Stuttgarter Schulleiter im Vorbereitungsstress „Ich hoffe inständig, dass Schulen offen bleiben“

Am Montag startet auch in Stuttgart wieder die Schule. Foto: /picture alliance/dpa/Philipp von Ditfurth

Der Stuttgarter Gymnasialleiter Manfred Birk zeigt sich im Interview besorgt über die knappe Personaldecke, genervt von einem neuen Verwaltungsprogramm und hofft, dass Corona keine neuen Lücken reißt.

Was erwartet die Schülerinnen und Schüler im neuen Schuljahr? Auf welchen Coronakurs können sie sich einstellen? Und wie läuft die Vorbereitung an den Schulen? Manfred Birk, Leiter des Dillmann-Gymnasiums, gibt einen Überblick.

 

Herr Birk, haben Sie für das kommende Schuljahr genügend Lehrer an Bord?

Ja, für den Start reicht es. Aber kein Mensch weiß, wie sich die Bedingungen im Lauf des Schuljahrs ändern werden. Etwa ob die Maskenpflicht kommt. Dann dürften schwangere Lehrerinnen nicht mehr in Präsenz unterrichten. Falls kein Fernunterricht möglich ist, würden Lehrkräfte fehlen. Und: aktuell gibt es für einige Fächer keine Reserve mehr.

In welchen Fächern klemmt es?

Mathe, Physik, Chemie, Naturwissenschaften. Wir haben da ein Strukturproblem. In den Naturwissenschaften gibt es einfach zu wenig Absolventen fürs Lehramt. Die Realschulen haben das Problem schon länger. Dort wird es durch Fächerverbünde kompensiert. Aber das ist nur eine Krücke. Eigentlich bräuchten wir speziell ausgebildete Lehrer. Aber die Sache hat auch einen volkswirtschaftlichen Aspekt. Es geht ja um die Aufgabe, in den aktuellen Schülergenerationen Interessenten für die Natur- und Ingenieurwissenschaften zu finden. Also überhaupt Interesse zu wecken, damit künftig Schülerinnen und Schüler das auch studieren. Da seh ich eine Gefahr. Wenn wir jetzt zu wenig Lehrer haben, wird sich das in den Studentenzahlen auswirken. Die Mintfächer und insbesondere die Informatik sind ein großes Problem. Das liegt auch daran, dass Informatiker in anderen Branchen besser bezahlt werden als im staatlichen Schuldienst.

Was steht bei Ihnen an Vorbereitungen an, damit der Schulstart am Montag geschmeidig losgeht?

Wir kämpfen im Moment gerade mit ASV-BW, dem neuen Verwaltungsprogramm. Manche Gemeinden haben es schon länger freigeschaltet, Stuttgart erst im Juli. Aber da haben die Schulen Zeugnisse gemacht und niemand ist dazu gekommen. Jetzt haben wir in Stuttgart die Schwierigkeit, dass viele Schulen umstellen, aber viele Fragen aufploppen, weil diese Plattform nicht selbsterklärend ist. Das war zu erwarten. Aber die Service-Hotline des Landes kommt nicht nach, die Fragen dazu alle zu beantworten.

Was bedeutet das für den Ablauf in der Schule?

Im ASV-BW müssen nicht nur sämtliche Schüler erfasst werden, sondern auch sämtlicher Unterricht. Daraus soll später die Statistik abgeleitet werden, die wir dem Regierungspräsidium und dem Kultusministerium als Daten liefern müssen. Auch der digitale Stundenplan muss darauf abgestimmt werden. Also: Schüler können nicht in eine neue Klasse versetzt werden oder der Stundenplan kann nicht aktualisiert oder überhaupt neu eingegeben werden, weil zu viele Schulen in der Hotline hängen. Da wartet man stundenlang.

Was ist Ihre größte Sorge im Blick aufs Schuljahr?

