestiegene Firs wird dabei von Elmar Roloff gespielt. Mit Frack und Melone verkörpert er die alten Zeiten, die mit dem Kirschgarten untergehen werden – und diese melancholische, weil anachronistische Rolle füllte er auf derselben Bühne schon einmal mit Grandezza aus. Vor sieben Jahren gelang es dem Regisseur Michael Thalheimer, Tschechows mächtige Unterströme freizulegen, das abgrundtiefe Unglück, das in den leicht hingeworfenen Sätzen der Ranjewskaja und ihrer Pflegetochter Warja, des Dienstmädchens Dunjascha und des Kontoristen Jepichodow vibriert. Denn alle sind sie in diesem Unglück ja auch miteinander verbandelt, in diesem zähen Geflecht verschrobener Beziehungen und Nicht-Beziehungen, aus dem sie sich nicht freistrampeln können. Und aus diesem privaten Unglück, das zeigte Thalheimer damals in aller reduktionistischen Wucht und Intensität, wird schleichend ein kollektives.

Dunjascha als sexy Hausmädchen

Dass der Verkauf des längst unrentabel gewordenen, aber noch immer als Sehnsuchtsort der Sippe fungierenden Kirschgartens zu verhindern wäre, kommt natürlich auch bei Borgmann zur Sprache. Dafür sorgt der spielerisch starke Manuel Harder als reich gewordener Bauer: In einem geschmacklosen Anzug steckend weist sein Lopachin Akt für Akt darauf hin, dass man den Kirschgarten abholzen und parzellieren müsste, um darauf Datschen zu bauen – ein Bombengeschäft, wahrlich, das jedoch von der unentwegt euphorisierten Ranjewskaja-Meyerfeldt ebenfalls Akt für Akt als „ordinär“ zurückgewiesen wird. Doch weshalb sie so handelt, wird bei Borgmann – und das ist das Problem – nicht klar: Bei ihm stellt sich, anders als bei Tschechow und Thalheimer, nirgends die wunderlich realitätsentrückte Atmosphäre des Landguts ein, die alle Insassen lähmend wie ein Gefängnis umgibt. Was in seiner Inszenierung bleibt, sind also nichts als unverbunden nebeneinander stehende Auftritte, von denen manche freilich überzeugen: Birgit Unterweger sext ihre Dunjascha in einen trashigen Schwank, während Wolfgang Michalek seinen Jepichodow als trotteligen Clown in die Zirkusmanege stellt.

Mit einem anderen Stuttgarter Tschechow ist Robert Borgmann 2014 zum Berliner Theatertreffen eingeladen worden: Im „Onkel Wanja“ brodelte es unter der ruhigen Oberfläche derart, dass der Stillstand explosiv wurde. Jetzt, in seiner vierten Arbeit im Schauspielhaus, hübscht er die Oberfläche nur auf. Firs Traum als Hochglanztraum – das führt, alles in allem, doch zu mehr Langeweile, als man in drei Theaterstunden zu ertragen bereit ist.




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