Die deutsch-amerikanische Freundschaft ist unter Druck. Das Dauerfeuerwerk an verstörenden Nachrichten aus den USA reißt nicht ab. Der amerikanische Präsident Donald Trump agiert nicht nur demokratiefeindlich, er macht auch aus seiner europafeindlichen Haltung keinen Hehl. Auf der Homepage zum Schüleraustausch in die USA der „Auf in die Welt“-Messe ist aber die Welt noch in Ordnung. Unter der Überschrift „Auf ins Land der unbegrenzten Möglichkeiten“ steht da: „Die Vereinigten Staaten von Amerika sind weltweit das Traumland Nummer 1 für junge Leute, die eine neue Welt entdecken wollen.“ Auch bei den jungen Leuten in Deutschland stünden die USA klar an erster Stelle für den Schüleraustausch. Nur – stimmt das eigentlich noch? Haben junge Leute noch Lust aufs High-School-Jahr in Amerika oder schreckt die politische Situation ab?
So wirklich wird man das wohl erst in einem halben Jahr sagen können. Aktuell zeigt sich noch keine Trendumkehr. Nicht nur die Deutsche Stiftung Völkerverständigung, die die „Auf in die Welt“-Messen in Stuttgart und bundesweit veranstaltet, kann noch keinen wirklichen Anti-Trump-Effekt feststellen, sondern auch andere Anbieter. Zwar gebe es „ab und an“ besorgte Eltern, aber das seien Einzelfälle, so der Vorsitzende der Deutschen Stiftung Völkerverständigung, Michael Eckstein. Auch bei der Jugendagentur Stuttgart, die Wege ins Ausland vermittelt, ist „das Thema noch nicht spürbar“, wie deren Leiter Tom Kipp berichtet. Die USA seien „immer noch beliebt“.
„Als Land nach wie vor attraktiv“
Die Austauschorganisation AFS berichtet über „einzelne Rücktritte oder Länderwechsel“, so eine Sprecherin auf Anfrage. Zur generellen Nachfrage könne man erst im Herbst etwas Konkretes sagen, die neue Bewerbungsphase beginne erst in ein paar Wochen. AFS stellt aktuell aber einen „erhöhten Beratungsbedarf bei Eltern und Kindern, die mit uns in die USA gehen werden“, fest, was mit der aktuellen Nachrichtenlage zu tun habe. Sie weist darauf hin, dass die USA „immer noch ein sehr diverses Land“ seien. Bei der „sehr knappen Wahl“ im November hätten rund die Hälfte der Amerikanerinnen und Amerikaner für die Kandidatin der Demokraten gestimmt.
Der Vorsitzende der Deutschen Stiftung Völkerverständigung verweist ebenfalls auf den Herbst, sieht aber derzeit keine Anzeichen für einen Einbruch. Im Moment seien die Auswirkungen noch „marginal“. Die USA seien als Land „nach wie vor attraktiv“, betont Michael Eckstein. Das habe auch einen finanziellen Grund: Für alle, die ins englischsprachige Ausland wollten, seien die USA weiterhin das preisgünstigste Land – auch wenn die Kosten seit der Pandemie gestiegen seien. Wer nach Kanada gehen wolle, müsse drei Mal so viel investieren wie für ein Highschool-Jahr in Amerika. Das müsse man sich leisten können.
Anders als in Kanada, müsse man in den USA im klassischen Austauschprogramm weder für Schulgebühren noch für die Unterkunft zahlen. Ausnahme: Wer eine Privatschule besuchen will, zahlt entsprechend mehr. Die Austauschplätze für diesen Sommer seien bereits alle vergeben. Als nächstes gehe es um das Schuljahr 2026/2027. Als Trump das erste Mal zum Präsidenten gewählt wurde, habe es einen Rückgang bei der USA-Nachfrage um ein Drittel gegeben, so Eckstein, aber bereits nach einem Jahr habe sich das wieder normalisiert.