Dass die Entwicklung von Corona uns den Unterrichtsalltag wieder schwer machen könnte. Ich hoffe inständig, dass das Land bei seiner Zusage bleibt, die der Bund getroffen hat: nämlich dass Schulen nicht geschlossen werden. Weitere Schulschließungen wären nicht gut für die Entwicklung der Schüler, aber auch für den Unterricht selber. Der zweite Punkt ist die Personalentwicklung: Kommt die Maskenpflicht – oder kommt sie nicht? Daran hängt viel. Das betrifft nicht nur Schwangere, sondern auch gesundheitlich belastete Lehrkräfte, die dann aussteigen müssten. Da könnte der Normalbürger ja sagen: Sollen sie halt auf Fernunterricht umsteigen, das haben sie ja schon mehrere Jahre geübt. Aber dann müssten die Klassen in ihrem Stundenplan ständig zwischen Präsenz- und Fernunterricht wechseln. Das kann man aber nur schlecht gewährleisten, etwa wenn es für eine Stunde sein soll. Dann müsste man für die Klasse einen Raum finden, wo jeder Schüler mit seinem iPad auf den Hotspot zugreifen und ins Netz gehen kann. Oder man müsste die Stunde, etwa Mathe, ganz an den Rand legen, was stundenplantechnisch nicht einfach ist. Deshalb ist so viel Präsenz wie möglich die einzige Lösung.

Gibt es Empfehlungen, die Sie ihren Lehrern und Schülern bezüglich Corona aussprechen?

Noch haben wir keine Maskenpflicht, deshalb können wir nur empfehlen, Maske zu tragen. Wir können niemanden verpflichten. Aber es ist für uns Lehrer auch eine Gratwanderung. Wir haben uns alle gefreut, dass wir die Masken im beginnenden Sommer ablegen konnten. Aber die Coronawelle im Juli hat uns ja gezwungen, die Masken wieder anzuziehen, um für möglichst viel Stabilität und möglichst wenig Ansteckung in der Schule zu sorgen. Die Gefahr war zu groß, dass zu viele Lehrkräfte ausfallen. Wir hoffen alle, dass wir ein möglichst normales Schuljahr hinkriegen.

Wissen Sie schon, wie viele ukrainische Schüler Sie im neuen Schuljahr haben werden?

Nein. Die Phase, in der wir die geflüchteten Schüler aufgenommen haben, um ihnen im Alltag Struktur zu geben, ist vorbei. Jetzt müssen die Schüler in Deutschkurse und Vorbereitungsklassen kommen. Da wir dafür bei uns am Dillmann-Gymnasium keinen Platz haben, können wir in unseren Klassen nur Schüler aufnehmen, die dem Unterricht gewachsen sind und ausreichend Deutsch können.

Wir wird das festgestellt?

Dafür gibt es bisher noch keine Handhabe. Wichtig wäre ein Einstufungstest, der die schulartspezifische Zuordnung erleichtern würde. Damit wäre auch den Kindern und Jugendlichen gedient. Aber es gibt offenbar auch nicht genug Personal für die Vorbereitungsklassen. Man könnte in den Seminaren stärker für Deutsch als Fremdsprache werben. Wir werden bei der Integration der Flüchtlinge darauf angewiesen sein. Es wird etliche Lehrer geben, die in den von ihnen studierten Fächern keine Stelle kriegen, weil es zu viele Absolventen gibt. Sie könnten möglicherweise mit Deutsch als Fremdsprache gute Unterstützung leisten.

Wie ist die Stimmung im Kollegium?

Gut. Die Kolleginnen und Kollegen, die ich getroffen habe, gehen alle mit Freude und Optimismus ins neue Schuljahr. Sie gehen gestählt aus den vergangenen Coronajahren hervor. Die erneute Coronawelle im Juli in Stuttgart hat uns schon viel Improvisationskunst abverlangt. Da hat noch eine letzte Feuertaufe stattgefunden. Insofern kann uns fürs neue Schuljahr nichts mehr schocken.

Freuen Sie sich auch aufs Schuljahr?

Ja. Ich freu mich auf den Unterricht mit den Schülern. Für den Lehrer ist diese Arbeit mit den Schülern als Impuls wichtig. Auch der Lehrer lernt im Unterricht mit den Schülern noch was. Auch darauf freu ich mich.

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