Stuttgarter Schlossplatz Was eine Stadt braucht
Nach Monaten voller Absperrungen und Sichtbehinderungen hat Stuttgart seinen Schlossplatz wieder. Er wirkt stimmiger denn je, kommentiert Jan Sellner.
Nach Monaten voller Absperrungen und Sichtbehinderungen hat Stuttgart seinen Schlossplatz wieder. Er wirkt stimmiger denn je, kommentiert Jan Sellner.
Was darf man von einer Stadt alles verlangen, damit sich bei den Bürgern das Gefühl einstellt, dass es „ihre“ Stadt ist? Die Ansprüche können höchst unterschiedlich ausfallen: „Ich verlange von einer Stadt, in der ich leben soll: Asphalt, Straßenspülung, Haustorschlüssel, Luftheizung, Warmwasserleitung. Gemütlich bin ich selbst“, schrieb Karl Krauss mutmaßlich von einem gemütlichen Wiener Kaffeehaus aus.
Dem vor 150 Jahren geborenen österreichischen Schriftsteller und Satiriker genügte es offensichtlich, wenn die Infrastruktur halbwegs stimmte. So gesehen hätte er sich unter Umständen auch in Stuttgart wohlgefühlt. Asphalt gibt’s hier reichlich. Auch genügend Haustorschlüssel – schließlich befinden wir uns im schwäbischen Homeländ! Was die Straßenspülung betrifft: Sie funktioniert zufriedenstellend. Darüber hinaus verfügt die Stadt Stuttgart über mehrere Kaugummi-Entfernungsmaschinen. An dieser Stelle schöne Grüße nach Wien! Dort scheint die Stadt das Kaugummi-Problem lange verschlafen zu haben, weshalb die leidtragenden Wiener Privatfirmen wie „Kaugummikiller“ und „Blitzblank“ mit dem klebrigen Thema beauftragt haben.
Zurück zu den Kraus’schen Mindestanforderungen an eine Stadt: Die Luftheizung begegnet uns heute in Gestalt von Wärmepumpen, und über warmes Leitungswasser brauchen wir uns nicht den Kopf zerbrechen. Eher über die Frage, warum es mit der Stadt am Fluss partout nicht klappen will. Auch wenn Krauss es nicht für erwähnenswert hielt, sollte eine Stadt doch einen ordentlichen Fluss haben, und zwar einen, den man auch sieht. Gut, dass es in Stuttgart just an diesem Wochenende zumindest ein Hafenfest gibt. Wobei nicht jeder Stuttgarter weiß, wo dieser Hafen eigentlich ist.
Und wenn wir schon mal dabei sind, dann wollen wir die Liste von Herrn Krauss noch etwas verlängern – über den Asphalt und die Straßenspülung hinaus. Was eine Stadt nämlich auch haben sollte, ist ein Mittelpunkt, an dem sich die Dinge konzentrieren und von dem aus sie sich auffächert und entfaltet. In dieser Hinsicht kann Stuttgart sich mit dem Schlossplatz, den manche zu den schönsten Plätzen Europas zählen, glücklich schätzen.
Und noch viel glücklicher, dass er jetzt endlich wieder uneingeschränkt zugänglich ist. Drei Monate lang war der einst aus einem Exerzierplatz hervorgegangene und in seiner Anlage barocke Platz mit Absperrungen versehen – erst während der Fußball-EM, dann während der Jazz Open. Zwei Veranstaltungen, die der Stadt gutgetan haben. Allerdings mussten in der Folge Rasenflächen und Wege wieder hergestellt werden. Das dauerte, so sehr das dafür zuständige Land sich auch bemühte.
Nun aber zeigt sich eindrucksvoll, was Stuttgart an diesem großzügigen Platz hat. In voller Schönheit liegt er zwischen Königsbau/Kunstmuseum und Neuem Schloss – unaufgeregt, ausgewogen, im warmen Spätsommerlicht, mit den zwei Alleen links und rechts, von denen die Kastanien tropfen, während sich Menschen auf das neu verlegte Grün rund um die Jubiläumssäule wagen – mit Blick auf die Springbrunnen und den Musikpavillon und den Ehrenhof, das Alte Schloss und das wieder eröffnete Kunstgebäude, im Hintergrund die Oper erahnend. So bereinigt, pur, klar und stimmig erlebt man den Platz und das Gesamtensemble selten. Ganz ohne Firlefanz. Leider aber auch ohne Herbstbepflanzung, die offenbar vergessen worden ist.
Schade nur, dass Karl Krauss nicht mehr da ist und infolgedessen auch nicht in der Stadt sein kann. Er hätte es sich – trotz Fehlen eines Wiener Kaffeehauses – an diesem Stuttgarter Schlossplatz vielleicht sogar gemütlich gemacht.