Stuttgarter Schulbürgermeisterin Isabel Fezer „Haben Digitalisierung nicht verschlafen“

Für den Unterricht mit digitalen Medien sind in Stuttgart noch längst nicht alle Schulen ausreichend ausgestattet. Foto: dpa/Marijan Murat

Im Interview verteidigt die Stuttgarter Schulbürgermeisterin Isabel Fezer die Strategie der Stadt bei der Ausstattung der Schulen mit Multimedia und Datenleitungen.

Stuttgart - Bislang ist es in Stuttgart immer noch Glückssache, wie gut ausgestattet eine Schule für den digitalen Unterricht ist. Die Stadt ist für die Ausstattung ihrer 169 Schulen zuständig. Die Unterschiede zwischen ihnen sind erheblich. Über die Probleme bei der Digitalisierung der Bildungsstätten haben wir mit Schulbürgermeisterin Isabel Fezer (FDP) gesprochen.

 

Frau Fezer, der Gesamtelternbeirat sagt, Stuttgart habe die Digitalisierung der Schulen verschlafen. Was sagen Sie?

Das trifft nicht zu. Wir haben bei der Digitalisierung große Fortschritte gemacht und kommen gut voran. Wir haben uns dabei mit großen Volumina und Zahlen auseinanderzusetzen. Das fängt an bei der Vernetzung und endet bei den Endgeräten und beim Support. Dabei geht es nicht nur darum, sofort irgendwelche Lösungen bereitzustellen, die als Insellösungen funktionieren. Sondern wir wollen eine Struktur bereitstellen, die auch langfristig für alle Beteiligten handhabbar ist.

Die Schulleiter haben bereits 2015 und zuletzt im März 2019 einen Zeitplan zur Umsetzung der Digitalisierung und ein Multimediakonzept gefordert. Warum gibt es das beides noch nicht?

Wir sind mittendrin in der Digitalisierung.

Gibt es einen Zeitplan?

Natürlich gibt es den. Bereits seit 2017. Er sieht die sukzessive Anbindung unserer Schulen ans städtische Glasfasernetz, die Vernetzung aller Schulgebäude inklusive WLAN und die Bereitstellung von Endgeräten vor. Aber die Umsetzung hängt zum Teil auch von externen Faktoren ab.

Und das Multimediakonzept?

Das ist ein Teil des Gesamtkonzepts. Das heißt, wir haben nicht nur technische Standards für Endgeräte und digitale Präsentationsmedien wie etwa Whiteboards. Sondern wir entwickeln in enger Abstimmung mit Stadt- und Landesmedienzentrum aktuell auch mit allen Schulen konkrete schulspezifische Einsatzkonzepte für die von uns bereitgestellten Geräte.

Ist das Konzept öffentlich zugänglich?

Ja, es gibt Vorlagen von 2017 und 2019 dazu für die Haushaltsplanberatungen. Die sind zum Teil durch Corona überholt worden, etwa bei der iPad-Beschaffung. Der Plan sieht auch einen stufenweisen Ausbau von Personal beim Schulverwaltungsamt vor. Das brauchen wir für die Entwicklung der Medienentwicklungspläne, die Voraussetzung dafür sind, Fördergelder aus dem Digitalpakt zu bekommen. Wir können ja nicht ins Blaue hinein Infrastruktur für die Schulen bereitstellen. Dem muss ein Plan vorausgehen, aus dem hervorgeht, was man macht und was man für ein Bildungsprofil der Schule braucht.

Diesen Plan haben die Schulen bisher offenbar vermisst und fühlen sich bei der Digitalausstattung alleingelassen. Sehen Sie hier Versäumnisse?

Nein. Gerade berufliche Schulen können eigene Lösungen wie Livestreaming ausprobieren. Aber: Solche individuellen Lösungen außerhalb unserer Standards sind nicht regulär vorgesehen und werden auch nicht unterstützt – weder vom Kultusministerium noch von uns. Denn wenn man gleichzeitig verlangt, dass ein konsistenter Support bereitgestellt wird, die Hotline und der Service über Jahre funktionieren, ist das nicht möglich. Wir können nicht eine digitale Schullandschaft unterstützen, die aus 169 Einzellösungen besteht. Deswegen hat sich der Schulträger für zwei wichtige Ansätze entschieden: Zentralisierung und Standardisierung – bei Geräten, aber auch bei Abläufen. Das klingt bürokratisch und dauert auch etwas länger. Aber es führt dazu, dass die Hotline sofort weiß, wie die Ausstattung, Netzwerkstruktur und Endgeräte der anrufenden Schule aussehen – und konkrete Hilfe bietet oder ein zentrales Programm aufspielt. Deshalb arbeiten wir auch mit einem zentralen Server und über das städtische Glasfasernetz. Aber da müssen alle Schulen erst mal angeschlossen werden.

Die Stadt hat 13 000 iPads für Schüler besorgt. Wie wollen Sie erreichen, dass die alle WLAN zu Hause haben?

WLAN zu Hause ist ein Problem. Das können wir als Schulträger aber nicht in Privatwohnungen bereitstellen. Schließlich gehen bei uns auch auswärtige Kinder zur Schule. Daher muss das bundesweit geklärt werden. Das haben wir auch beim Deutschen Städtetag platziert.

2019 haben die Schulleiter einen „Stuttgarter Digitalisierungsgipfel“ gefordert, um auch gemeinsam und konzeptionell weiterzukommen. Bisher gab es keinen. Ist der überflüssig?

Ich würde es jetzt mal Arbeitsgruppe nennen. So sind wir miteinander verblieben. Das ist von den Schulleitern der beruflichen Schulen angeregt worden, um deren Impulse einzubringen. Aber wir sind da von Corona überrollt worden.

Aber die Forderung kam ein Jahr vor Corona. Hat die Arbeitsgruppe schon mal getagt?

Weiß ich nicht. Aber die Politik, auch die Verwaltungsspitze, weiß, was sie zu tun hat. Das findet sich in den Vorlagen, die sind auch den geschäftsführenden Schulleitern bekannt. Und die sitzen ja auch in den entsprechenden Ausschüssen. Wir machen hier eine hochkomplexe, hochkompetente Arbeit. Wir holen uns den Input der Schulen schon rein.

Aber eher nur auf kleiner Flamme?

Nein. Wir haben auf sehr großer Flamme gekocht, und zwar seit geraumer Zeit. Für die letzten Haushaltsplanberatungen haben wir ein großes Konzept aufgelegt – und einen erheblichen Personalzuwachs im Bereich Schul-IT bekommen. Den kriegen Sie nur, wenn Sie das inhaltlich untermauern. Intensiver als an diesem Thema kann man gar nicht arbeiten.

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