Seit gut zwei Jahren kennt die Gesellschaft das Phänomen: Man kann es sich noch so oft vornehmen, einen Abend im Freundeskreis mal nicht über Corona zu reden – irgendwann ploppt das Thema dann doch auf. Sei es das inzwischen freiwillige Maskentragen oder der unter Eltern kontrovers diskutierte Wegfall der Testpflicht in den Schulen: Nicht immer ist man einer Meinung. Mitunter stoßen Welten aufeinander, wenn auf der einen Seite das „Team Vorsicht“ sitzt, auf der anderen ein „Querdenker“.
Der Partner glaubt an Verschwörungstheorien
So belastend das für Freundeskreise sein mag – wie ist das erst, wenn man in der Familie in völlig unterschiedliche Richtungen geht bei dem Thema? So erlebt es Alina Krämer (Name geändert) seit knapp zwei Jahren. Weil sie damit nicht mehr alleine sein wollte, sondern Unterstützung brauchte, hat sie sich an die Selbsthilfekontaktstelle Kiss in Stuttgart gewandt. Dort erfuhr sie, dass noch keine Gruppe für Angehörige und Eltern von Coronaleugnern existiere – aber ein ebenfalls Betroffener auch angefragt habe und man die Gründung einer solchen Gruppe unterstützen würde. Das ist nun geschehen: Seit zwei Monaten treffen sie sich regelmäßig alle zwei Wochen und tauschen sich aus.
Alina Krämer hat viel zu erzählen. Ihr Mann ist „Querdenker“, durch und durch. „Es kam ohne Vorwarnung – und hat sich dann gesteigert. Er hängt nur noch am Handy auf Telegram und liest sich diesen Mist durch“, sagt sie. Selbst der Wunsch, das an Feiertagen mal zu lassen und sich ganz der Familie zu widmen, wird nicht mehr gehört. Normale Gespräche über den Alltag sind kaum noch möglich angesichts des in Pandemiezeiten omnipräsenten Themas, das alle Lebensbereiche von Einkauf über Schule bis Sozialleben berührt. „Ich hab mich heimlich impfen lassen, das darf er nicht wissen“, sagt Alina Krämer. Auch dass sie ihren Sohn vor einem dringend notwendigen Eingriff im Krankenhaus auf Corona testen ließ, darf der Partner nicht wissen. „Er glaubt, dass auf den Teststäbchen Parasiten sind, die in den Organismus übergehen, deswegen hat er es verboten, dass die Kinder getestet werden.“ Sie musste lügen – das Kind brauchte schließlich Hilfe. Lügen muss sie auch, wenn sie zur Selbsthilfegruppe geht. Kein schönes Gefühl – aber notwendig. „Ich muss darüber mit jemandem reden, dem es auch so geht“, dachte sich Alina Krämer, und meldete sich bei Kiss.
Das tat auch Susanna Schupp. Auch sie heißt anders und will nicht, dass ihr Sohn mitbekommt, dass sie seinetwegen Probleme hat. „So haben wir uns gefunden und die Gruppe ins Leben gerufen“, sagt sie. Sie ist die eigentliche Initiatorin.
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Bei Susanna Schupp ist es der Sohn. Er ist erwachsen und lebt weit weg – und doch ist das Auseinanderdriften belastend für die Mutter. „Man hat keine Chance mehr, gegen seinen Wortschwall anzukommen“, sagt sie. Sie versuche, Kontakt zu halten, da sie in der Gruppe den Rat bekommen habe: „Lasst den emotionalen Faden nicht abreißen.“ So habe es ein Teilnehmer für sich gehandhabt, der ähnliche Probleme in der Familie hat.
Es gibt keine Patentrezepte
Handlungsempfehlungen wie diese sind selten in der Gruppe. „Deswegen sind manche auch schon wieder ausgestiegen“, räumen Krämer und Schupp ein. Es seien Leute gekommen, verzweifelt ob der Orientierung enger Verwandter, die gehofft hatten, in der Selbsthilfegruppe zu erfahren, wie man die Angehörigen da wieder rausholen kann. Das kann und will die Gruppe nicht. „Es geht darum, dass man einfach einmal darüber reden kann und weiß, man ist nicht allein, andere haben die Sorgen auch“, sagt Alina Krämer.
Was das für Sorgen sein können, verdeutlicht sie an Beispielen: Der Partner nimmt die Tochter mit auf Demos der „Querdenker“. Schaut mit dem Sohn einen Film, in dem es um die Erde als Scheibe geht. Hängt ein „Querdenken 711“-Transparent an die Fassade, für das sie von Nachbarn beschimpft wird. Zum Leugnen der Gefahren durch das Coronavirus seien antijüdische und in jüngster Zeit prorussische Parolen gekommen. „Wir können über nichts mehr reden, ich vermeide die Themen“, sagt sie. Nur noch über den Einkauf fürs Abendessen, vergangene Urlaube und gemeinsame schöne Erinnerungen könne man sprechen. Die Beziehung will sie dennoch nicht infrage stellen. „Ich liebe ihn doch so sehr – und er mich“, sagt die Stuttgarterin. All das kann sie in der Gruppe besprechen – und es hilft ihr, das rauszulassen – auch wenn es zunächst an den Problemen zu Hause nichts ändert.
Die Kontaktstelle Kiss begleitet die Gründung der Gruppe
Für die Selbsthilfegruppe war die Kontaktstelle Kiss der erste Anlaufpunkt. „Wir haben aktuell 566 Gruppen in unserer Datenbank für Stuttgart“, sagt die Beraterin Janne Rauhut über das Angebot. Kiss gibt „Starthilfe“, wenn jemand eine neue Gruppe gründen will: „Wir erstellen eine Interessiertenliste – erfahrungsgemäß ergibt es ab sechs Personen Sinn, zu einem Treffen einzuladen“, sagt Rauhut. „Dann kann ein erstes Kennenlernen stattfinden.“ Die ersten drei Treffen sind für die Gruppen kostenfrei, dann falle eine Raummiete an. Wie viele Informationen die Selbsthilfegruppe veröffentlichen will, entscheiden die Organisierenden selbst. Im Fall der Angehörigen von Coronaleugnern und Querdenkern sind es wenige Infos, die frei verfügbar sind. Sie verraten, dass sie sich alle zwei Wochen donnerstags von 19.45 Uhr bis 21.45 Uhr treffen, in Stuttgart-Mitte. Details bekommt, wer sich unter echoraum-stuttgart@web.de bei der Initiatorin Susanna Schupp meldet. Das nächste Treffen ist am Donnerstag, 28. April.