Stuttgarter Schulen im Umbruch Bürgermeisterin – „Nicht tatenlos beim Sterben der Werkrealschulen zuschauen“

Bürgermeisterin Isabel Fezer hat ihren Standpunkt zur Weiterentwicklung des Schulangebots in Stuttgart deutlich gemacht. Foto: Lichtgut/Rettig

Das neue Schulgesetz zwingt zum Handeln. Die Schulen müssen neu aufgestellt werden, eine weitere Gemeinschaftsschule soll entstehen. Was noch geplant ist und welche Fragen offen sind.

Familie/Bildung/Soziales: Alexandra Kratz (atz)

Die Stuttgartrer Stadtverwaltung hält an ihrem Vorschlag fest, alle Werkrealschulen in Stuttgart auslaufen zu lassen. Das hat Isabel Fezer am Dienstag im Jugendhilfeausschuss noch einmal deutlich gemacht. Man wolle nicht tatenlos beim langsamen Sterben der Werkrealschulen zuschauen, sondern die zur Verfügung stehenden Steuerungsmöglichkeiten nutzen und Schülerinnen und Schülern in Stuttgart attraktive Angebote machen, sagte die für Bildung zuständige Bürgermeisterin.

 

Dazu gehört für sie auch die Gründung einer neuen Gemeinschaftsschule in Stuttgart-Ost, und zwar am Campus Ostheim. Die Realschule und die Werkrealschule an diesem Standort sollen auslaufen, die beiden Schulen dann aufgehoben werden. Dafür soll eine neue Gemeinschaftsschule entstehen. Die Grundschule bleibt erhalten und wird in diesen Prozess einbezogen. Die Raichberg-Realschule soll Bestand haben und gestärkt werden. „Das Ergebnis wären zwei stabile Schulen der Sekundarstufe I in Stuttgart-Ost: eine Realschule und eine Gemeinschaftsschule“, sagte Fezer, als sie den Vorschlag mündlich vorstellte.

Die Gemeinschaftsschule soll frühestens zum Schuljahr 2027/2028 gegründet werden. Schneller sei dieser Schritt nicht zu schaffen, erklärten die Fachfrauen vom Schulverwaltungsamt. Die Real- und die Werkrealschule Ostheim schließen erst, wenn die neue Gemeinschaftsschule an den Start geht. Es ist also ein nahtloser Übergang geplant.

Vorgesehen ist auch, dass in Stuttgart zwei neue Realschulen gegründet werden, und zwar am Standort der Rosensteinschule in S-Nord und am Standort der Bismarckschule in Feuerbach.

Mehrere Fraktionen sind für eine weitere Gemeinschaftsschule

Die Gründung einer neuen Gemeinschaftsschule war in den ursprünglichen Plänen der Verwaltung zur Weiterentwicklung des Stuttgarter Schulangebots noch nicht enthalten. Jedoch hatten sich mehrere Fraktionen des Gemeinderats dafür ausgesprochen. Die Grünen, SPD und Volt, die Fraktionsgemeinschaft Linke/SÖS/Plus sowie die Freien Wähler hatten in einem Antrag die Verwaltung dazu aufgefordert, unter anderem zu prüfen, ob in Stuttgart eine weitere Gemeinschaftsschule eingerichtet werden kann.

In einem weiteren aktuellen Antrag fordern die Fraktionen SPD und Volt, CDU sowie Puls, dass in Stuttgart drei Werkrealschulen zunächst erhalten bleiben. Die Verwaltung soll dafür geeignete Standorte vorschlagen, und zwar auf Grundlage objektiver Kriterien, insbesondere:

  • Anmeldezahlen
  • Entwicklungsperspektiven
  • sozialräumliche Bedeutung

An den verbleibenden Werkrealschulstandorten sollen, sofern pädagogisch sinnvoll und organisatorisch realisierbar, Kooperationen mit beruflichen Schulen aufgebaut werden. Der Gemeinderat soll sich in zwei Jahren erneut mit der Zukunft der drei verbleibenden Werkrealschulen befassen.

Mit der Abschaffung des Werkrealschulabschlusses wird die Werkrealschule faktisch wieder zur Hauptschule. Foto: stock.adobe.com

Einen Beschluss zur Neugründung einer Gemeinschaftsschule und zum eventuellen vorläufigen Erhalt einiger Werkrealschulstandorte in Stuttgart fasste der Jugendhilfeausschuss nicht. Das Thema soll am 3. Dezember im Verwaltungsausschuss noch einmal ausführlich behandelt werden. Ihre Positionen machten die Fraktionen aber schon einmal deutlich.

Isabelle-Florentine Weichselgartner (CDU) sprach sich für den Erhalt des dreigliedrigen Schulsystems und damit für den momentanen Erhalt einiger Werkrealschulen aus. Auch Jasmin Meergans (SPD und Volt) äußerte die Befürchtung, dass Kinder, die mehr Unterstützung brauchen, an den großen Realschulen verloren gehen könnten. Sie seien an Werkrealschulen besser aufgehoben. Manja Reinholdt (SÖS/Linke/Plus) sagte: „Mir fällt es schwer, den zweiten Schritt for dem ersten zu gehen.“ Aktuell seien die Realschulen noch nicht dafür gerüstet, noch mehr Werkrealschülerinnen und -schüler aufzunehmen.

Fabian Reger (Grüne) mahnte an: „Wir müssen proaktiv handeln.“ Seiner Meinung nach sei es keine gute Idee, drei Werkrealschulen zu erhalten. Weil auch diese nicht überlebensfähig wären, unter anderem weil die Wege für die Kinder viel zu lang werden würden. Auch Rose von Stein (Freie Wähler) sagte: „Die Zahlen sprechen eine klare Sprache.“ Die Entscheidung zum endgültigen Auslaufen aller Werkrealschulen zu vertagen, ergebe keinen Sinn. Vielmehr müsse endlich wieder Ruhe in das Schulsystem reinkommen.

Werkrealschulen für viele nicht attraktiv

Schulgesetz
Hintergrund der Weiterentwicklung des Schulangebots in Stuttgart ist das neue Schulgesetz in Baden-Württemberg. Denn Werkrealschulen bieten künftig nur noch den Hauptschulabschluss an, der Werkrealschulabschluss wird abgeschafft. Die Stuttgarter Verwaltung geht davon aus, dass diese Schulart damit nicht mehr überlebensfähig ist, weil sich zu wenige Familien für sie entscheiden werden.

Zahlen
Politik und Verwaltung betonen immer wieder, dass an den Werkrealschulen sehr gute Arbeit geleistet werde. Dennoch sind sie aus Sicht vieler Familien nicht attraktiv. Zuletzt nahmen nur noch 17,4 Prozent der Kinder, die eine Empfehlung für die Werkrealschule hatten, einen Platz an dieser Schulform an – die meisten wählten stattdessen die Gemeinschafts- oder die Realschule. An drei von sieben Werkrealschulen in Stuttgart konnte zum Schuljahr 2025/2026 keine neue fünfte Klasse gebildet werden, weil es nicht genügend Anmeldungen gab.

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