„Der richtige Weg ist dranzubleiben“
Auch in den Stuttgarter Gymnasien, die einen Schüleraustausch mit einer amerikanischen Schule pflegen, wird die politische Lage genau beobachtet. Mit Folgen für das eigene Programm rechnet aber aktuell keine der angefragten Schulen. Das Wirtemberg-Gymnasium pflegt schon seit 1981 einen Austausch mit einer Schule in Vermont und hat entsprechend schon viele Präsidenten kommen und gehen sehen. Vermont sei „Demokratenland“, wie der zuständige Lehrer, Lars Köhler, sagt. Alle zwei Jahre fliegen Stuttgarter Schüler für drei Wochen in die USA, im Sommer komme dann der Gegenbesuch – das nächste Mal steht er 2026 an. Das jetzt wegen der neuen politischen Situation nicht mehr zu tun, wäre der falsche Weg, meint Köhler. „Der richtige Weg ist dranzubleiben“, findet er.
„Unsere Patenschaft wird bleiben“, ist sich auch der Schulleiter des Friedrich-Eugens-Gymnasiums, Stefan Wilking, sicher. Aus seiner Schule sind vor Ostern Schülerinnen und Schüler in Philadelphia an der Partnerschule gewesen – an Gründonnerstag sind sie zurückgekehrt. Vor der Anreise habe es diesmal einige Nachfragen von Eltern gegeben, die sich Sorgen machten, es könnte Probleme bei der Einreise geben. Aber da habe man alle beruhigen können und es sei auch unproblematisch verlaufen.
Gymnasiasten fliegen nach Zypern statt in die USA
Es sei nicht einfach gewesen, diese Partnerschaft aufzubauen, eine Familie an ihrer Schule habe sie dabei tatkräftig unterstützt, zeigt sich Wilking dankbar.
Andere Stuttgarter Schulen berichten indes, dass das Interesse von us-amerikanischen Schulen an einer Partnerschaft inzwischen gering sei, weil nur wenige amerikanische Jugendliche Deutsch lernen. Einige mussten ihren US-Austausch deshalb aufgeben. Das Königin-Charlotte-Gymnasium hat deshalb zum Beispiel nun ein Programm mit Zypern.
Das sagen die Stuttgarter Universitäten
Allgemein
Was die Austauschprogramme für Studierende mit US-Universitäten angeht, kann man noch keine Umorientierung oder einen Bewerbereinbruch feststellen. Das sei aber auch noch zu früh, heißt es sowohl aus der Uni Stuttgart als auch aus der Uni Hohenheim. Da müsse man die neuen Bewerberrunden abwarten.
Uni Stuttgart
Sibylle Langer, die zuständige Programmkoordinatorin der Uni Stuttgart, verweist auf den Herbst. Ob sich Stuttgarter Studierende, die aktuell in den USA sind, Sorgen machen, dass zum Beispiel ihr Visum gefährdet sein könnte, kann sie nicht sagen. Sie habe von den Studierenden, die aktuell in den USA seien, nichts gehört. „Wir beobachten die Situation sehr genau“, sagt Langer. Um die 30 Studierende gingen pro akademisches Jahr in die USA, davon zwei Drittel im August, ein Drittel im Frühjahr. Hinzu kommen diejenigen, die selbstorganisiert an einer amerikanischen Universität studieren. Die USA hätten aber schon länger Konkurrenz bekommen – vor allem diverse Länder in Asien wie Japan seien sehr beliebt. Es sei nicht mehr so, dass die USA das einzige Überseeland seien, wo alle hinwollten.
Uni Hohenheim
Auch Franziska Schenk, Leiterin des Akademische Auslandsamts der Uni Hohenheim, will keine „Spekulationen“ anstellen, wie sich der Zuspruch zum Austausch mit den US-Universitäten entwickeln könnte. Die letzten Bewerbungsfristen seien kurz nach der Wahl gewesen. „Da hatten wir keinen Einbruch“, so Schenk.